Fake it before you make it

Ein Start-Up gründen ist immer mit hohem persönlichen Einsatz und einer Menge Arbeit verbunden. Dabei glaubt jeder Gründer, dass sein Produkt oder seine Dienstleistung genau das big thing ist, auf das alle gewartet haben.

So soll es auch sein, denn zum Gründen gehört eine ordentliche Portion Mut und Risikobereitschaft. Aber jeder muss sich im Klaren sein, dass rein statistisch gesehen die meisten Gründungen schief gehen. Die Wahrscheinlichkeit richtet sich gegen die Gründer.

Weshalb nicht einen Schritt zurückgehen und das Kundenverhalten kennenlernen, bevor das eigentliche Produkt entwickelt wird? Das Zauberwort heißt Pretotyping und die Idee dahinter ist zu Gründen ohne zu Gründen oder auch unter dem Motto „Fake it before you make it“ bekannt.

Komm mal zum Punkt, was ist Pretotyping denn nun?

Der Begriff Pretotyping wurde von dem früheren Engineering Director bei Google, Alberto Savoia in 2009 ins Leben gerufen.
Vor drei Jahrzehnten war bei IBM die Idee geboren, eine speech-to-text Software zur Umwandlung von gesprochener Sprache in Text zu entwickeln. In der Zeit war die Hardware natürlich noch viel zu schwach auf der Brust, um diese Vision Realität werden zu lassen.

Deshalb kam ein richtiger Prototyp nicht in Frage. Um dieses Problem zu umgehen und trotzdem an dem spannenden Konzept weiterzuarbeiten, wurde eine einfache und sehr intelligente Lösung gefunden.

Es wurde ein Raum mit einem Mikrofon und einem Bildschirm eingerichtet. Den Testusern wurde vorgegaukelt, dass sie es mit einem funktionierenden text-to-speech System zu tun hatten und dieses eben ausprobieren sollten. Die gesprochenen Worte erschienen tatsächlich auf dem Bildschirm, was unglaublich war für die damalige Zeit.

Der Clou an der Sache war, dass in einem anderen Raum ein IBM Mitarbeiter mithören konnte und das Gesprochene ganz einfach eintippte. Für die Tester wirkte die Qualität natürlich unbeschreiblich hoch.

Dieser Fake-Test ermöglichte Erkenntnisse, die viele Jahre später in die ersten richtigen Produkte einfließen sollten.

Die Nutzer waren anfangs fasziniert von der Technologie und fanden das Produkt sehr cool!

Aber nach längerer Anwendung verschwand die Begeisterung schnell. Die Stimme wurde heiser vom vielen Sprechen, eine laute Arbeitsumgebung vermieste die Nutzung und die fehlende Privatsphäre, wenn andere im Raum waren, schloss viele Anwendungsbereiche aus. Alles Erkenntnisse, die später in die Realisierung einflossen.

Das IBM Experiment zeigt sehr überzeugend die Macht von Pretoyping, auch wenn es das Wort zu der Zeit noch lange nicht gab.

Fail fast… fail often. Versuche alles, damit die Idee scheitert!

Hier geht es nicht um das Scheitern als notwendiges Übel, aus dem man lernen kann. Scheitern wird beim Pretotyping ganz bewusst angestrebt. Man versucht, die Idee scheitern zu lassen mit allen Mitteln. Nur ein „right it“, also eine Idee, die wirklich Potential hat, übersteht diese Feuerprobe.

Der Pretotyp ist eine Art Vor-Prototyp und der soll mit geringstem Zeitaufwand und minimalsten Kosten umgesetzt werden. Bei einem richtigen Prototypen, in den bereits einiges an Zeit, Geld und Emotionen reingeflossen ist, ist die Verlockung groß, die Outcomes aus einem Test schön zu reden und trotz geringer Erfolgsaussichten weiterzumachen.

Oder wie Alberto Savoia es ausdrückt, „it helps to fail fast“.

Wie kann ein Pretotyp aussehen?

Angenommen du willst Fair-Trade Tee aus Sri Lanka im Internet verkaufen. Ein typischer Pretotyp kann so aussehen: Erstelle eine einfache Webseite mit Infos zu dem Tee, ein one-pager reicht schon aus.

Tue so, als ob du den Tee schon liefern kannst oder der Verkauf in wenigen Wochen losgeht. Auf der Webseite ist ein Formular, über das sich potentielle Kunden anmelden können.

Alle Kunden, die ihre E-Mail Adresse hinterlegen, erhalten einen satten Rabatt!

Nun starte eine kleine Google AdWords Kampagne und bewirb deine Idee bei Google für einige passende Suchbegriffe.

Wie viele E-Mail Adressen sammelst du nun? Wie hoch ist die Conversion Rate? Lohnt sich das im Vergleich zu den Kosten, um die Nutzer einzukaufen?

So einfach kann Pretotyping sein!

Savoia hat die verschiedenen Techniken des Pretotypings zusammengefasst:

• Der mechanische Türke
Ersetze Computer / Maschinen durch Menschen wie im IBM Beispiel. Wer hätte gedacht, den Trend endlich mal umzudrehen!
• Die Pinocchio-Technik
Baue ein Produkt komplett ohne Funktion. Es gibt nur eine Hülle zum Ansehen. Wie kommt deine Idee an?
• Das MvP (Minimal Viable Product)
Das ist schon ein richtiger Prototyp und mit mehr Aufwand verbunden. Erstelle eine Basisversion des Produkts, die nur die absolut wichtigsten Kernfunktionen beinhält.
• Die Provinz-Technik
Manche Produkte werden nicht durch ihre Funktionen teuer, sondern durch Support und eine hohe Abdeckung. Teste es in dem Fall lokal mit kleiner Nutzerbasis. Ein Beispiel ist ein Restaurantfinder, den du erst mal nur lokal mit Restaurants füllst.
• Die falsche Tür
Erstelle einen Zugang zum Produkt, ohne dass es das Produkt gibt. Mein Beispiel oben macht sich genau diese Technik zu Nutze!
• Tue so als ob
Manche Ideen haben hohe Startkosten, z.B. wenn du ein Ladengeschäft eröffnen willst. Überlege dir eine Alternative. Vielleicht wird in einem anderen thematisch ähnlichen Geschäft eine Teilfläche nicht benötigt und du kannst sie dir für ein paar Wochen oder Monate anmieten. Genug Zeit, um rauszufinden, ob deine Konzept wirklich so cool ist!
• Falsches Label

Nimm ein bestehendes Produkt, das so aussieht, wie das, das du im Hinterkopf hast und packe dein eigenes Label / Logo drauf. Springen die Leute drauf an?

Der eigenen Kreativität sind keine Grenzen gesetzt! Experimentiere mit den verschiedenen Techniken herum, es gibt bestimmt noch mehr Varianten.

Pretotyping kann Gründern eine Menge Frust ersparen! Überlege dir deshalb bei jeder Idee, ob du sie nicht in irgendeiner Form faken kannst und dadurch einen ersten proof-of-concept hast (oder dir eine neue Idee suchen musst).

Welche Erfahrungen hast du mit Pretotyping gesammelt? Hast du es schon einmal selber ausprobiert?

Foto:© StockPhotoPro – Fotolia.com

Eric Salbert

Eric Salbert ist zusätzlich zu seinem Hauptjob als leitender Angestellter bei einer größeren Internetfirma in Berlin selbstständig. Nebenberuflich betreibt er den Blog PRENEUR.DE rund um die Themen Selbstverwirklichung und Entrepreneurship. Dabei verfolgt er die Vision allen Gründungsbegeisterten dabei zu helfen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. www.preneur.de/

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