Was Gründer von einem Serienpräsidenten, einem Pornokönig und Selfmade-Millionären lernen können

Handfeste Praxistipps für Gründer bei der Start-up-Konferenz Bits and Pretzels in München vom Oscar-Gewinner Kevin Spacey, Youporn-Gründer Fabian Thylmann und anderen Gründerstars

Wenn mehr als 100 Speaker an drei Tagen ihre Tipps und Geschichten erzählen – dann haben viele am dritten Tag bereits die Hälfte der wertvollen Ratschläge wieder vergessen. Das gilt selbst dann, wenn sie von Größen wie dem „House of Cards“-Präsidenten Francis Underwood alias Kevin Spacey, dem Wetterfrosch Jörg Kachelmann, dem Youporn-Gründer Fabian Thylmann oder dem Aktivisten Raphael Fellmer stammen. Damit das Wichtigste für Unternehmensgründer hängen bleibt, haben die PR-Experten Nadine Anschütz und Kai Oppel von der Münchner Agentur scrivo PublicRelations nach dem Auftakt am gestrigen Sonntag zunächst eine Nacht drüber geschlafen, und heute sieben Hinweise der Star-Redner zusammengefasst.

Erstens: Bleibe hartnäckig und klaue zur Not auch mal eine Kleinigkeit

„Vieles von dem, was Kevin Spacey bei seiner Opening-Keynote gesagt hat, war zwar nicht neu – aber umso eindringlicher geschildert“, sagt PR-Experte Kai Oppel, der selbst an Start-ups wie der erfolgreichen Medienkontaktplattform Recherchescout beteiligt ist, Unternehmen mit seiner Agentur scrivo PublicRelations bei der Öffentlichkeitsarbeit begleitet und Autor des Buches „Crashkurs PR“ ist. Welcher Tipp bleibt von Kevin Spacey? Hartnäckig sein und auch mal den guten Anstand über Bord werfen. Der Schauspieler erzählte seine Geschichte, wie er einer schlafenden Sitznachbarin im Theater einst die Einladungskarte für eine Cocktailparty geklaut hat, um so ein Casting für eine Rolle mit seinem Idol Jack Lemmon zu ergattern. Keine Frage: Ohne Hartnäckigkeit läuft kein Start-up. Das gilt ebenso für die Medienarbeit, bei der es heute mehr denn je auf Druck und Dauer ankommt.

Zweitens: Erzähle (D)eine Story!

„Ein anderer Ratschlag Spaceys, der so alt ist wie das Lagerfeuer und der zu 100 Prozent unterschrieben werden kann: Erzähle den Leuten eine Geschichte“, sagt Nadine Anschütz, Mitgründerin der Agentur scrivo PublicRelations und Gründungsmitglied des Vereins Gründungsengel. Gründer, die die Kunst des Story-Tellings beherrschen, überzeugen nicht nur Investoren und Kunden für das Produkt. „Kevin Spacey hat in einer Geschichte auch wunderbar erzählt, warum Starbucks für eine Tasse Venti Americano vier Dollar bekommt und jemand anderes für eine große Tasse Kaffee nur einen Dollar.“ Auch für die Medienarbeit gilt: Je schlechter die Geschichte, desto weniger Reichweite. Oder: Je besser die Story, desto mehr Reichweite.

Drittens: Mach dich auf Schwierigkeiten gefasst, wenn du Geld für ein Sex-Start-up brauchst

Wenig überraschend, aber vielleicht doch erzählenswert: Gründer, die in die Sex- oder Pornoindustrie einsteigen wollen, sollten sich darauf gefasst machen, dass die Finanzierungsrunde etwas schwieriger ausfällt. Diese Einschätzung stammt vom YouPorn-Gründer Fabian Thylmann. Für alle, die zum Virtual-Reality-Hype mit einer Geschäftsidee in die Sexbranche einsteigen wollen, hat er noch einen Ratschlag parat: So neu ist die Idee des virtuellen Sex nicht. Und: Solange sich die Technik vor allem aufs Anschauen beschränkt, wird sie weder Nutzer noch Finanziers zum Höhepunkt bringen.

Viertens: Vorsicht vor Formularen und zu schnellem Wachstum

Nicht zu groß werden: Das ist der Tipp vom Wetterfrosch Jörg Kachelmann, der gerade ein neues Wetter-Start-up auf den Weg bringt, bei dem nach eigenen Worten die Vorhersagen endlich einmal stimmen – soweit Vorhersagen überhaupt möglich sind. Kachelmanns Einschätzung für Gründer: Wenn das Unternehmen erst groß genug ist, um Erbsenzähler zu beschäftigen, wird der Tag kommen, an dem die Erbsenzähler sogar dem Chef sagen, was richtig und was falsch sei – und an dem er zum Beamten seiner eigenen Firma wird. Sein Credo: Beamtentum passt nicht zu Gründergeist.

Fünftens: Weiß genau, welchen Schmerz die Leute haben

Tony Fadell, der unter anderem den iPod für Apple erfunden hat, rät Gründern, sich sehr genau mit der Zielgruppe zu beschäftigen. Seine Erfahrung: Es ist einfacher Schmerzkiller zu verkaufen anstatt Vitamine. Was er außerdem festgestellt hat: Sehr oft sind Gründer mit ihrem Schmerzkiller der Zeit so weit voraus, dass die Kunden von heute noch gar nicht wissen, welchen Schmerz sie morgen haben. Ergo: Auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an.

Sechstens: Man muss nicht unbedingt Millionär sein, um glücklich zu sein

Raphael Fellmer wollte immer Millionär werden, bevor er fünf Jahre ohne Geld durch die Welt getingelt ist und festgestellt hat, dass Geben mehr Freude und Sinn spendet als das Materielle. Sein Tipp an Gründer: Eine Weltreise unternehmen, bevor das Burnout zuschlägt und nicht immer nur ans Geld denken. Denn: Wir haben nur eine Welt. Aus diesem Grund hat er unter anderem die Anti-Food-Waste-Plattform Sharecy gegründet.

Siebtens: Manchmal braucht es viele Jahre Durchhaltevermögen, immer aber die richtigen Leute

Viel lernen können Gründer von dem Hybris-Gründer Moritz Zimmermann. Mit seinem Unternehmen hat er nach dem Platzen der Dot-Com-Blase sieben magere Jahre erleben müssen und weiß heute: In dieser Zeit kann man sich ein Team aufbauen, das wirklich an die Idee glaubt und bereit ist, Risiko zu übernehmen. Weitere Learnings von ihm: Meist dauert es sehr lange, bis sich Routinen im Markt ändern. Daher macht es Sinn, dem Markt dabei zu helfen. Darüber hinaus rät er, ein Unternehmen zu gründen, wenn man jung ist. „Dann hat man noch keinen Kredit fürs Haus und weniger Verpflichtungen“, sagt er. Überhaupt braucht es für den Unternehmensstart nach seinen Worten nicht viel. Vor allem eine tolle Büroeinrichtung können sich Gründer nach seinen Worten zum Start schenken. Diese gaukelt nur Erfolg vor und sei nicht wichtig.

Bildquelle: Dan Tayler

Quelle scrivo PublicRelations GbR

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