So digitalisieren junge Unternehmen langsam die Medizin

Der digitale Wandel macht vor keiner Branche Halt – so auch nicht vor der Gesundheitsbranche und der Medizin. Seien es Fitness-Tracker und Pulsmesser in der Smartwatch sowie passende Apps, um die Vitalwerte zu erfassen und zu überprüfen, Apps für Migräne-Patienten und andere intelligente Gesundheitsapps oder digitale Therapie-Angebote und Online-Ärzte; all diese Dinge bieten jungen Unternehmen und Gründern im Bereich der „Digital Health“ oder „E-Health“, wie die Branche neudeutsch auch genannt wird, eine Menge Chancen, stellen sie aber auch vor Herausforderungen.

Die Herausforderungen für Jungunternehmer im Gesundheitsbereich

Bei allem was die Gesundheit betrifft sind viele Menschen zurecht vorsichtig. Der Themenkomplex Gesundheit ist nun einmal auch sehr sensibel, denn schließlich geht es um das Wohl des Körpers und der Psyche und in letzter Konsequenz damit auch um das eigene Leben. Hierin liegt bereits die erste Herausforderung für Jungunternehmer, die in der Gesundheitsbranche mit neuen Ideen und Konzepten durchstarten möchten: Zunächst muss Kundenvertrauen hergestellt werden. Gerade online ist das nicht immer leicht, da viele vielleicht auch noch etwas konservativer Denkende das Web mit Attributen wie „unseriös“, „undurchsichtig“ und „nicht vertrauenswürdig“ zusammenbringen.

Es gibt allerdings auch Nischen, bei denen Patienten, bzw. Kranke die Vorteile des Internets schnell erkannt haben. Schon früh nach der Etablierung des Internets auch in Privathaushalten erkannten viele Unternehmen die Möglichkeit ihre Produkte online zu vermarkten und zu vertreiben. Die Onlineshops und Bezugsmöglichkeiten der unterschiedlichsten Produkte über das Web boten auch für die Gesundheitsbranche einige Möglichkeiten und sorgten schon vor einigen Jahren für strukturelle Veränderungen. Dass Patienten ihre rezeptpflichtigen wie rezeptfreien Medikamente nun im Internet ordern können und dabei mitunter auch von zahlreichen Angeboten und Vorteilen gegenüber stationären Apotheken profitieren ist nur eine der drastischsten Veränderungen.

Teilweise muss für rezeptpflichtige Medikamente nicht einmal mehr vorher der Arzt besucht werden. Wer genau weiß, was er hat und was er braucht, kann bei Online-Ärzten ein Formular ausfüllen und bekommt eine Ferndiagnose gestellt und ein eventuell passendes Medikament verschrieben. Die Herausforderung in diesem Bereich besteht für Jungunternehmer mit neuen Ideen darin, die bereits am Markt etablierten Angebote innovativ zu überholen oder mit ihnen sinnvoll zu kollaborieren.

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Start-ups mit digitalen Angeboten stehen vor zwei weiteren Hürden: Zum einen müssen sie, um die Menschen von ihren Angeboten überzeugen zu können, für stetige Transparenz und Aufklärung sorgen. Denn gerade auch der Gebrauch digitaler Angebote überfordert viele Menschen und es ist ein gewisses Maß an technischer Sachkenntnis und Medienkompetenz gefragt. Zum anderen gibt es gerade im medizinischen Bereich einige ernstzunehmende Hürden. Ganz konkret stellen beispielsweise regulatorische Hürden große Probleme junger Start-ups, die schnell Erfolge sehen möchten, dar.

Denn sobald etwa eine App in der Lage ist, Krankheiten zu erkennen und Vorschläge zu geben oder gar Behandlungen anweist, kann es sich nach offiziellen Regularien um ein „Medizinprodukt“ handeln und ein solches darf nicht jedermann einfach so auf den Markt bringen. Vielmehr muss dieses nach den Vorgaben der europäischen Regularien regelmäßig von den sogenannten „Benannten Stellen“, zu denen unter anderem der TÜV gehört, zertifiziert werden.
All diese Prozesse können sich über Wochen und Monate erstrecken, weshalb Jungunternehmer bei der Entwicklung ihrer Produkte und Dienstleistungen eine Menge Wartezeit miteinplanen sollten.

Junge deutsche Unternehmen und die „Digital Health“

Trotz der nicht zu verachtenden Herausforderungen und Hürden bringen auch viele junge deutsche Unternehmen innovative Produkte oder Software auf den Markt, um im Digital Health Bereich Fuß zu fassen. Drei davon werden im Folgenden näher unter die Lupe genommen:

Ichó

Das Start-up Ichó, das vom Social Impact Lab Duisburg unterstützt wird, verzeichnete seine ersten Erfolge spätestens mit Einzug ins Finale des internationalen Wettbewerbs „Ideas from Europe“ Ende 2017 – dem Wettbewerb, in welchem die innovativsten Gründungsideen aus ganz Europa gegeneinander ins Rennen ziehen. Doch damit nicht genug: Die drei Gründer Steffen Preuß, Eleftherios Efthimiadis und Mario Kascholke, deren Großeltern an Demenz erkrankt sind und mit denen die Kommunikation durch die Krankheit immer schwieriger wird, haben um Abhilfe zu schaffen eine Therapiekugel entwickelt, welche neue Möglichkeiten in der Behandlung bringen soll.

