Aus dem Tief und gegen das Stigma

Selfapy übersetzt Psychotherapie in die Online-Ära und rückt Depressionen in die Mitte der Gesellschaft

Wer in einer Krise steckt oder auf eine Depression zusteuert, benötigt Hilfe. Sofort und überall. Das ist Überzeugung und Antrieb von Nora Blum, 24, und Kati Bermbach, 25, die im Februar 2016 in Berlin ihr Startup Selfapy gründeten. Ein halbes Jahr später ist Deutschlands erstes Online-Portal, das systematische Selbsthilfe und persönliche Gespräche mit Psychologenam Telefon oder via Skype miteinander verbindet, bereits eine Erfolgsgeschichte: 400 Betroffene haben sich angemeldet und zeigen nach neun Wochen eine Verminderung der Symptome von durchschnittlich 20 Prozent. Damit ist der Kurs im Netz genauso wirksam wie die traditionelle Psychotherapie. Investoren hat das mittlerweile zehnköpfige Team auch schon für sich gewinnen können: Im Juni 2016 investierte Digital Health Ventures einen hohen sechsstelligen Betrag in das junge Unternehmen. Jetzt steht die Erweiterung der Kurse und die Akkreditierung bei den Versicherungen an. Das Ziel: Krankenkassen sollen die Kosten von 149,90 Euro künftig übernehmen.

„Psychische Gesundheit sollte weder vom Geldbeutel, der Versorgungssituation noch Scham und Stigma abhängen“, sagt Kati Bermbach. Die 25-Jährige erfuhr noch während ihres Studiums im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit an der Charité, wie katastrophal die Lage für die meisten Depressiven ist. „Jeden Tag musste ich Menschen sagen, dass es keinen Therapieplatz für sie gibt. Diese Gespräche dauerten oft eine dreiviertel Stunde. Die Betroffenen waren verzweifelt, weinten. Es war klar: Da muss sich etwas ändern“, erinnert sich Bermbach, die heute mit ihrer Co-Gründerin und Freundin Nora Blum und dem Startup Selfapy in Berlin eine neue Zeit einläuten will. Gemeinsam sind sie auf dem besten Weg, die Versorgungssituation für Psychotherapien in Deutschland und Europa komplett umzukrempeln.

In Deutschland leiden 20 Millionen Menschen an einer psychischen Erkrankung wie Burnout, Depression oder Angststörungen. Oftmals müssen sie vier, nicht selten aber auch sechs oder acht Monate auf eine Behandlung warten – ein Zeitraum, in welchem sich die Symptome verschlimmern und die Lage unerträglich werden können.Etwa zwei Drittel der ungefähr 10.000 Suizide im Jahr entfallen auf Depressive. Auch die Scham ist immer noch ein Thema, nur jeder Zweite wagt den Schritt nach Außen und sucht sich Hilfe. „Jeder kann in eine Krise geraten. Es kann nicht sein, dass es so schwierig ist, professionelle Hilfe zu erhalten“, sagt Nora Blum, 24. Die Hamburgerin kommt aus einer Familie von Psychotherapeuten und engagiert sich schon so lange sie denken kann für den Abbau von Berührungsängsten mit dem Thema Depression. „Bei uns ist das eine Familienangelegenheit“, so Blum. Bruder David studierte zwar BWL, arbeitet aber inzwischen als Life Coach, ihre Mutter Sabine Blum ist Psychotherapeutin und unterstützt Selfapys Psychologen-Team.

Kennen lernten sich die beiden jungen Frauenin Cambridge, wo Blum studierte, während eines Vortrags. „Wir stellten fest, dass wir die einzigen Deutschen sind und kamen ins Gespräch.“ Später wurde in einem Pub weiter debattiert. Wie kann es sein, dass psychische Krankheiten immer noch unbehandelt bleiben und mit Stigmatisierungen behaftet sind? Die beiden Frauen teilten die gleichen Gedanken voller Entrüstung. Studienkollegen aus ihrem Umfeld waren erkrankt und sie erlebten das Thema ihrer Berufung auch privat hautnah. „Ich dachte mir,wir könnten zwar als Therapeuten arbeiten und einen guten Job machen, aber an dem riesigen Struktur-Problem würde das nichts ändern“, erinnert sich Bermbach.

So formte sich der Entschluss: Wir wollen einen nachhaltigen Wandel! Warum sollten Menschen nicht über das Internet Hilfe finden? „In einem geschützten Raum Anleitungen und persönliche Unterstützung zu finden, ist ein neuer Ansatz. Besonders in ländlichen Gegenden ist es die beste Lösung, um die Zeit, bis ein Therapeut gefunden ist, zu überbrücken“, erklärt Bermbach. Denn Selfapy will nicht die Psychotherapie an sich in virtuelle Welten verlagern: „Es geht um die kritische Zeit davor, aber auch danach, wenn das Erlernte umgesetzt und in den Alltag integriert werden muss“,erklärt Blum.

