Stand up and fail better

Priotecs Gründer Stefan Dörhöfer im Interview

Stellen Sie sich und Ihr Unternehmen doch kurz unseren Lesern vor!
Mein Name ist Stefan Dörhöfer. Ich bin 36 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Anders als viele andere hat es mich nicht in eine pulsierende Großstadt verschlagen. Ich lebe und arbeite in Willich, einer Stadt in der Nähe von Düsseldorf. 2006 habe ich mein Informatik-Studium an der RWTH Aachen abgeschlossen und auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält: Man muss sein Studium nicht schmeißen, um ein erfolgreiches Start-up zu gründen.

Wie ist die Idee zu Priotecs entstanden?
Schon während der Schulzeit habe ich für jemanden gearbeitet, der von Zuhause aus seine eigene Firma führte. Er verkaufte weltweit Programme – damals gab es noch keine Apps – für Palm Handheld Computer. Ich übernahm den Support und kümmerte mich um die Betreuung der Website. Nach dem obligatorischen Zivildienst begann ich 2001 mein Studium. Anstelle eines klassischen Studentenjobs, etwa Kellnern, habe ich mich schnell dazu entschieden, eigene Programme zu entwickeln und diese dann zu verkaufen. Zu dieser Zeit habe ich für meinen eigenen Gebrauch ein Programm zur Sicherung meiner Mails entwickelt. Es war kein großer Aufwand, das Tool für andere anzupassen und entsprechend nutzerfreundlich zu gestalten. Eine Website und ein Gewerbeschein später war die Firma da und Priotecs war im Geschäft. Verkauft wurde Shareware.

Zu meiner großen Überraschung verkaufte sich das Programm schon wenige Stunden nach dem Start der Webseite zum ersten Mal. Es folgte keine rasante Achterbahnfahrt bis zum Börsengang, sondern ein kleines aber feines Geschäft, das deutlich besser war als jeder Studentenjob und stetig wuchs.

Warum haben Sie sich entschlossen ein Unternehmen zu gründen?
Ich brauche meinen Freiraum und möchte meine Ideen genauso umsetzen können, wie ich es mir vorstelle. Bisher habe ich in meinem Leben noch nie in einem Angestelltenverhältnis gearbeitet und das wird hoffentlich auch nicht so bald der Fall sein.

Was war bei der Gründung Ihres Unternehmens die größte Herausforderung?
Klassische Herausforderungen oder Hürden gab es für mich nicht. Einzig die 20 Euro für den Gewerbeschein musste ich aufwenden. Einen Computer und Internetanschluss besaß ich schon. Es war keine Finanzierung notwendig, kein Bürogebäude und auch keine Mitarbeiter. Das ist sicherlich der Vorteil, wenn man im Rahmen eines Studentenjobs gründet. Da hängt eben deutlich weniger dran als wenn man direkt die erste Millionen im Auge hat. Für mich war es vollkommen in Ordnung, anfangs nur einige hundert Euro pro Monat zu verdienen. Jeder Euro überstieg meine Erwartungen und jeder Studentenjob hätte deutlich mehr Aufwand gekostet.

Alles konnte ganz in Ruhe und jeden Druck wachsen und sich entwickeln. Hätte niemand mein Programm gekauft, wäre das eben einfach so gewesen. Aber ich hätte mich nicht rechtfertigen müssen, wo die eine Million Seefinanzierung geblieben ist. Ich hätte keine Mitarbeiter kündigen müssen oder Schulden abbauen müssen.

Spannender wurde es dann erst bei der Frage, ob ich das Ganze auch nach meinem Studium weiter mache. Ein Studentenjob ist eine Sache, seinen Lebensunterhalt dauerhaft zu finanzieren, eine Familie zu versorgen und einen Hausbau abzusichern aber etwas anderes. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Arbeitslos kann man auch woanders werden.

Gab es jemals einen Punkt, wo Sie dachten ich schaffe das nicht?
Ehrlich gesagt nicht. Ich denke, ich hatte neben meinem Wissen und Können sicherlich auch jede Menge Glück. Meine Produkte kommen gut an und ich kann mich nicht beklagen. Meine Firma konnte entspannt wachsen und ich hatte erst mal nicht die großen Ansprüche während des Studiums.

Wie hat sich Ihr Unternehmen seit der Gründung entwickelt?
Am Ende des Studiums war für mich die Entscheidung gefallen, selbstständig weiterzumachen. So habe ich die heutige GmbH gegründet. Die Produktpalette an verschiedenen Backup-Programmen hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon deutlich vergrößert. Zu dieser Zeit machte das Angebot Priotecs sicherlich zum Marktführer in Sachen E-Mail Sicherungssoftware in Deutschland.

Die Spezialisierung auf Backup-Software war ein Vorteil (Marktführung) zeigte sich dann aber auch als Nachteil, weil die Wachstumsmöglichkeiten sehr beschränkt waren. Als weiteren Kanal habe ich dann 2009 die App-Entwicklung für Priotecs entdeckt. Wie zuvor die E-Maildatensicherung entstand nun auch das Haushaltsbuch MoneyControl aus einem persönlichen Grund: Es fehlten einfach Tools, um die eigenen Finanzen während des Eigenheimbaus zu überwachen.

