Psychotherapie im Wandel – wo geht die Reise hin?

Zwar gelten psychische Erkrankungen nach wie vor als Tabuthema, jedoch finden sie immer häufiger den Weg in den gesellschaftlichen Diskurs. Das liegt auch daran, dass psychische Erkrankungen zu den vier häufigsten Krankheiten mit Verlust gesunder Lebensjahre gehören. Laut DGPPN sind jedes Jahr rund 17,8 Millionen Deutsche von psychischen Erkrankungen betroffen – und damit ein gutes Viertel der erwachsenen Gesamtbevölkerung in der Bundesrepublik.

Dabei handelt es sich in erster Linie um Depressionen sowie Angststörungen, ebenso wie affektive Störungen oder Suchtproblematiken hinsichtlich Alkohol, Drogen, Medikamenten oder sogar solchen Dingen wie dem Internetkonsum. Demnach sollen aktuell rund eine halbe Million Deutsche zwischen 14 und 64 Jahren von der „neumodischen“ Sucht betroffen sein. Die Plattform Ruhr-Universität Bochum schätzt zudem eine hohe Dunkelziffer.

Dennoch nehmen nur knapp 19 Prozent der Betroffenen psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. Zwar gilt Deutschland mit seinem vergleichsweise dichten Netz an psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken sowie mehr als 13.000 Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie zuzüglich zahlreicher privater Anbieter international als Vorreiter. Trotzdem ist die Versorgung angesichts der knapp 18 Millionen Betroffenen pro Jahr auch hierzulande nicht ausreichend. Eine Problematik, welche nun auch vermehrt in den Fokus der Gesellschaft rückt – und damit in jenen der ideenreichen Existenzgründer.

Ist Deutschland mehr von psychischen Erkrankungen betroffen als andere Nationen?

Aktuell macht es den Anschein, als spreche plötzlich jeder über Burnout, Depressionen oder Panikattacken. Da mindestens jeder Vierte früher oder später von einer solchen oder ähnlichen psychischen Erkrankung betroffen sein dürfte, war das eigentlich nur eine Frage der Zeit. Aber wie sieht das im internationalen Vergleich aus? Hat Deutschland so viele Spezialkliniken, weil die Bevölkerung überdurchschnittlich „krank“ ist oder ist lediglich das Bewusstsein um psychische Leiden hierzulande höher als in anderen Nationen?

Beides, vermuten Experten. Einerseits ist Deutschland sehr fortschrittlich, was die Versorgung bei psychischen Erkrankungen angeht. Andererseits haben zwei Weltkriege, welche erste wenige Generationen zurückliegen, durchaus ihre Spuren hinterlassen. Traumata werden sowohl genetisch als auch über die Erziehung von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben und so bedarf es vieler Jahrzehnte, bis sich eine Gesellschaft vollständig von einem Krieg erholt hat – geschweige denn gleich von zweien. Diese Epigenetik sorgt also dafür, dass die deutsche Gesellschaft tatsächlich mehr unter Depressionen & Co leiden könnte als andere Länder, handfeste Zahlen gibt es dazu allerdings (noch) nicht.

Jedoch ist auch in Nationen wie den USA oder den Niederlanden eine Zunahme der therapeutischen Behandlungsangebote zu beobachten. So gibt es in Holland derzeit rund 1,4 psychiatrische Betten pro 1.000 Einwohner. Zum Vergleich sind es in Deutschland aktuell 1,3, in Schweden sowie Großbritannien hingegen nur je 0,5. Das Bewusstsein um die Notwendigkeit einer psychologischen Betreuung von Menschen im Rahmen einer physischen oder psychischen Erkrankung scheint also auch international zuzunehmen. Deutschland ist somit Teil einer Art „Trend“ in der westlichen Welt. Eines jener Länder also, welche sich das „Luxusgut“ namens Psychotherapie leisten können und aufgrund ihrer Geschichte wollen. Schlussendlich dürfte hinter dem plötzlichen Zuwachs psychotherapeutischer Institutionen demnach auch – aber nicht ausschließlich – ein finanzieller Aspekt stecken. Doch viel spannender als die Vergangenheit ist doch die Frage: Wo geht die Reise hin?

Der Anspruch auf Psychotherapie besteht zwar, doch es mangelt an freien Plätzen

Psychotherapie
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1,3 Betten pro 1.000 Personen, wenn rund jeder vierte Deutsche von einer psychischen Erkrankung betroffen ist – man muss kein Mathegenie sein, um zu merken, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Trotz, dass die Versorgung mit psychotherapeutischen Angeboten in Deutschland im internationalen Vergleich überdurchschnittlich ist, wird sie von Betroffenen zumeist als unzureichend empfunden. Wer nach einer ambulanten Psychotherapie sucht, erhält kaum einen Termin oder muss viele Monate warten. Noch schlimmer sehen die Wartelisten für stationäre Einrichtungen aus. Eine Problematik, welche auch dem Gesetzgeber nicht verborgen blieb, sodass dieser zum 1. April 2017 die sogenannte „Psychotherapie-Richtlinie“ erlassen hat.