Die smarten Mädels gingen sehr strategisch an die Umsetzung ihres Plans heran: Kati ging an die Charité und entwickelte die Fragebögen und Kursinhalte, während Nora bei Rocket Internet anfing, um in die E-Commerce und Startup-Welt einzutauchen. Eineinhalb Jahre später, zuletzt als Chefin des Lieferdienstes Foodora in Hamburg, fühlte sich Blum bereit für das eigene Unternehmen. „Der Name Selfapy stand bereits fest und 30 Testnutzer hatten uns super Feedback gegeben! Es war der perfekte Moment“, erinnert sich Blum.

Wenige Monate später ist das zehnköpfige Team in der Spur und eine Seed-Finanzierung im hohen sechsstelligen Bereich (Digital Health Ventures, Little Rock Ventures, Wooga COO und Hitmeister Gründer Jan Miczaik& Gerald Schönbucher) ist bereits abgeschlossen. Sechs Psychologen und eine Psychologische Leitung kümmern sich um die 400 angemeldeten, an Depressionen erkrankten Menschen– und täglich melden sich neue an. Siedurchlaufen einen in neun Wochen-Module gegliederten Selbsthilfekurs gegen Depressionen. Im Anschluss können Betroffene weitere Kurse buchen die sich mit den Themen Angst, Burnout oder Ernährung beschäftigen.Rund 20 Minuten täglich muss man für Übungen aufwenden, die lebensnah gestaltetet sind. Bei Bedarf telefonieren oder chatten die Kursteilnehmer einmal pro Woche rund 20-45 Minuten lang mit den Selfapy Psychologen. „Wir sind persönlich für die Betroffenen da und haben den Vorteil, dass die Gespräche in der gewohnten Umgebung der Erkrankten stattfinden. Für viele ist die Hemmschwelle, sich zu öffnen, dann niedriger“, erklärt Bermbach. Darüber hinaus trägt die unkomplizierte Verfügbarkeit des Hilfsangebots dazu bei, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. „Selfapy hilft, psychische Erkrankungen in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Jeder kann sich Informationen und Unterstützung holen und das immer und überall. Alles ist unkompliziert und angstfrei. Und wer unzufrieden ist, bekommt sein Geld zurück“, so Blum.

Alle zwei Wochen wird der Fortschritt des Patienten ermittelt. „So stellen wir fest, ob der Nutzer eine intensivere Betreuung benötigt, die wir dann anbieten. Außerdem können wir so feststellen, wie wirksam das Selfapy-Programm für den Nutzer ist“, sagt Bermbach. Aktuell wird die statistische Wirksamkeit des Programms vom Universitätsklinikum in Hamburg (UKE) mit angeschlossener Psychiatrie evaluiert.Der neunwöchige Online-Kurskostet aktuell 149,90 Euro, die bis jetzt privat getragen werden müssen. Wer die Summe nicht zahlen kann, wird aber nicht abgewiesen. „Wir nehmen ganz bewusst auch Menschen in unser Programm auf, die sich die Gebühr nicht leisten können. Die Gebühr übernimmt dann Selfapy“, so Nora Blum. „Wir sehen das als unsere Verantwortung. Außerdem haben wir sowieso das Ziel, als anerkannte Kassenleistung akkreditiert zu sein.“ Doch die bürokratische Abwicklung wird noch ein paar Monate in Anspruch nehmen. „2017 soll es so weit sein“, sagt Blum. Die Marschrichtung ist klar: „In fünf Jahren wollen wir an Angststörungen, Depressionen, Essstörungen oder Depressionen erkrankten Menschen in ganz Europa helfen und der größte digitale Anbieter sein“, so Bermbach.

Den beiden Gründerinnen ist es darüber hinaus ein Anliegen, auch außerhalb der virtuellen Welt ein Zeichen gegen Depressionen zu setzen. Aus diesem Grund unterstützt Selfapy die MUT-Tour, Deutschlands erstes Aktionsprogramm auf zwei Rädern, das seit 2012 bundesweit durch das Land rollt und einen Beitrag gegen die Stigmatisierung von Depressionen leisten will. Erst kürzlich, Anfang August, zeigte das Team von Selfapy vollen Körpereinsatz beim Berliner MUT-Lauf am Tempelhofer Feld und erklärte: „Die Teilnahme an der MUT-Tour ist uns eine Herzensangelegenheit. Es ist ein wichtiges Event, da das Thema Depressionen und psychische Erkrankungen in Deutschland noch immer tabuisiert und nur sehr selten an die Öffentlichkeit gebracht wird. Deshalb ist es uns sehr wichtig, mit von der Partie zu sein.“

Zudem kann sich Selfapy seit diesem Sommer über einen prominenten Unterstützer freuen: Die Schauspielerin Nina Bott übernimmt fortan die Schirmherrschaft des Unternehmens und möchte den Gründerinnen dabei helfen, den Bekanntheitsgrad des Portals zu steigern, damit so vielen Betroffenen wie möglich schnell geholfen werden kann. „Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit Selfapy und hoffe, damit in Zukunft vielen Menschen helfen zu können“, so die Schauspielerin und Mutter.

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Quelle GOLD VON MORGEN Public Relations

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