Remote-Arbeiten für Startups

So wird die persönliche Flexibilität nicht zum Bumerang!

Ich habe bereits in der Vergangenheit mehrere Startup-Teams in Remote-Arbeit geleitet und dabei zum Teil heftige und unerwartete Anforderungen erlebt. Der Extremfall für mich war die Organisation eines Teams von acht Personen in fünf Zeitzonen: von den Philippinen bis Kalifornien. Daher will ich heute gerne teilen, wie Ihr euer Startup-Team bestmöglich für die Remote-Arbeit aufstellen könnt.

Spart euch die Zeit, Remote-Work noch in Frage zu stellen

Das Arbeitsmodell Remote Work galt jahrelang als Trend. Seit Corona ist nun (zum Glück) überall angekommen: Es braucht keinen festen Schreibtisch und Präsenz-Arbeitszeiten, um produktiv zu sein. Für viele, die vor der Pandemie nur selten auf dauerhaftes Home-Office gesetzt haben, ist klar geworden: Es braucht eine gute Organisation und neue Abläufe. Und: Es hilft nicht, sich nur mit den Symptomen von Remote-Arbeit zu beschäftigen, es ist vielmehr wichtig Kultur- und Arbeitsabläufe aktiv zu gestalten. Meine Erfahrung zeigt, dass Remote-Work keine Probleme verursacht, sondern vielmehr Probleme verstärkt, die bereits im Team oder der Aufgabenteilung vorhanden sind.

Remote-Work noch ernsthaft in Frage zu stellen, hilft übrigens auch nicht. Denn alleine aufgrund des Potentials, was Remote-Arbeit bietet (größere persönliche Freiheit, Teams aus unterschiedlichen Nationen uvm) sollte es das Ziel sein, als Team immer zu funktionieren. Auch Remote.

Schafft die richtigen Voraussetzungen

Die zentralen Aspekte eurer Zusammenarbeit sind mehr als professionelle Abläufe. Wichtig ist, dass euer Team ein starkes Motiv hat, gemeinsam zu arbeiten. Auf menschlicher Ebene müsst ihr funktionieren wie ein Uhrwerk. Ihr braucht ein gemeinsames “Why”. Daraus entstehen gemeinsame Werte und ihr schafft eine Verbindung zueinander. Wenn dieses Konstrukt für euer Team nicht steht, dann wird es schwierig ein optimales Miteinander zu gestalten.

Co-Founder und/oder Führungskräfte sollten zudem versuchen eine starke Bindung zwischen allen Teammitglieder*innen aufzubauen. Wenn ihr euch also nicht gut kennt, dann versucht zu Beginn so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen und zwar persönlich – auch nach der Arbeit. Schafft Anlässe und steigert über gemeinsame Aktivitäten die Loyalität zueinander. Versucht auch hier möglichst unterschiedliche Situation zu schaffen, die euch helfen, euch mehr kennenzulernen. Nur ein digitales Feierabendbier am Freitag wird nicht reichen, um euch besser kennenzulernen. Geht lieber zusammen mal auf Rafting-Tour oder in den Freizeitpark, dann fällt es euch auch leichter euch beim Remote-Arbeiten zu vertrauen.

Passendes Onboarding aufsetzen und Zeit einplanen

Ich rate jedem bei der Einführung der Remote-Arbeit sich Zeit zu nehmen. Und eigentlich sogar mindestens eine Woche als Führungskraft oder Co-Founder. Der normale Reflex wird jetzt bei quasi jedem Startup sein: “Eine komplette Woche im Tagesgeschäft kann ich mich nicht rausnehmen”. Doch ich stelle dagegen: Der Zeitaufwand lohnt sich und spart danach viele Kosten. Ich habe es selbst probiert. Die eine Woche hat geholfen Arbeitsabläufe vor Ort iterativ zu erproben und zu optimieren. Eine Sache, die nicht zu unterschätzen ist, ist das Onboarding von allen “Nicht-Digital-Natives”. Viele dieser Mitarbeitenden kann man im Rahmen von 1:1 Meetings helfen gewohnte Arbeitsabläufe auf die neuen Tools zu übertragen.

Gerade die digitale Kompetenz von “Digital Natives” lässt bei Führungskräften und Teammitgliedern eine gewisse “Kompetenzvermutung” entstehen – wodurch sie auch inhaltlich schnell viel kompetenten wirken, als die tatsächlich fachlich kompetenten Kollegen “die nur graden diesen einen Knopf nicht finden”. Hierdurch kann die gewohnte Teamdynamik von alt und jung sehr schnell kippen. Durch das dedizierte Onboarding von Mitarbeitenden in einem geschützten Rahmen kann man so helfen, die gewohnte Teamdynamik und somit das Sicherheitsgefühl und die Akzeptanz der Abläufe und des Gesamtsystems zu erhöhen.

Validate, Validate, Validate!

Wichtig ist, dass ihr euch bewusst macht, dass die Remote-Arbeit sich an euer Team anpassen muss und nicht nur das Team an die Remote-Arbeit. Das heißt im Klartext: Strukturen und Abläufe müssen iterativ auf die Bedürfnisse und die Kultur eures Teams angepasst werden. 

Sprecht das von Beginn an klar mit eurem Team ab. Es braucht ihr Feedback, und das ehrlich. Es kann zum Beispiel sein, dass ihr gemeinsam merkt, dass bestimmte Tools oder Abläufe so gar nicht funktionieren. Seid mutig und hinterfragt diese nach gewisser Zeit. Lasst euch aber zugleich auch nicht ins Boxhorn jagen, denn jeder gute Automatismus braucht auch seine Zeit sich einzuspielen. Nehmt euer Team hier in die Pflicht und seht es als gemeinsames Projekt, damit sich die Remote-Arbeit einspielt.

Fazit:

Ihr solltet für Remote-Work schlanke Abläufe und die nötigen Strukturen schaffen. Wichtig ist, dass Ihr euch selbst genug Zeit einplant euer Team in der neuen Umgebung aktiv zu führen. Konkret: Ich plane in der Regel in den ersten drei Wochen den Großteil meiner Zeit für die Einführung und Anpassung der neuen Abläufe ein. Danach verwende ich in den folgenden Wochen circa ein Drittel der Woche weiterhin für diese Aufgabe. Dazu vergesst nicht, dass Remote Arbeit für euer Team funktionieren muss.  Entwickelt die Abläufe gemeinsam, iterativ und auf Augenhöhe mit Team. Habt dabei trotzdem eure Ziel klar im Blick und steckt den Rahmen für euer Team ab.

Über den Autor:

Tim Lampe leitet das Format Team der Campus Founders und entwickelt mit seinem Team die Angebote und Lehrformate, die die Startup Teams auf ihrer unternehmerischen Reise ganzheitlich begleiten. Vor seiner Zeit bei den Campus Founders war er bereits in mehreren Startups im Bereich Consulting, SaaS, Bildung und Co-Living involviert und verbrachte auch ein Jahr im Silicon Valley.

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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