Ehrlichkeit – Man muss als Gründer bei allen Visionen und Unsicherheiten immer ehrlich bleiben.

memetis entwickelt folienbasierte Miniatur-Aktoren aus Formgedächtnislegierung

Stellen Sie sich und das Startup memetis doch kurz unseren Lesern vor!
Ich heiße Christoph Wessendorf, bin 30 Jahre alt und Co-Founder von memetis. Vor memetis habe ich Wirtschaftswissenschaften an der ESCP Europe in London, Madrid und Paris studiert und war dann mehrere Jahre in einer internationalen Strategieberatung tätig. Dadurch bin ich im weitesten Sinne für die kaufmännischen Aufgaben bei memetis verantwortlich.

Doch was ist oder macht eigentlich memetis? memetis entwickelt, produziert und vertreibt folienbasierte Miniatur-Aktoren aus Formgedächtnislegierung, welche industrieübergreifende Herausforderungen bewältigen.

Was genau entwickeln Sie?
memetis entwickelt folienbasierte Miniatur-Aktoren aus Formgedächtnislegierung. Das hört sich erst einmal kompliziert an, muss es aber nicht.

Kurz zur Erklärung: Ein Aktor ist letztlich eine Komponente, welche eine Bewegung oder Aktion ausübt. Wir kennen dies zum Beispiel von Ventilen, welche ebenfalls Komponenten beinhalten, die das Ventil öffnen oder schließen. Diese Bewegung kann unterschiedlich realisiert werden, z.B. durch eine elektromagnetische Schaltung oder eben auch den Formgedächtniseffekt.

Der Formgedächtniseffekt tritt bei Formgedächtnislegierungen auf. Hier muss man sich eine metallische Legierung vorstellen, welche sich in kaltem Zustand leicht verformen lässt. Wenn man sie jedoch erhitzt, zum Beispiel durch einen Stromimpuls, dann verformt sich die Legierung erneut in ihr „Formgedächtnis“. Dabei werden hohe Kräfte frei und das Material legt einen gewissen Weg zurück. Man könnte sagen, das Material arbeitet selbst wie eine kleine Maschine.

Diese großen Kräfte werden auf kleinem Bauraum realisiert – und genau dies nutzen wir für unsere Aktoren. Wir sind damit im Stande, sehr kleine und leistungsfähige Aktoren zu bauen, was auf Basis konventioneller Technologien so gut wie nicht möglich ist. Hierbei haben gerade Folien große Vorteile. Einer zunehmenden Miniaturisierung können wir somit ebenso Rechnung tragen wie auch der Abbildung immer komplexerer Anforderungen in unseren Aktoren – und das in einer Vielzahl an Industrien. Der Fokus von memetis liegt aber derzeit klar im Bereich der Miniatur-Ventile, Pumpen und anderer Komponenten im Bereich der Mikrofluidik.

Was ist das Besondere an der Folie?
Um die Besonderheiten der Folie zu verstehen, muss man sie einmal gegenüber konventionellen Technologien, wie z.B. elektromagnetischen Aktoren, sowie auch anderen Formgedächtnislegierungsaktoren, z.B. auf Basis von Drähten abgrenzen.

Im ersten Fall sind konventionelle Technologien nur sehr schwer weiter zu miniaturisieren. Die Komplexität ist aufgrund des Aufbaus dieser Aktoren zu hoch oder diese Aktoren werden sehr kostspielig und sind daher nur bei sehr großen Stückzahlen rentabel. Es ergibt sich also eine Lücke bei Aktoren mit Abmessungen von wenigen Millimetern, welche aber bereits bei Stückzahlen von einigen 10.000 Stück rentabel sind. Genau dies können folienbasierte Miniatur-Aktoren aus Formgedächtnislegierung leisten. Aufgrund ihrer hohen Leistungsdichte, welche gerade bei Folien gut genutzt werden kann, ist eine solche Miniaturisierung gut möglich.

Im zweiten Fall sehen wir, dass Folien eine wesentlich komplexere Aktorik als Drähte erlauben. Hier können verschiedene Strukturen geschaffen werden, welche anspruchsvolle Bewegungen ermöglichen. Bei Drähten ist dies so nicht möglich. Weiter haben Folien den Vorteil, dass sie aufgrund ihrer geringen Dicke (die dünnsten liegen bei 20µm) schnell aufheizen bzw. abkühlen und somit schnelle Schaltzeiten ermöglichen, dabei aber auch eine große Oberfläche haben um hohe Kräfte zu erzeugen. Kurz, Folien können schneller größere Kräfte realisieren als Drähte.

