Marketagent digitale Markt- und Meinungsforschung

Marketagent – Interview mit Geschäftsführer und Gründer Thomas Schwabl

Stellen Sie sich und Ihr Startup Unternehmen Marketagent.com doch kurz vor!
Marketagent.com zählt mit Niederlassungen in Baden bei Wien, München, Zürich und Maribor zu den führenden Anbietern für digitale Markt- und Meinungsforschung im deutschsprachigen Raum. Im Zentrum unseres Instrumentariums steht ein Pool an befragungswilligen Konsumenten, der aktuell 700.000 Personen umfasst. Jährlich realisieren wir rund 1.000 Studien und dazu erheben wir mehr als 800.000 Online Interviews. Unsere Forschungsfelder sind vielfältig und reichen von Werbemitteltests und Markenkernwert-Studien über Preisschwellenanalysen bis hin zu Produkt- und Konzepttests. Zu unseren Kunden zählen internationale Top-Unternehmen wir Nestlé, Mc Donalds, Beiersdorf, Dr. Oetker oder Ikea.

Wie ist die Idee zu Marketagent entstanden und wie haben Sie sich als Gründerteam zusammengefunden?
Die Idee entstand 2000 im Rahmen einer Mountainbike-Ausfahrt und konzentrierte sich auf zwei Annahmen, die aber beide letztlich nicht eingetroffen sind. Nämlich, dass SMS das Befragungsmedium der Zukunft wird und dass Do it yourself bereits marktreif ist. Das heißt wir haben an einer internationalen Marktforschungsplattform gearbeitet, über die man als Kunde eigenständig Umfragen programmieren und steuern konnte. Und zwar ohne jegliches Zutun durch uns selbst.
Faktum ist, dass das DIY-Feature in weiterer Folge kein einziges Mal eingesetzt oder verwendet wurde. Heute, gut 15 Jahre später, gibt es solche Tools (z.B. von Google) und sie beginnen sich zunehmend zu etablieren. Wir waren damals quasi unserer Zeit voraus und der Markt war noch nicht bereit. Eine weitere Fehleinschätzung war, dass wir damals neben der Online Forschung auch stark auf die Befragung mittels SMS setzten: Eine Methodik, die sich nicht wirklich nachhaltig durchsetzen konnte.

Das Gründerteam musste sich eigentlich nicht großartig zusammenfinden, da es in der Familie blieb. Mein Bruder führte damals gemeinsam mit zwei Freunden ein Software-Unternehmen, die von der Idee begeistert waren und gleich mit einstiegen.

Von der Idee bis zum Start was waren bis jetzt die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?
Nach gut einem Jahr Entwicklungsarbeit begannen wir im Herbst 2001 mit dem Vertrieb bzw. der Marktbearbeitung. Das war alles andere als ein günstiger Zeitpunkt: September 11th und das Platzen der Internetblase waren keine guten Begleiter für einen Start. Die ersten 24 Monate waren dann alles andere als leicht: Durch die niedrige Internet-Durchdringung gab es methodische Bedenken. Damals waren nur knapp 40% der Bevölkerung über das Medium Internet erreichbar und an repräsentative Stichproben war nicht zu denken. Es wurde befürchtet, dass sich die Offline-Population gänzlich anders verhält. Insofern war der Markteinstieg sehr schwierig und rote Teppiche fanden sich nur selten.
Das Unternehmen stieß zwar auf Interesse, meist haben aber die Befürchtungen überwogen und es kam nur sehr selten zu Beauftragungen. Dies führte sogar dazu, dass wir knapp vor der Resignation schon einen Käufer suchten, aber keinen fanden. Begleitet wurde dies von einem Markenrechtsstreit mit einem Mitbewerber, der aber mit einem Vergleich nach 1,5 Jahren beendet werden konnte. Ich selbst habe zu diesem Zeitpunkt auch schon wieder einen Job gesucht, fixe Angebote dann aber doch nicht unterschrieben, weil ich noch 3 Monate zuwarten wollte. Für den „Kindsmord“ war es noch zu früh. Auch war ich damals eine One-Man-Show, eingemietet bei dem Unternehmen meines Bruders: kein eigener Schreibtisch, kein eigener PC, kein eigenes Telefon. Alle Funktionen wurden notgedrungen durch mich übernommen, vom Verkauf über die Studienkonzeption über die Programmierung bis zur Auswertung und Präsentation. Ich lag quasi der Familie auf der Tasche.

Wer ist die Zielgruppe von Marketagent.com?
Vor 15 Jahren gab es die Hypothese, dass die vergleichsweise günstige Online Markt- und Meinungsforschung auch den Markt für Klein- und Mittelbetriebe öffnet, die bis dato weniger Research-affin waren. Das hat aber nicht in diesem Ausmaß stattgefunden, wie es erwartet wurde. Nach wie vor leben wir von den großen werbetreibenden Unternehmen und von der Markenartikel-Industrie.

