Wie ein Startup die Landwirtschaft revolutioniert

Die Gründer von trecker.com sind gestartet um die Landwirtschaft zu revolutionieren und die Arbeit für Landwirte einfacher zu gestalten

Stellen Sie sich und Ihr Startup Unternehmen trecker.com doch kurz vor!
trecker.com ist ein 2012 gegründetes SaaS-Startup auf einer außergewöhnlichen Mission: Wir wollen von Berlin aus die Landwirtschaft digitalisieren und so das Leben von Landwirten einfacher und klarer machen.Die Landwirtschaft durchläuft seit Jahrzehnten eine technologische Revolution – immer größere Maschinen fahren dank GPS zentimetergenau über den Acker, Drohnen beobachten den Zustand der Pflanzen und Sensoren auf den Maschinen steuern die Pflanzenschutzspritzen. Dank der technologischen Fortschritte profitierte die Landwirtschaft von einer erheblichen Ertragssteigerung. Doch dem größten Problem der heutigen Zeit – der immensen Dokumentationspflicht und dem wachsenden Kostendruck – begegnen viele Landwirte weiterhin mit Zetteln, Aktenordnern und Bauchgefühl. Genau hier setzt trecker.com an. Durch einfache und intuitive Softwarelösungen helfen wir den Landwirten, Informationen direkt auf dem Feld mittels Smartphone-App zu erfassen und exakte Daten in Echtzeit für den Betrieb zu erhalten. Dadurch sparen Landwirte sehr viel Zeit bei der Dokumentation, können Mitarbeiter und Maschinen einfacher managen und entdecken vor allem ganz leicht Kosteneinsparpotentiale.

Wie ist die Idee zu trecker.com entstanden und wie haben Sie sich als Gründerteam zusammengefunden?
Gefunden haben wir uns auf ziemlich ungewöhnliche Weise: über eine Online-Partnervermittlung für Gründer. Also quasi Online-Dating, nur eben für Menschen, die Mitgründer für eine Unternehmensidee suchen. Wir wollten beide unbedingt etwas erschaffen, das den Menschen das Leben leichter macht und hatten auch bereits einige Ideen. Aber auf die Landwirtschaft sind wir erst durch einen gemeinsamen Freund im Bundesministerium für Landwirtschaft gekommen. Er hat uns erzählt, dass gute Agrarsoftware eine echte Mangelware ist. Mit Softwareentwicklung kannten wir uns aus, aber die Landwirtschaft hätte für uns als Stadtkinder nicht weiter weg sein können. Die Idee fanden wir deshalb umso spannender. Wir haben große Landwirtschaftsbetriebe besucht und über viele Wochen hinweg dort auch auf dem Feld mit angepackt. Was uns in den Betrieben auffiel: Im Büro türmten sich die Zettel und die Telefone der Betriebsleiter standen fast nie still. Die Koordination der Mitarbeiter und die aufwändige Dokumentation waren für viele Betriebsleiter eine echte Belastung. Daher haben wir uns entschieden, eine einfache Agrarsoftware zu entwickeln, die diese Probleme für die Menschen in der Landwirtschaft löst. Das war der Startschuss für trecker.com.

Von der Idee bis zum Start was waren bis jetzt die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?
Die größten Herausforderungen: Really understand the customer & find the best people to solve their problems! Und was die Finanzierung betrifft: Die ersten zwei Jahre haben wir uns komplett selbst finanziert. Das hätten wir auch durchaus weiter so machen können. Aber wer nach den Sternen greifen will, der muss schnell wachsen. Um uns das zu ermöglichen, investierte Target Partners im November 2014 2,1 Millionen Euro in trecker.com.

Wie hat sich das Unternehmen seit dem Start entwickelt?
Gestartet sind wir in einem Nischenmarkt der Landwirtschaft. Wir haben zunächst eine Betriebsführungssoftware für landwirtschaftliche Dienstleister (sog. Lohnunternehmer) entwickelt, mit der wir auch sehr schnell im Markt angekommen sind. Durch unsere Kunden sind wir dann stark in Kontakt mit vielen deutschen Landwirten gekommen, die uns immer wieder fragten, ob wir eine ebenso einfache Lösung auch für Agrarbetriebe entwickeln könnten. Bei einigen Betrieben waren der Dokumentationsaufwand und die Unzufriedenheit mit bestehenden Softwarelösungen sogar so groß, dass man uns aktive Unterstützung bei der Entwicklung anbot. Allein in Deutschland gibt es mehr als 287.000 landwirtschaftliche Betriebe – und die meisten von ihnen arbeiten immer noch mit Aktenschränken. Anfang 2015 haben wir uns daher für die Erweiterung unseres Angebots um ein Farm-Management-Systementschieden. Dieses haben wir zusammen mit Referenzbetrieben entwickelt, die unsere Software in der Entwicklungsphase einsetzten und uns regelmäßig Feedback aus der Praxis gaben. Pünktlich zum Start der Agritechnica – der weltgrößten Landwirtschaftsmesse – haben wir unser Farm-Management-System im November 2015 der Öffentlichkeit präsentiert und sind somit in den großen Landwirtschaftsmarkt gestartet. Heute beschäftigen wir über 40 Mitarbeiter in Berlin und unsere Kunden verwalten mit trecker.com bereits 1 Millionen Hektar allein in Deutschland.