Wie ist die Idee zu memetis entstanden und wie haben Sie sich als Gründerteam zusammengefunden?
Die Geschichte von memetis beginnt um den Jahreswechsel 2014/2015. Meine Mitgründer Marcel Gültig, Hinnerk Oßmer und Christof Megnin kennen sich seit langer Zeit durch ihre Forschungstätigkeit am Institut für Mikrostrukturtechnik (IMT) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Im Rahmen ihrer Promotionen haben sie viel Erfahrung mit Formgedächtnislegierungen und Miniatur-Aktorik sammeln können. Durch das breite Spektrum an Anwendungsmöglichkeiten, welche Formgedächtnislegierungen in der Aktorik erlauben sowie einer ungedeckten Nachfrage im Markt – für Miniatur-Aktoren in begrenzten Stückzahlen – ist schließlich die Begeisterung und der Wille entstanden, durch eigenes Know-how folienbasierte Formgedächtnislegierung-Aktoren zur Marktreife zu entwickeln.

Ich bin im Frühjahr 2015 zum Team gestoßen um gerade in kaufmännischen Fragen zu unterstützen. Der Kontakt war hier zuerst persönlicher Natur – aus Abi-Zeiten kennen Marcel und ich uns bereits sehr gut. Unsere Tätigkeit lief zu beginn eher noch so nebenbei – neben dem Job oder der Promotion. Seit März 2016 verfolgen wir das Vorhaben memetis nun alle in Vollzeit und vollem Engagement.

Warum haben Sie sich entschlossen ein Unternehmen zu gründen?
Ich glaube, wir haben hier alle unterbewusst nach einer neuen Herausforderung gesucht, welche uns einerseits eine gewisse Abwechslung und Eigenverantwortung aber ebenso auch Freiheiten ermöglicht. Dann sind wir wohl – jeder für sich – zur richtigen Zeit auf die richtigen Leute mit einer passenden Vision gestoßen. Diese Gelegenheiten muss man wahrnehmen!
Gleichzeitig hat sich aber auch eine Möglichkeit eröffnet, die eigenen Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit in Form eines Produkts zugänglich und nutzbar zu machen. Schließlich hat sicher jeder Gründer das Ziel, einen gewissen Mehrwert für die Gesellschaft zu leisten. Auch wenn nicht immer ganz klar ist, wie dieser genau aussehen wird.

Von der Idee bis zum Start was waren bis jetzt die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?
Herausforderungen gibt es entlang der verschiedenen Phasen in der Unternehmensgründung sicher viele. Einige haben wir bereits gekonnt gemeistert, welche unsere Zukunft als Team und auch der Firma stark beeinflusst haben.
Ganz wichtig ist hier sicher die Findungsphase im Team – man braucht die richtigen Leute mit den passenden Kompetenzen und einer geteilten Vision. Dies hört sich zwar immer einfach an, ist aber kritisch und nicht immer leicht zu realisieren. Hier wird in einer frühen Phase bereits viel entschieden.

Weiter ist der Fokus auf eine Anwendung bzw. ein Produkt wirklich wichtig, aber auch sehr herausfordernd. Gerade bei Technologie-getriebenen Unternehmen. Man hat leider immer nur begrenzte Ressourcen und muss diese optimal einsetzen. Dennoch bieten sich viele spannende Möglichkeiten. Hier braucht man das richtige Gespür, möglichst früh auf das „richtige Pferd zu setzen“ oder aber auch den Mut, in schwierigen Zeiten weiterhin zu seiner Entscheidung zu stehen. Dementsprechend sind erste Gespräche in denen man sein Produkt einem potenziellen Kunden o.ä. vorstellt sehr wichtig aber auch eine „Zitterpartie“.

Finanziert sind wir derzeit über die Förderung aus EXIST Forschungstransfer – ein wirklich hervorragendes Programm um Ausgründungen aus der Wissenschaft voranzutreiben. Es wird jedoch nicht nur finanziell unterstützt, sondern auch ideell gefördert.

