Ohne Haltung ist New Work nur Lippenbekenntnis

„New Work“ ist das Buzzword der Stunde. Dabei ist vielen Führungskräften noch völlig unklar, was das eigentlich bedeuten soll: Home Office für alle? Neue Tools für bessere Zusammenarbeit? Der War for talents ist nicht nur durch mehr Flexibilität im Arbeitsalltag zu gewinnen. Der Weg zu zufriedenen Mitarbeitern – und erhöhter Performance – führt über ein gesundes Führungsverhalten. Dies zu beherrschen, ist der Schlüssel zum Geschäftserfolg.

Was ist New Work eigentlich?

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren unzweifelhaft verändert. Junge Talente der Generation YZ suchen in ihrem Beruf Selbsterfüllung und nicht nur ein hohes Gehalt. Die Digitalisierung macht flexiblere Arbeitsmodelle möglich, in denen zwischen Home Office und Meetingraum problemlos kommuniziert werden kann. Die SPD fordert daher sogar das Recht auf Home Office für alle und erhält Unterstützung vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Laut einer Studie* sind Arbeitnehmer, die auch zu Hause arbeiten können, zufriedener. Und zufriedene Arbeitgeber wechseln seltener den Job. New Work bedeutet also nicht unwesentlich, mehr Handlungsfreiheit für die Mitarbeiter zu schaffen. 

Darüber hinaus bedeutet New Work, jedem Mitarbeiter mit dieser Freiheit auch mehr Verantwortung zu übertragen. Chefs können sich dann immer mehr aus dem operativen Geschäft zurückziehen und sich um ihre Führungsaufgaben kümmern. Mehr Flexibilität ist dabei ein wichtiger erster Schritt. Aber wer hier stehen bleibt, lässt sein Personal mit seinen Sorgen allein. Denn Freiheit ohne Führung führt zu Unsicherheit. Viele Arbeitnehmer sind damit überfordert, dass alles möglich ist. Dies gilt besonders für junge Talente ohne Berufserfahrung, aber auch für erfahrene Kollegen, die sich Ordnung in stressigen Situationen wünschen.

Gerade in Start-ups herrscht häufig eine „anything goes“-Mentalität, die auf den ersten Blick verführerisch wirkt. Sie verlangt aber auch aber viel Selbstorganisation von den Beteiligten, an der manche scheitern. Ich bin selbst Seriengründer. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein unterstützender Führungsstil zu zufriedenen Mitarbeitern und gemeinsamen Erfolgen führt. Für mich ist die Weiterentwicklung der strengen Hierarchie früherer Jahrzehnte daher nicht größtmögliche Freiheit, sondern gesundes Führen.

Die Führungskraft der Zukunft

Wo setzt gesundes Führen also an, wenn nicht bei mehr Flexibilität? Zuerst bei der Führungskraft selbst. „Führen durch Vorbild“ lautet meine Maxime. Wer sein Team mit Haltung führt, statt nur neue Tools einzuführen, der gibt eine Richtung vor. Und wenn das Team die Richtung kennt, kann es seine Energie konzentriert einsetzen, statt sich in den Möglichkeiten zu verlieren.

Zu den Prinzipien des gesunden Führens gehört vor allem ein wertschätzender Kommunikationsstil, der die Mitarbeiter zu mehr Kreativität ermuntert. Das bedeutet, dass nicht nur die Tür offen stehen sollte für die Nöte des Teams. Sondern dass jeder Führende sich als Teil des Teams begreift und eine Arbeitsatmosphäre schafft, in der Probleme offen angesprochen und dann gemeinsam gelöst werden. Dazu gehören zum Beispiel konstruktive Feedbackrunden. Durch das respektvolle Miteinander wird die mentale Gesundheit gefördert, was sich wiederum positiv auf die Produktivität auswirkt. Eine respektvolle und motivierende Haltung ist also ein wichtiger Erfolgsfaktor.

Diese Haltung zu entwickeln und überzeugend zu vertreten, ist keine einfache Aufgabe. Führungskräfte der „alten Garde“ brauchen dabei genauso Unterstützung wie junge Talente, die noch keine Erfahrung in verantwortlichen Positionen haben. In unserem Coachingalltag stellen wir fest, dass sich die Fragen oft ähneln. Viele Coachees wollen wissen, wie sie angemessenes Stressmanagement betreiben können – das betrifft Teilnehmer in allen Hierarchiestufen. Und oft sind die teilnehmenden Gründer oder Führungskräfte mit den neuen Anforderungen an ihre Rolle überfordert und implementieren überstürzt Maßnahmen wie freie Urlaubswahl und flexible Arbeitszeiten. Wenn diese aber ohne innere Haltung betrieben werden, sind sie nur ein Lippenbekenntnis und können die gewünschte Wirkung nicht entfalten. 

Mitarbeiter als Menschen wahrnehmen

Auch bei großer Offenheit im Team und respektvollem Umgang erlebt jeder mal Stress. Das kann an der Aufgabe selbst liegen, aber auch an Konflikten mit Kollegen oder privaten Problemen, die sich auf die Arbeitsleistung auswirken. Wer seinen Arbeitstag trotz psychischer Belastung zu bewältigen versucht, erlebt Leistungseinbußen, die laut IGA Report bis zu 20% betragen können. Für Führungskräfte ist es also auch aus wirtschaftlicher Sicht wichtig, ihre Mitarbeiter als Menschen mit Stärken und Schwächen wahrzunehmen. Wenn sie die richtigen Rahmenbedingungen für die Lösung der Probleme schaffen, können sie an der Vermeidung von Stress und der Bearbeitung von Konflikten mitwirken.

Jedem unserer Mitarbeiter steht beispielsweise die Nutzung eines Mental Health Days frei. Gerade bei akutem Stress kann ein arbeitsfreier Tag als Pausetaste viel bewirken. Darüber hinaus können externe Coachings sehr hilfreich sein. Die Mitarbeiter nehmen die Coachings anonym in Anspruch und arbeiten individuell an ihren Herausforderungen und Zielen. So erhalten sie die Sicherheit, die neuen Freiheiten verantwortungsvoll nutzen zu können.

Meine Vision ist eine Arbeitswelt, die die mentale Gesundheit aller Teammitglieder so selbstverständlich als Erfolgsfaktor anerkennt wie reibungslose Prozesse und moderne Technik. Damit New Work kein Lippenbekenntnis bleibt, sind Führungskräfte als Vorbilder gefragt: Arbeiten Sie an sich und Ihrer Rolle im Team. Mit gesunder Führung bieten Sie Ihren Mitarbeitern Freiheit und Sicherheit zugleich. Und profitieren gemeinsam von Steigerung der Zufriedenheit und Performance. 

Weitere Informationen finden Sie hier


Autor: Daniel Kollmann VIVELIA Gründer & CEO 

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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