Geduld haben und beharrlich seinen Weg gehen

Maya Lörtscher machte sich mit 62 Jahren selbstständig und designt und produziert Taschen und Accessoires.

Stellen Sie sich und ihr Unternehmen ml-taschenshop doch kurz unseren Lesern vor!
Maya Lörtscher: Dass ich heute eine Manufaktur für Taschen und Accessoires betreibe, ist für mich die logische Entwicklung in meinem Berufsleben. Gestalten mit Textilien ist und war schon immer meine Leidenschaft. Bereits als 7-jähriges Kind bekam ich meine erste eigene Nähmaschine, somit war kein Stück Stoff in unserem Haushalt mehr sicher vor mir.

Mit 17 Jahren begann ich demzufolge meine Ausbildung als Textilgestalterin in der schweizerischen Frauenfachschule, der heutigen Modecco. Anschliessend wurde ich Handarbeitslehrerin, ein Beruf der leider vom Aussterben bedroht ist. Nach einigen Jahren in der Schule zog es mich zum Kinderzirkus Robinson, dem ich über 30 Jahre treu blieb. 300 Kostüme pro Jahr entstanden im Zirkusatelier unter meinen Händen.

Eine wunderbare Arbeitsstelle für meine Leidenschaft: dem Gestalten.

Warum haben Sie sich entschlossen ein Unternehmen zu gründen?
Maya Lörtscher: Mit 62 Jahren erlaubte es meine finanzielle Lage, dass ich mich pensionieren lassen konnte, und so begann mein nächster beruflicher Werdegang. Ich beschäftige mich intensiv mit der Machart von allerlei Taschenformen und Verarbeitungstechniken. Ich lernte Stück für Stück, wie eine Tasche entsteht. Auf der Suche nach einem einheitlichen Design erfand ich den Schieferdruck. Meine Taschenkollektion sollte eine klare Linie haben, eine grosse Wiedererkennung und Individualität vorweisen. Jede Schieferplatte ergibt andere Muster, und durch das Zuschneiden der Stücke kann ich zusätzlich Individualität herstellen.

Dass im Hintergrund auch die Geschichte des Schiefers «Urgestein wird sichtbar» eine Rolle beim Vermarkten spielt, ist klar.

ml-taschenshop Maya Lörtscher Taschen Accessoires Was war bei der Gründung Ihres Unternehmens die größte Herausforderung?
Maya Lörtscher: Die Frage, wie und wo ich mein Produkt verkaufen kann. Wie soll ich dies angehen? Was wollen Händler für eine Marge? Wie verhandle ich? Kann ich das überhaupt? Was für Listen, mit oder ohne Fotos, muss ich bereit haben? Plötzlich stand ich auf der anderen Seite, ich war nicht mehr die Lehrerin, die sagte wie ich es haben wollte, ich war nicht mehr die Direktorin, die entscheiden konnte, wie das Kostüm auszusehen hatte. Ich war quasi die Bittstellerin (so kam ich mir manchmal vor), die Ihr Produkt präsentieren musste, und die andere Seite entschied, ob sie kauft oder nicht.

Gab es jemals einen Punkt, wo Sie dachten ich schaffe das nicht?
Das ist wahrscheinlich eine Frage der Zielsetzung: In den ersten 3 Jahren suchte ich intensiv und finanziell aufwendig Händler und Boutiquen, die meine Produkte für den Wiederverkauf erwerben. Da habe ich bald gemerkt, dass dies nicht mein Weg ist, also änderte ich die Zielsetzung. Heute verkaufe ich 80% selber direkt in meinem Laden und an Ausstellungen und Märkten.

Manchmal passiert es auch, dass Händler auf mich zukommen, und dann bin ich auch bereit, meine Produkte zu einem guten Preis in den Wiederverkauf zu geben.

Muss man mit seinen Aufgaben wachsen?
Maya Lörtscher: Auf jeden Fall, es gibt keine fertigen Rezepte, man sollte stets flexibel und offen für andere Ideen und Wünsche sein. Trotzdem ist es wichtig, der eigenen Linie treu zu bleiben. Anfangs dachte ich oft, du musst alle Wünsche erfüllen, und das stresste mich dann auch.

Heute weiss ich ziemlich genau was geht, und wo ich klipp und klar nein sagen muss.

Kann man auch mit einer Idee starten, wenn noch nicht alles perfekt ist?
Das finde ich ganz wichtig. Erst wenn man auf dem Markt ist, mit Kunden reden kann, merkt man welche Kundinnen und Kunden wichtig sind. Während eines Ausstellungstages höre ich sehr viele Feedbacks und nehme Inspirationen mit nach Hause.

Wer ist die Zielgruppe von ml-taschenshop ?
Maya Lörtscher: Vor allem Frauen ab 40 Jahren, die genau wissen, was sie wollen und die Individualität schätzen. Männern gefällt mein Design auch, allerdings ist mein Sortiment doch eher frauenlastig. Eine Besonderheit bei meinem Angebot hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Bei mir können Frauen gegen einen Aufpreis ihre individuellen Wünsche in Form, Farbe, Trägerlänge und Innenleben einer Tasche wählen.

Das wird von vielen Frauen sehr geschätzt.

Welche Vision steckt hinter ml-taschenshop?
Für mich muss mein Geschäft selbsttragend sein und einen Gewinn abwerfen, obwohl ich als pensionierte Frau nicht mehr arbeiten und Geld verdienen müsste. Ich will in meinem Leben etwas Sinnvolles machen, das mir Freude bereitet, und das mich Tag für Tag herausfordert. Das Mass all dieser Dinge kann ich selber bestimmen, meinen Rhythmus leben. So lange dies alles für mich stimmt, ist es gut.

Wie ist das Feedback?
Dank der Schiefer-Geschichte, der hochwertigen Verarbeitung, des stilvollen Designs, des massvollen Preises und der Langlebigkeit meines Produktes ist das Feedback sehr gut.

ml-taschenshop,wo geht der Weg hin? Wo sehen Sie sich in den nächsten 5 Jahren?
Das weiss ich nicht. Als man mich allerdings vor 5 Jahren fragte «wie lange willst du das machen?», antwortete ich «sicher noch 10 Jahre!». Wenn sie mich heute fragen, gebe ich die gleiche Antwort.

Welche Tipps würden Sie angehenden Gründerinnen mit auf den Weg geben?
Als Person hundertprozentig hinter dem Produkt stehen, Geduld haben, beharrlich seinen Weg gehen und was ich ganz wichtig finde: Aufgaben, die Ihnen nicht liegen, oder die Sie nicht besonders gerne machen oder können, dem Profi überlassen. Auch wenn es Geld kostet, am Ende wird sich dies auszahlen.

Weitere Informationen finden Sie hier

Zu Maya’s Story auf neustarter

Wir bedanken uns bei Maya Lörtscher für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Neustarter Stiftung

Die gemeinnützige Neustarter-Stiftung verfolgt seit 2017 das Ziel, Menschen ab 49 Jahren für den beruflichen Neustart zu inspirieren und zu ermutigen. Auch Unternehmen im demografischen Wandel und bei gleichzeitig zunehmender Digitalisierung unterstützt Neustarter, um langjährige und ältere Mitarbeitende mit passenden Modellen und Methoden für zukünftige Arbeitswelten zu begeistern. Neustarter hat ein breites Angebot an öffentlichen Veranstaltungen in Zürich und bietet online Informationen und Austausch für den gesamten deutschsprachigen Raum. Geschäftsführerin der Stiftung ist Bernadette Höller, Expertin für Altern und Arbeiten.

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