Fünf Fragen an Marco Rodzynek, Mitgründer der NOAH Conference

10 Jahre nach der Finanzkrise – NOAH Conference Gründer und Ex-Banker Marco Rodzynek teilt Expertise und gibt Branchenausblick

Wie hat sich die Finanzbranche seit der Krise 2008 entwickelt?

Marco Rodzynek: Die Finanzkrise war ein bedeutender Einschnitt für die Branche und hatte weitreichende Folgen für die gesamte Wirtschaft. Traditionelle Banken standen in Folge der Geschehnisse enorm unter Druck, waren gezwungen sich neu aufzustellen und litten unter Vertrauensverlust. Dennoch ist jede Krise auch die Chance für einen Neuanfang. Banken hatten die Gelegenheit ihre Strukturen und Strategie anzupassen und sich digitaler aufzustellen. Die größten Entwicklungen gab es allerdings im Bereich der FinTech-Start-ups. Mit dem Einsetzen der Finanzkrise begann nämlich ihr Aufstieg. Enttäuscht von den großen Bankhäusern wandten sich die Kunden neuen digitalen Wettbewerbern zu: anfangs Monzo und Fidor, später beispielsweise Revolut, N26 oder Holvi. Hinzu kam der Siegeszug des Smartphones, der diese Entwicklungen noch begünstigte und neue Schnittstellen zu den Kunden schafft. Dieser vor zehn Jahren eingeläutete Wandel wird noch anhalten und weitere spannende Geschäftsmodelle hervorbringen.

Welchen Mehrwert bieten FinTech-Unternehmen beispielsweise gegenüber klassischen Banken?

Marco Rodzynek: FinTech-Unternehmen haben die Möglichkeit, sich radikal an den Kundenwünschen und neuen Trends orientieren zu können – ohne organisatorischen und strukturellen Ballast. Sie können so zum Beispiel neueste Technologien einsetzen, ohne sie in eine bestehende, komplexe IT-Infrastruktur einbinden zu müssen. Angebote für mobile Endgeräte oder hoch personalisierte Services bieten den Kunden dann beispielsweise einen konkreten Mehrwert, den sie in der Form bisher nicht hatten. Die oft genannte Künstliche Intelligenz wird hierbei ebenfalls eine zentrale Rolle spielen. Generell ist die Digitalisierung diverser Finanzdienstleistungen als solches der Mehrwert, von dem wir profitieren. Heutzutage mag es junge Leute geben, die noch nie eine Bank von innen gesehen haben – warum auch, wenn es leichter geht und am Ende sogar Spaß machen kann. Die Kunden werden autonomer und flexibler, die Produkte und Services maßgeschneidert.

FinTech hat deshalb derzeit vor allem im Consumerbereich großes Potenzial bei der Kundengewinnung – das heißt, die Angebote treffen einen Nerv und Kunden sind offen für Neuerungen. Wie sich der wachsende Kundenstamm nun in Gewinne umwandeln lässt, steht dann wohl auf einem anderen Blatt.

Wie sieht die Zukunft der Finanzbranche Ihrer Meinung nach aus?

Marco Rodzynek: Der Markt ist nach wie vor stark in Bewegung und das tut ihm gut. Start-ups sorgen für Innovationen und klassische Banken sind gefordert, sich der Konkurrenz anzunehmen und sich besser aufzustellen. Und die Herausforderer haben nicht locker gelassen: Seit 2010 betrugen die durchschnittlichen Wachstumsraten für den deutschen FinTech-Sektor laut Bundesfinanzministerium etwa 150 Prozent pro Jahr. Die Investitionen in FinTechs verdoppelten sich laut Accenture europaweit zwischen 2014 und 2015 auf rund 2,9 Milliarden US-Dollar. Im Zuge dieser Entwicklungen entstanden erste europäische FinTech-Schwergewichte wie Revolut und Klarna, die inzwischen Unternehmensbewertungen von über einer Milliarde US-Dollar aufweisen können. Trotz der steigenden Popularität und der zunehmenden Offenheit der Verbraucher ist es aber eine Challenge, das Wachstum auf diesem Niveau zu halten.