Die Apps waren als zweites Standbein gedacht. Neben dem Haushaltsbuch sollten auch andere Apps erscheinen. MoneyControl erwies sich aber schnell als so erfolgreich, dass sie zum Hauptprodukt der Firma wurde. Mittlerweile ist MoneyControl nicht mehr nur eine App für iOS, sondern hat es auch auf alle anderen relevanten Plattformen geschafft und das Angebot ist stetig gewachsen.

Mit mehreren Millionen Downloads und einer entsprechend hohen Zahl aktiver Nutzer gehört MoneyControl zu den erfolgreichsten Finanz-Apps überhaupt. Das ist für ein einfaches Haushaltsbuch schon bemerkenswert, zeigt aber, dass sich hohe Qualität und ein echter Nutzen für die Anwender auszahlen.
Neben dem großen Erfolg in den App Stores, gelingt es mit der zuletzt gestarteten MoneyControl WebApp die Nutzer auch außerhalb der Mobil-Plattformen zu erreichen und langfristig zu binden.

Priotecs schreibt seit dem ersten Tag bis heute durchgängig schwarze Zahlen und war noch nie auf irgendein fremdes Investment angewiesen.

Wer ist die Zielgruppe von Priotecs?
Die Zielgruppe bemisst sich nach den Produkten und nicht nach der Firma. Heute ist das Haushaltsbuch MoneyControl mit weitem Abstand das Hauptprodukt. Die Zielgruppe besteht schlicht aus allen Nutzern, die sich für ihr Geld interessieren. Das ist keine kleine Gruppe .

Warum sollte man Priotecs nutzen?
Die Programme, die hier entwickelt werden, sind aus einem persönlichen Bedürfnis heraus entstanden und werden von uns selbst benutzt. Wir gehen auf das Nutzerfeedback ein und nehmen es ernst. Die übersichtliche Größe der Firma macht es möglich, mit dem Geschäftsführer im Support über eine Funktion im neuesten Update zu sprechen. Wo bekommt man das?

Viele Apps sind Wegwerfprodukte, die von den Entwicklern erstellt, mit PR gestartet und nach kurzer Zeit wieder aufgegeben werden. Das liegt nicht daran, dass die Entwickler schlechte Arbeit leisten. Es gibt einfach mittlerweile so viele Apps, dass es schwierig ist, sich dauerhaft in den Stores zu platzieren. MoneyControl hat es aber geschafft, sich einen festen Platz zu erobern und sich wirklich gut zu etablieren. Hier müssen keine 50 Entwickler bezahlt werden, die die App in drei Monaten aus dem Boden gestampft haben. Hier lohnt es sich, die App dauerhaft zu pflegen und stetig
weiterzuentwickeln. Ein Nutzer, der die App vor Jahren für zwei Euro gekauft hat, kann Sie heute immer noch in der aktuellsten Form verwenden.

Wie ist das Feedback?
Großartig. Unser eigener Anspruch an Qualität kommt offenbar auch bei den Nutzern an. Die aktuellen Versionen von MoneyControl erhalten im Apple App Store zum Beispiel fünf von fünf Sternen. Die Zahl der Apps, die das schaffen, ist auch eher überschaubar.

Wo sehen Sie sich in den nächsten 5 Jahren?
MoneyControl wird stetig erweitert, dass Web-Angebot noch weiter ausgebaut und andere Produkt- Ideen liegen schon parat. Wenn die Firma weiterhin so profitabel bleibt, bin ich damit hochzufrieden.

Welche Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?
Es gibt tolle Geschichten von hoch motivierten Gründern, die alles aufgeben, das Studium geschmissen und jeden Pfennig in ihre Idee investiert haben. Keiner hat an sie geglaubt, aber sie haben es allen gezeigt. Durch Fleiß und unbeugsamen Gründerwillen haben sie einen kometenhaften Aufstieg hingelegt. Toll, oder? Das ist leider allerdings die Ausnahme. Denn die, die alles aufgegeben haben, das Studium geschmissen und jeden Cent in die eigene Idee gesteckt haben und dabei grandios gescheitert sind, haben oft keine Plattform in der Öffentlichkeit. Man sieht oft nur eine Handvoll der Erfolgreichen und denkt sich, „das ist der richtige Weg“.

Ja, ich weiß, Scheitern ist kein Makel. „Stand up and fail better“ lautet die Devise. Dem gebe ich im Grund auch vollkommen Recht. Ich will nur sagen, dass auch andere Wege zum Ziel führen. Investoren, Pitches und Börsengänge sind nicht zwingend notwendig. Mit weniger Vollgas und mehr Beharrlichkeit geht es auch. Oftmals sogar besser. Nicht ohne Grund stemmen Mittelständler und Familienunternehmen den größten Teil der deutschen Wirtschaftsleistung.

Weitere Informationen finden Sie hier

Wir bedanken uns bei Stefan Dörhöfer für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Sabine Elsässer

Sabine Elsässer is founder and chief editor of the StartupValleyNews Magazine. She started her career at several international direct sale companys. Since 2007 she works main time as a journalist. While that time she learned more about the Startup Scene, what made her start her own Startup Magazine the StartupValleyNews.

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