Learnings aus dem Silicon Valley: Berlin hat sein Potenzial noch nicht komplett entfaltet

Silicon Valley – immer noch das Nonplusultra, wenn es um Gründen geht. San Francisco ist Heimat der führenden Technologie-Riesen wie Twitter, AirBnB und Apple und hat weltweit den Ruf als Innovationsschmiede. Für 12 Jahre war die Bay Area mein zu Hause, ich durfte in die Start-up-Szene eintauchen und hautnah den “american spirit” erleben. Als Entrepreneur und Investor ist Silicon Valley der perfekte Ort, um die neuesten Trends und Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Mit meinem neuesten Start-up zieht es mich jetzt wieder nach Deutschland.

Aber kann Berlin als Silicon Valley 2.0 mithalten? Oder hat Berlin das amerikanische Start-up-Mekka bereits in manchen Kriterien überholt?

Dass wir mit Centrifuge Berlin als Headquarter gewählt haben, kommt nicht von ungefähr. Berlin hat sich in den vergangenen Jahren zum Blockchain-Hotspot entwickelt. Aber auch generell hat sich das Start-up-Ökosystem in der Hauptstadt drastisch verändert – und in meinen Augen verbessert. Als wir unser letztes Unternehmen Taulia im Jahr 2009 gegründet haben, war es fast unmöglich, Geld für unsere Idee in Deutschland einzusammeln. Die VC-Landschaft in Berlin und in ganz Europa hinkte dem amerikanischen Vorbild enorm hinterher. Das hat sich zum Glück geändert. Mittlerweile profitieren Berliner Start-ups von einem guten Netzwerk aus Venture Capitalists, Investoren und Veranstaltungen, die den Austausch in der Start-up-Community fördern.

Talente mit offenen Armen begrüßen

Ein wichtiger Pluspunkt für Europa und besonders Berlin ist das Thema Immigration. Berlin ist Multikulti und das zeigt sich auch an den talentierten, jungen Arbeitnehmern, die aus der ganzen Welt in die Stadt an der Spree pilgern und hier ihr Glück suchen. Vor allem in der Technologiebranche gibt es einen regelrechten Run in die Hauptstadt. Amerika verspielt sich durch die strengen Einreisebestimmungen sein Image als “Land der tausend Möglichkeiten”. Immer weniger Personen wollen in die USA, um zu arbeiten, da die Zukunft dort zu unsicher geworden ist – man braucht nur einmal in die Nachrichten zu schauen. Neben Berlin profitieren davon auch die skandinavischen Länder und andere Start-up-Zentren wie London, in denen Englisch selbstverständlich im Alltag angewendet wird.

No risk, no (startup) fun

Berlin hat aber auch Nachholbedarf und kann einiges von seinem großen Bruder, dem Silicon Valley, lernen. Risikobereitschaft ist in Amerika sehr verbreitet. In Deutschland ist das Konzept von “Fail Fast” oftmals noch verpönt und wird mit Versagen gleichgesetzt. In Amerika ist Scheitern gesellschaftlich akzeptiert und die Gründer haben verstanden, dass durch Fehler Produkte und Ideen wachsen. Nur wer Risiken eingeht, hat die Chance großes zu bewirken. Think big: das ist in Berlin eine Floskel, wird aber in San Francisco gelebt. Das führt dazu, dass es dort normal ist, an Projekten zu arbeiten, die Krebs heilen oder eine Reise zum Mars ermöglichen sollen.

Außerdem scheint mir, dass technische Entwicklungen in Deutschland nicht so euphorisch wahrgenommen werden wie in Amerika. In Deutschland herrscht sehr viel Skepsis, was daran liegen könnte, dass viele Institutionen der internationalen Tech-Kompetenz hinterherhinken. Durch die florierende Startup-Landschaft findet allerdings ein Wandel statt. Was jedoch konkret benötigt wird, sind weitere Aushängeschilder à la Zalando, die das Bewusstsein für Gründen und Technologie stärken. In San Francisco sind Gründer Rockstars die das Image des Silicon Valleys maßgeblich geprägt und Technologien für die breite Masse zugänglich gemacht haben.

Money, money, money

Unterm Strich ist Berlin aber, neben anderen Städten, auf einem sehr guten Weg, das Silicon Valley 2.0 zu werden. Vor allem durch die niedrigen Kosten (Miete, Lebensmittel etc.) kann Berlin im Vergleich zu San Francisco punkten und ist dadurch sehr attraktiv für Gründer, die mit ihrer Idee schnell und unkompliziert durchstarten wollen. Das Ökosystem der Hauptstadt entwickelt sich kontinuierlich weiter und Berlin ist bei jungen Talenten sehr beliebt. Auch wenn San Francisco aktuell noch in einigen Punkten die Nase vorn hat, ist Berlin für einige Branchen, wie die Blockchain-Szene, bereits zur Heimat geworden. Was mir sehr gefällt ist, dass Berlin seinen eigenen Charme bewahrt und kein Abklatsch des Silicon Valleys ist. Ich bin gespannt, wo die Reise in den nächsten Jahren noch hingehen wird und wie sich die Start-up-Ökosysteme in Berlin und im Silicon Valley weiter entwickeln und mit welchen Innovationen sie unseren Alltag revolutionieren werden.

Titelbild: pixabay

Maex Ament

Maex Ament ist Mitgründer und CEO des Blockchain-Unternehmens Centrifuge. Die offene B2B-Plattform im Bereich Financial Supply Chain ermöglicht es Unternehmen, relevante Informationen und Daten ohne Mittelsmänner zu managen und sowohl kontrolliert als auch transparent mit Handelspartnern auszutauschen. Das Centrifuge-Protokoll revolutioniert damit den globalen Handel. Maex ist Serial Entrepreneur und kann auf eine Karriere bei Unternehmen wie SAP und Ebydos zurückblicken.

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