Diese sollte für Patienten mit Depressionen, eventuell sogar Suizid-Gedanken, Angststörungen, Suchtproblemen oder anderen psychischen Erkrankungen die Zugänglichkeit zu einer psychotherapeutischen Betreuung erleichtern. Das Zwischenfazit rund ein Jahr später lautet aber leider: Der Effekt ist aufgrund der mangelnden Kapazitäten verpufft und so müssen nach wie vor knapp neun Prozent der Betroffenen, sprich rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland, auf professionelle Hilfe verzichten.

Die Startup-Branche ist hellhörig geworden

Wo es ein Problem gibt, sind auch stets ambitionierte Existenzgründer zu finden, die an dessen Lösung tüfteln. So ist die Problematik um die mangelnde psychotherapeutische Versorgung von Betroffenen in den vergangenen Jahren auch zunehmend auf die Agenda verschiedener Startups gerückt. Besonders naheliegend ist im Zuge der Digitalisierung der Gedanke, Psychotherapie über das Netz einfacher, verfügbarer oder schlichtweg besser zu machen. Folgende Startups haben auf dieser Basis mit verschiedenen Ideen ihre Existenz aufgebaut:

Instahelp: Die Gründer der Plattform Instahelp schlossen mit ihrer Idee einer anonymen Psychotherapie mittels Online-Beratung eine Marktlücke. So können Betroffene innerhalb weniger Minuten auf mobilem Wege mit psychologischen Beratern in Kontakt treten – was beispielsweise im Fall von Suizidabsichten Leben retten kann. Mittlerweile kann die Plattform sowohl privat genutzt werden als auch im Sinne einer betrieblichen Gesundheitsversorgung in verschiedenen deutschen Unternehmen.

Theramin: Als studierte Psychotherapeutin wurde die Gründerin des Startups theramin, Lina Hänel, in ihrem Berufsalltag immer wieder mit demselben Problem konfrontiert: Die Patienten beklagten sich über lange Wartezeiten oder suchten geradezu verzweifelt – und häufig erfolglos – nach einem Termin. Mit theramin können Betroffene nun mittels webbasiertem Verfahren vakante Psychotherapietermine zeitnah buchen oder ein eigenes, selbstverständlich anonymes, Gesuch aufgeben.

Vivelia: Eine ähnliche Lösung für dasselbe Problem stellt das Startup Vivelia dar. Auch hier finden Therapeuten und Patienten passgenauer sowie schneller zusammen, um eine zeitnahe Versorgung der Betroffenen zu ermöglichen. Im Gegensatz zu den sonst üblichen sechs oder mehr Monaten Wartezeit, liegt der Durchschnitt für Kassenpatienten dadurch nur noch bei 13 Wochen, für Privatpatienten sogar bei lediglich 24 Stunden.

Selfapy: Große Schlagzeilen machte in den vergangenen Monaten zudem das Startup Selfapy mit seinem innovativen Konzept zur Digitalisierung der Psychotherapie. Hier können sich Patienten über ein Online-Portal direkt Hilfe durch einen Psychologen holen – am Telefon oder via Skype.

Die Antwort liegt also auf der Hand: Psychotherapie wird auch in Zukunft immer digitaler werden und zunehmend über Online-Portale oder Apps abrufbar sein. Das bringt viele Vorteile wie die schnellere Hilfe im Akutfall oder eine Erleichterung bei der Terminvergabe mit sich, jedoch auch Bedenken im Bereich Sicherheit sowie Datenschutz. Dennoch ist zu erwarten, dass es auch hier – ähnlich wie beim Online-Banking – eines Tages passgenaue Lösungen geben wird und sich der Trend zur Digitalisierung in der Psychotherapie durchsetzt. Allerdings wird das nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur ambulanten sowie stationären Behandlung durch Psychotherapeuten geschehen, um die hier vorhandenen Lücken zu schließen.

Dank Vereinen und Investoren wird Psychotherapie nicht zum Luxusgut

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Wie bereits erwähnt, ist Deutschland eines der wenigen Länder, welches sich eine flächendeckende psychotherapeutische Versorgung überhaupt leisten kann – wenn auch lückenhaft. Denn mit psychischen Erkrankungen lässt sich nicht viel Geld verdienen. Jedenfalls dann nicht, wenn die Betroffenen nicht über die notwendigen finanziellen Ressourcen verfügen, um private Angebote wie beispielsweise Selfapy anzunehmen und aus eigener Tasche zu bezahlen.

Viele Betroffene wie traumatisierte Flüchtlinge in entsprechenden Unterkünften können sich keine Psychotherapie leisten und besitzen keine Krankenversicherung, welche für die Kosten aufkommen könnte. Für solch dringende Fälle sprießen daher aktuell immer mehr wohltätige Vereine aus dem Boden, um auch in solchen Situationen die Versorgungslücken zu schließen und den Betroffenen verschiedene Formen der Therapie zu offerieren. Je nach individueller Erkrankungen eignen sich dafür beispielsweise Tanz- oder Ergotherapien. Hier ergeben sich viele Möglichkeiten und Ideen, auch wenn die Umsetzung häufig alles andere als einfach ist. Der Münchener Verein „Refugio“ ist beispielsweise auf Hilfsgelder von Investoren angewiesen, doch zeigen sie mit dem Pilotprojekt Kunsttherapie einen wichtigen Weg für die Zukunft auf: Psychotherapie darf sich nicht zum Luxusgut entwickeln, sondern muss für jedermann zugänglich werden.

Titelbild: primipil– Fotolia.com

Autor: Marianne Schwarz

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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