Die digitale und interaktive Therapiekugel namens Ichó hilft Familienangehörigen und Pflegekräften dabei, die Kommunikation mit Demenzkranken einfacher zu gestalten. Diese Kommunikation funktioniert dabei vor allem über die Emotionen. Diverse Spiele, Musik oder farbiges Leuchten und das Zusammenspiel aus Wahrnehmung und Bewegung kommen dabei zum Einsatz.

Eine Kleinserie der Therapiekugel mit ein- zweihundert Exemplaren soll in Kürze produziert werden; noch 2018 soll Ichó auf den Markt kommen.

Selfapy

Wer sein psychisches Wohlbefinden verbessern möchte, wird im Regelfall vom Hausarzt an einen Psychologen oder einen Verhaltenstherapeuten überwiesen. In den meisten Städten sind diese überlaufen, sodass es lange Wartezeiten gibt und mitunter darauf gehofft werden muss, dass ein Patient abspringt und ein Platz frei wird.

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Das junge Start-up Selfapy will nun die Lösung bieten. Bei Selfapy handelt es sich um ein Online-Selbsthilfeprogramm, das von Psychologen begleitet wird und das auf wissenschaftlich belegten Methoden basiert. Um negative Denkweisen zu erkennen und neue Verhaltensweisen zu erkennen bietet Selfapy einen neunwöchigen Online-Kurs inklusive psychologischer Betreuung, bei dem pro Woche ein ganz bestimmtes Modul online absolviert wird. Die Psychologen stehen mit wöchentlichen Gesprächen via Chat oder Telefon zur Seite.

Wer das Programm machen möchte, zahlt einmalig 149,90€, ohne Begleitung eines Psychologen kann der Kurs für 29,90€ im Monat absolviert werden. Dafür hat man als Patient keinerlei Wartezeiten und erhält anonyme Selbsthilfe. Da es sich bei Selfapy bereits um ein CE-zertifiziertes offizielles Medizinprodukt handelt, sollte zumindest die Transparenz und Seriosität gesichert sein. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Online-Selbsthilfe zukünftig durchsetzen kann.

Escamed

Das Dortmunder Start-up Escamed hat sich einem ebenfalls verbreiteten Volksleiden angenommen, nämlich dem Bluthochdruck. Die jungen Gründer haben gemeinsam einen Algorithmus entwickelt, mit welchem ein individueller Ernährungsplan für jedermann entwickelt werden kann, welcher der Vorbeugung und Therapie von Bluthochdruck dient. Passend dazu gibt es eine App für das Smartphone, mit welcher die Nutzer des Angebots von Escamed ihren persönlichen Ernährungsberater auch unterwegs immer dabeihaben.

Die Beratung erfolgt auf Grundlage der Ermittlung verschiedener, den Blutdruck beeinflussender Nährstoffe. Hinzu kommen persönliche Ernährungsvorlieben und Unverträglichkeiten der Nutzer, die mit in die Erstellung des Ernährungsplans einfließen. Die App erinnert einen auf Wunsch hin außerdem daran, bestimmte Medikamente einzunehmen oder motiviert den Nutzer zum Sporttreiben.

Da das junge Start-up mit seiner innovativen Idee bereits einige Preise gewonnen hat, darunter auch Platzierungen bei den bundesweiten Gründerwettbewerben start2grow oder dem Businessplan-Wettbewerb Medizinwirtschaft, dürfte man von Escamed in Zukunft noch einiges hören.

Ein Ausblick in die Zukunft

Ein Wandel der Gesundheitsbranche und ein langsames Hinwenden auch zum Digitalen ist unverkennbar. Deutliche Indizien dafür sind Änderungen der Regulatorik, die wachsende Bereitschaft von Krankenkassen, unter denen es inzwischen sogar eine Art Wettbewerb gibt, wer in Sachen Digitalisierung am besten für die Zukunft gewappnet ist und von Wagniskapitalgebern. Innovative Services mit künstlicher Intelligenz etwa sowie medizinische Apps sollten es noch in naher Zukunft einfacher haben als bisher, zugelassen zu werden und sich zu refinanzieren. Der Markt wird sich hier aller Voraussicht nach schnell vergrößern.

Video-Sprechstunden, Chat-Bots & Co. werden in vielen Fällen dennoch nicht den realen Arztbesuch ersetzen können. Vielmehr können neue Technologien dabei helfen, standardisierte und administrative Arbeiten einfacher, schneller und intelligenter zu erledigen. Damit haben die Ärztinnen und Ärzte selbst dann mehr Zeit, sich um das eigentliche Wohl und die Fragen und Bedürfnisse des Patienten zu kümmern.

Nicht nur steigt weiterhin allmählich das Interesse von Patienten an digitalen Medizin Angeboten, auch die Bedingungen für Ärzte hinsichtlich Online-Beratungen sollten sich zukünftig lockern. Reine Fernbehandlungen ohne den Patienten vorher persönlich getroffen zu haben, sollen zukünftig auch in Deutschland möglich sein, insofern Behandlungen im Einzelfall „ärztlich vertretbar“ sind und die Sorgfalt gewahrt bleibt.

Titelbild: fotolia.de © Jacob Lund (#168640742)

Autor: Marianne Schwarz

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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