Wer ist die Zielgruppe von memetis?
Wir bewegen zum derzeitigen Zeitpunkt im Markt der Mikrofluidik in der Medizintechnik und Bioanalytik. Unsere Kundenzielgruppe sind somit Firmen, deren Produkte sich mit der Analyse und dem Handling von Kleinstmengen an Flüssigkeiten beschäftigen. Dies können einerseits Systemintegratoren sein, welche unsere Komponenten einzeln verbauen oder aber auch direkt Gerätehersteller, die ganze Systeme von uns beziehen.
Dies ist für uns insofern spannend, dass es einen Trend zu immer portableren und kleineren Analysegeräten gibt und somit auch immer kleinere Bauteile nachgefragt werden. Schließlich lassen sich aber auch mit kleineren Bauteilen oft mehrere Funktionen – zum Beispiel Mischen und Dosieren von verschiedenen Flüssigkeiten – auf einem bestehenden festen Bauraum umsetzen.

memetis, wo geht der Weg hin? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Die Zukunft von memetis muss man Produktseitig sicher zweiteilen. Einmal möchten wir uns im Bereich der Medizintechnik weiterentwickeln. Dies kann es in den Bereich Quantified Self oder personalisierte Medizin gehen. Denkbar sind memetis-Mikropumpen, kleiner als bisherige Pumpen und absolut geräuschlos, welche zum Beispiel in Insulinpumpen verbaut werden und aufgrund ihrer kompakten Bauweise kaum noch auffallen. Weiter kann man an implantierbare Komponenten in diesem Bereich denken, da unser Material absolut biokompatibel ist. Hier gibt es dann sehr viele Möglichkeiten.
Daneben sind aber auch andere Industrien für uns interessant, wie zum Beispiel die Luft- und Raumfahrt, wo wir auch direkt mit unseren Ventilen einen Mehrwert bieten könnten. Aber auch in dieser Industrie sind die Anwendungsfelder zahlreich.

Das Unternehmen memetis soll sich aber in den nächsten fünf Jahren selbst zu einem soliden mittelgroßen Mittelständler entwickeln. Wir arbeiten bereits jetzt an einer Serienfertigung für einen Kunden und hoffen somit auch mittelfristig in größeren Volumina zu produzieren und entsprechend zu skalieren.

Zum Schluss: Welche 3 Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?
Neben gewissen hard-skills, welche man sicher immer benötigt, gibt es einige Charaktereigenschaften, die ich sehr wichtig finde. Dies sind
a. Ehrlichkeit – Man muss als Gründer bei allen Visionen und Unsicherheiten immer ehrlich bleiben. Ehrlich zu sich selbst, zu seinen Co-Foundern aber auch zu seinen Kunden. Sonst entstehen Spannungen, welche sich schwer im Nachhinein glätten lassen. Gerade in Bezug auf die Kunden ist das wichtig. Man muss sicher Potenziale und Visionen aufzeigen, darf dabei auch nicht vergessen, dass man am Anfang seinem Kunden mit fast „leeren Händen“ begegnet. Das heißt die erste Geschäftsbeziehung basiert fast ausschließlich auf Vertrauen. Habe ich das verspielt, dann war’s das erst einmal.

b. Eigeninitiative – Es gibt leider keinen, der einem sagt was gut und schlecht, richtig oder falsch, wichtig oder unwichtig ist. Hier muss man sich selbst ran wagen, motivieren und entscheidungsfreudig sein. Sonst tritt man auf der Stelle. Manchmal muss man Dinge auch einfach angehen und ausprobieren – nur durch Eigeninitiative kommt man voran!

c. Agilität – Man benötigt als Gründer sicher auch die Fähigkeit neue Wege zu gehen und sich einen falschen Weg auch eingestehen können. Viele reden davon, dass sie gerade wieder einen Pivot hinter sich haben und nun neue Wege gehen. Dies ist eine Fähigkeit, die nicht jeder hat, welche aber unglaublich wichtig ist. Als Gründer bekommt man jeden Tag viele neue Eindrücke, die das eigene Vorhaben in einem neuen Licht erscheinen lassen. Da gibt es dann auch einmal die Situation, dass man sich sagen muss, „jetzt habe ich zwar zwei Monate daran geglaubt und gearbeitet, aber jetzt muss ich das doch anders machen, damit da was Besseres bei rauskommt“. Dieses „anders machen“ muss man aber erkennen und dann auch bewusst verfolgen. Das ist nicht immer einfach und liegt auch nicht jedem.

Weitere Informationen finden Sie hier

Wir bedanken uns bei Christoph Wessendorf für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Sabine Elsässer

Sabine Elsässer ist 39 Jahre jung, Gründerin und leitende Redakteurin der StartupValleyNews. Ihre Karriere startete sie in verschiedenen internationalen Direktvertriebsunternehmen. Seit 2007 ist sie hauptberuflich als Journalistin tätig. Während dieser Zeit lernte sie die Startup-Szene kennen und schätzen, was Sie dazu bewogen hat mit StartupValleyNews ein internationales Startup Magazin aufzubauen!

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