Wie wichtig ist Marktforschung für Unternehmen?
Für diese Frage bin ich wahrscheinlich der falsche Ansprechpartner – zumindest wenn Sie eine objektive Antwort möchten. Weil wenig überraschend werden Sie von mir nur positive Dinge dazu hören. Markt- und Meinungsforschung hilft Unsicherheiten zu reduzieren und Entscheidungen auf Basis valider Daten zu treffen, Prognosen werden vereinfacht und Fehler reduziert. Nichts desto trotz soll man auch auf sein Bauchgefühl hören. Marktforschung ist aber stets ein gutes Fundament für strategische und operative Entscheidungen.

Aus welchen Quellen werden die Daten analysiert?
Wir arbeiten schwerpunktmäßig mit quantitativen Erhebungen über unser Online Access Panel. Natürlich sind aber die sozialen Netzwerke und Big Date ein großes Thema.
Social Media Monitoring gilt als neue Marktforschungswunderwaffe, quasi als das Schweizer Messer für die Researcher. Und in der Theorie klingt es natürlich verlockend, wenn man „nur“ noch mitlesen und zuhören muss und sich das Fragen ersparen kann. Damit umschifft man nicht nur elegant das Problem von sozial erwünschtem Antwortverhalten, sondern spart dabei gleichzeitig auch Geld. In der Praxis etablieren sich diese Tools als ausgezeichnete Ergänzung, das vielfach sehr spezielle Informationsbedürfnis der Auftraggeber kann damit aber oft nicht abgedeckt werden. Nichtsdestotrotz bleibt es spannend zu beobachten, ob Umfragen in Zeiten der Omnipräsenz sozialer Netzwerke noch ihre Berechtigung haben.
Ähnliches gilt für Big Data. Egal ob Surfverhalten im Internet, Bewegungsprofile via Smartphones, Kundenkarten oder Fitness-Tracker, das täglich anfallende Datenvolumen ist schier unüberblickbar und somit auch ein Abenteuerspielplatz für die Markt- und Meinungsforschung. Diese in der Regel auf Messung basierenden Daten ermöglichen noch nie zuvor dagewesene Analysen und Auswertungen, die vielfach noch ungenützt sind. Hier existieren in vielen Bereichen wahre Goldminen mit enormen Datenschätzen, die aber nicht nur gehoben, sondern auch verdichtet, interpretiert, analysiert und verstanden werden müssen. Hier wird die Markt- und Meinungsforschung gefordert sein, als „Datenveredler“ aus Rohmaterial Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Wo sehen Sie die Zukunft der Marktforschung?
Die Digitalisierung schreitet weiter voran und klassische Erhebungsmethoden verlieren stetig an Terrain. Während telefonische und persönliche Interviews im Instrumentenmix der Institute noch ihren Platz finden, zählt die schriftliche Befragung (paper&pencil) zu einer aussterbenden Spezies. Unantastbar sind die traditionellen Erhebungsformen jedoch längst nicht mehr. Die Online Forschung ist bereits seit einigen Jahren die weltweit wichtigste Form Fragen zu stellen und eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Der Festnetz-Rückgang und die wachsende Internet-Durchdringung werden diesen Prozess auch in den nächsten Jahren weiter vorantreiben.
Die Diskussion, inwieweit Mobile Research nach Online Research das nächste große Ding ist, wird zunehmend obsolet. Digitale Marktforschung muss bereits heute plattformübergreifend auf allen Endgeräten funktionieren, unabhängig davon, ob der Umfrageteilnehmer am PC, am Tablet oder am Handy teilnehmen möchte. Analysiert man heute das Antwortverhalten der Digital Natives, dann wird schnell klar, Fragebögen müssen zwingend auch am Smartphone funktionieren.
Dieser strukturelle Wandel hat zwangsläufig Auswirkungen auf das Berufsbild der Demoskopen. Während die Erhebung in den Hintergrund tritt, nimmt die Bedeutung von Beratung, Consulting und Analyse zu. Denn was helfen Milliarden an Daten, wenn man darin ertrinkt und nicht die richtigen Schlüsse daraus ziehen kann. Konkrete Handlungsempfehlungen gilt es abzuleiten und Insights müssen generiert werden.

Marketagent, wo geht der Weg hin? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
We work hard to stay small. Wir sind nach wie vor eine kleine schlagkräftige und innovative Truppe und das kann gerne auch so bleiben. Große Exit-Strategien sind derzeit nicht geplant. Aktuell arbeiten wir gerade an ein paar neuen Tools und wenn wir diese in den nächsten Jahren etablieren können, dann sind wir schon zufrieden.

Zum Schluss: Welche Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?
Da möchte ich mit ein paar Schlagworten schließen: Hartnäckigkeit, Enthusiasmus und Innovationsfreude.

Wir bedanken uns bei Thomas Schwabl für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Sabine Elsässer

Sabine Elsässer is founder and chief editor of the StartupValleyNews Magazine. She started her career at several international direct sale companys. Since 2007 she works main time as a journalist. While that time she learned more about the Startup Scene, what made her start her own Startup Magazine the StartupValleyNews.

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