Die größte Herausforderung für FinTechs liegt darin, in den Markt einzutreten. Die Gründe sind vielfältig: begrenztes Kapital, rechtliche Vorgaben und Mangel an Erfahrung. In diesen Bereichen liegen wiederum die Stärken der etablierten Banken. Start-ups ist dies durchaus bewusst: Drei Viertel der FinTechs suchen ihr primäres Geschäftsziel mittlerweile in der Zusammenarbeit mit traditionellen Finanzfirmen. Es verwundert daher wenig, dass beide Seiten immer enger zusammenrücken und Partnerschaften schließen.

Was waren die Beweggründe die NOAH Conference zu gründen – direkt zu Beginn der Finanzkrise vor 10 Jahren?

Marco Rodzynek: Auch wir haben die Krise als eine Chance gesehen, etwas Neues zu schaffen und einen positiven Beitrag zur Stärkung der europäischen Digitalwirtschaft zu leisten. Die Idee zur Veranstaltung selbst ist dann aus einem konkreten Bedarf heraus entstanden: Damals gab es keine nennenswerte Veranstaltung oder Plattform, auf der sich Unternehmen vielen potentiellen Investoren gleichzeitig vorstellen konnten. Also haben wir es zu unserer Aufgabe gemacht, Gründer mit Investoren zusammenzubringen. Damit hatten wir auch schnell Erfolg und die NOAH Conference wurde zum geschätzten Event der Digitalwirtschaft. Inzwischen haben wir auf jeder NOAH über 500 Investoren. Dazu gehören nicht nur die führenden Funds wie Lakestar, Index, Accel, Target und viele mehr, sondern auch viele Family Offices, die interessante Investitionschancen suchen.

Weshalb ist die NOAH London gerade für die FinTech Branche so spannend?

Marco Rodzynek: London als bedeutender Finanzstandort ist natürlich prädestiniert für ein solches Event. Auf der Konferenz in London haben wir einen klaren Schwerpunkt darauf, Kapitalgeber mit Unternehmen zusammenzubringen. Es sind viele internationale VCs vor Ort, die natürlich in der Finanzbranche verankert sind. Das alles macht die NOAH London spannend für die Finanzbranche allgemein. Die Tech-Unternehmen finden bei uns ein Zuhause, da wir von Beginn an Innovation und Digitalisierung auf den Konferenzen hochgehalten haben. Dabei verfolgen wir einen kooperativen Ansatz: Wir möchten den Wettbewerbern eine Plattform geben, um sich auszutauschen und ihre Stärken zu vereinen. Traditionsunternehmen können eine Menge von Start-ups lernen und umgekehrt.

Über NOAH Conference

Im Jahr 2009 gelauncht, entwickelte sich die NOAH Conference zu Europas führendem Event der Digitalszene. Über 2.000 Internet-CEOs, Entscheider und Investoren erhalten jährlich Einblicke in die neuesten Konzepte sowie die Möglichkeit zum Netzwerken und Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Bekannt für ihren Fokus auf profitable Business-Modelle und Daten, bietet die Veranstaltung außerdem die Möglichkeit zur Interaktion mit Speakern, Inspiration und Unterhaltung. Die NOAH Conference lädt zu drei thematisch unterschiedlichen Veranstaltungen ein:

NOAH London (30. bis 31. Oktober 2018) fokussiert sich darauf, Kapitalgeber mit Unternehmen zusammenzubringen und den Dienstleistern dabei zu helfen, relevante Kunden zu finden.
NOAH Tel Aviv (9. bis 10. April 2019) vernetzt europäische Unternehmen und Investoren mit führenden israelischen Tech Start-Ups.
Axel Springer NOAH Berlin (13. bis 14. Juni 2019) ist eine einzigartige Diskussionsplattform für Entscheidungsträger etablierter Unternehmen aller Branchen sowie ihrer disruptiven Herausforderer und Digital-Investoren.

Bild: NOAH Berlin 2016 – Day Two – Image ©Dan Taylor/Heisenberg Media.

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