Wer ist die Zielgruppe von trecker.com?
Landwirte und landwirtschaftliche Dienstleister.

Wie funktioniert die Software? Was kann mit der Software gemanagt werden?
Mit trecker.com erfassen landwirtschaftliche Betriebe ihre Daten bereits bei der Entstehung auf dem Feld. Hierfür nutzen Landwirte und Mitarbeiter unsere Smartphone-App. In dieser legen sie alle Maßnahmen an, die sie durchführen, buchen Maschinen und Betriebsmittel hinzu und fahren dann los. Via GPS erkennen wir automatisch, auf welchen Feldern sie die Maßnahmen durchgeführt haben und wie viel Zeit sie für die Fahrt zum Feld, den Einsatz und auch zum Rüsten der Maschinen benötigt haben. Alle Daten werden dann automatisch an unsere Online-Plattform übertragen. Dort füttern sie zum Einen die sog. Ackerschlagkartei – eine Dokumentationsübersicht für jedes Feld, in der Landwirte – wie vom Gesetzgeber vorgeschrieben – festhalten müssen, wann welche Maßnahme durchgeführt wurde, in welcher Menge Betriebsmittel wie Dünger und Co. ausgebracht wurden und vieles mehr. Auch die Arbeitszeiten jedes Mitarbeiters werden an die Plattform übertragen und minutengenau in Arbeitszeitkonten gespeichert. Das ist wichtig für die Lohnabrechnung sowie für die lückenlose Vorlage bei Zollkontrollen. Mit trecker.com müssen Landwirte nichts mehr auf Zetteln festhalten und dann umständlich in ein oder mehrere Programme per Hand eingeben. Mehrfacheingaben sind damit Geschichte, was gerade bei vielen Maßnahmen und Aushilfen/Erntehelfern eine echte Erleichterung ist. Zum Anderen sind in trecker.com auch alle Kostensätze für die Maschinen, Mitarbeiter und Betriebsmittel des Landwirts festgehalten. Dadurch errechnen wir automatisch, wie teuer eine Maßnahme war und welche Kosten ein Feld oder eine Kultur über die Zeit verursacht. Für Landwirte ist genau das ein riesiger Fortschritt. Bisher war der Aufwand für eine vollständige Kostenübersicht in Echtzeit einfach zu gewaltig und so wurden betriebswirtschaftliche Entscheidungen nach Bauchgefühl getroffen. Mit trecker.com bekommen Landwirte nun erstmals exakte Kennzahlen und einen Überblick über ihren Betrieb. Dadurch sehen sie ganz schnell, wo Kosten eingespart oder der Betriebsablauf optimiert werden kann.

Wie ist das bisherige Feedback?
Durchweg positiv! Viele unserer Landwirte fangen schon kurz nach dem Start mit trecker.com an, Abläufe umzustellen und Kosten einzusparen. Der Klassiker sind die Fahrzeiten. Oft führen die Landwirte eine Maßnahme gleich auf mehreren Schlägen aus und sehen dann in der Plattform, dass die Fahrzeit einen erstaunlich hohen Anteil eingenommen hat. Das Geld blieb sozusagen auf der Straße liegen. Zum Beispiel weil die Fahrer immer wieder zum Hof zurückfahren mussten, um die Pflanzenschutzspritze zu füllen. Also platzieren sie beim nächsten Mal eine Tank an einer zentralen Stelle zwischen den Feldern und sparen dadurch bares Geld ein. Zwischen drei und fünf Prozent mehr Gewinn machen die Kosteneinsparungen durch trecker.com bei unseren Kunden im Durchschnitt aus.

trecker.com, wo geht der Weg hin? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Wir haben jetzt über 40 Mitarbeiter und eine Investition von 2,1 Millionen Euro bekommen. Damit wollen wir zunächst schrittweise zum Marktführer in Deutschland werden. Wer weiß schon, was in fünf Jahren ist? Aber unser Traum ist es, dass dann bereits in zahlreichen europäischen Ländern die Arbeit von Landwirten mit trecker.com vereinfacht wird. Danach wollen wir uns auf den Weg zur weltweit führenden Verwaltungslösung der Landwirtschaft machen.

Zum Schluss: Welche 3 Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?
1. Realize that you don’t know shit.
2. Realize Noone else knows shit.
3. Get the product out of the door as fast as possible with this in mind: have the guts to rethink what people accept as a given fact of life.

Wir bedanken uns bei Miro Wilms und Benedikt Voigt für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Sabine Elsässer

Sabine Elsässer is founder and chief editor of the StartupValleyNews Magazine. She started her career at several international direct sale companys. Since 2007 she works main time as a journalist. While that time she learned more about the Startup Scene, what made her start her own Startup Magazine the StartupValleyNews.

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