Nichts ist wahr, (fast) alles ist erlaubt

Juracus prüft mit KI Softwäre Verträge in sekundenschnelle

Stellen Sie sich und das Startup Legal Analytics sowie die Software Juracus doch kurz unseren Lesern vor!

Mit jeder Vertraulichkeitserklärung, Geschäftsanbahnung und jedem neuen Auftrag entsteht ein Vertrag, der kaufmännisch und rechtlich geprüft werden muss. Diese Tätigkeit bindet die wertvolle Zeit von Fachkräften und kommt am laufenden Band vor. Bekannt sind ja die zähen und langwierigen Runden von Vertragsverhandlungen, die viele Kräfte in Beschlag nehmen und dennoch nur mühselig vorankommen. Dies liegt oft daran, dass das kaufmännische und rechtliche Regelwerk eines Unternehmens nicht verschriftlicht vorliegt, sondern in den Köpfen von Menschen schlummert, vielen unterschiedlichen Menschen.

Durchschnittlich sind an Prüfung, Verhandlung und Abwicklung eines B2B-Vertrags sieben Personen beteiligt, was Kosten in Höhe von durchschnittlich 5.500 € für die Realisierung eines einzigen Vertrags verursacht. Freude empfinden die Wenigsten bei diesem Prozess. Dennoch sind laut der Studie „Mit Recht zu mehr Effizienz“ von EY 60 Prozent aller Rechtsabteilungen hauptsächlich mit dem Prüfen und Abwickeln von Verträgen beschäftigt.

Wir haben mit Juracus eine künstliche Intelligenz geschaffen, die individuelle Geschäftsrichtlinien, seien diese noch so komplex, in jedem Vertrag suchen, identifizieren und somit auch Konflikte zu diesen semantisch erkennen und ausgeben kann. Und das vollautomatisch.

Warum haben Sie sich entschieden ein Unternehmen zu gründen?

Es macht mir einfach unfassbar viel Spaß. Vor der Legal Analytics habe ich bereits eine kleine Design-Agentur geführt sowie ein Dutzend Start-Up-Ideen nach deren Validierung wieder verworfen. Persönlich ist es sehr erfüllend, jeden Tag mit fantastischen Mitarbeitern und Partnern an einer sinnstiftenden Vision arbeiten zu können. Und als wir gesehen haben, dass wir ein echt riesiges Problem lösen können, war das Gründen des Unternehmens zur Entwicklung und Vermarktung von Juracus nur der nächste logische Schritt.

Welche Vision steckt hinter Juracus?

Wir machen Verträge einfach. Es ist einfach verrückt, in welchem Umfang täglich Word-Dateien von A nach B geschickt werden, welche menschlichen Ressourcen dabei eingebunden werden und wieviel Zeit, Geld und vor allem Nerven der Umgang mit Verträgen täglich kostet.

Mit Juracus wollen wir dieses Problem lösen und konzentrieren uns aktuell auf die Vertragsprüfung. Demnächst dann auch auf die digitale Abwicklung von Verträgen. Langfristig wollen wir zu „dem“ Standard für die Prüfung, Verhandlung und Abwicklung von Verträgen werden und den gesamten Prozess zwischen Vertragserstellung und digitaler Signatur digitalisieren.

Von der Idee bis zum Start, was waren bis jetzt die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?

Als Start-up steht man jeden Tag vor enormen Herausforderungen. Der Abschluss unserer Finanzierungsrunde inmitten der Corona-Krise hätte ohne unsere großartigen Partner und Investoren niemals geklappt und vielleicht könnte ich ohne sie dieses Interview heute nicht geben. Finanzierung ist immer eine große Herausforderung. Wir als Gründer haben ein Gründerstipendium bezogen, sämtliche privaten Ersparnisse eingesetzt und Kredite aufgenommen.

Wir wurden aber auch schon früh durch die d.velop AG, die sich auch jetzt bei unserer Investitionsrunde an uns beteiligt hat, mit Know-how und Manpower unterstützt. Mit d.velop labs bietet das Softwareunternehmen umfassende Förderung innovativer Ideen, sodass wir ziemlich lange gebootstrapped sind. 

Wer ist die Zielgruppe von Juracus?

Anfangs gingen wir davon aus, dass unsere einzige Zielgruppe Juristen in Rechtsabteilungen von großen Unternehmen seien. Mittlerweile kennen wir das Problem, den Markt und unsere Anwender aber sehr gut und wissen, dass auch die Abteilungen Einkauf und Vertrieb großen Nutzen aus unserem Produkt ziehen. Ganz besonders die Abteilungen „Contract Management“ sind prädestiniert für die Nutzung von Juracus.

Wie funktioniert Juracus? Wo liegen die Vorteile? Was unterscheidet Sie von anderen Anbietern?

Wir haben es mit Juracus geschafft, ein KI-Produkt für die Lösung eines hochkomplexen Problems einfach und intuitiv zu gestalten.

Anwender wählen in unserem Interface aus, welche Geschäftsrichtlinien in ihren Verträgen auf gar keinen Fall oder auf jeden Fall vorkommen dürfen bzw. müssen. Dann laden  sie einfach eine beliebige Anzahl von Verträgen in jedem gängigen Dateiformat hoch und können sich die Konflikte zu den eigenen Geschäftsrichtlinien, also wenn ein Sachverhalt, der nicht vorkommen sollte, leider doch vorkommt oder ein Sachverhalt, der vorkommen sollte, leider fehlt, anzeigen lassen. Anschließend können sie den Vertrag entsprechend der eigenen Geschäftsrichtlinien bearbeiten und wieder zurückspielen. So sparen sie in einem ständig vorkommenden Kernprozess aktuell enorm viel Nerven, Zeit und damit auch Geld ein.

Zurzeit sind wir dabei, einen Schritt weiter zu gehen und eine vollkommen digitale Vertragsverhandlung über Juracus zu realisieren. Damit kann dann auch ein Vertragspartner der vielleicht noch nicht Juracus-Anwender ist, digital und einfach am Vertrag mitarbeiten. Tatsächlich haben auch wir Konkurrenz, vor allem aus den USA. Die Anbieter dort haben bereits eine beachtliche Größe und Marktdurchdringung erreicht. Wir konzentrieren uns aktuell auf den DACH-Markt und wollen Anfang nächsten Jahres auch Englisch als Sprache unterstützen, um noch mehr Anwender erreichen zu können.

Wie hat sich ihr Unternehmen mit Corona verändert?

Wir sind in einer außerordentlich privilegierten Position, da wir bereits vor der Krise ein Full-Remote Start-up waren und jetzt mit zehn Mitarbeitern immer noch sind. Dementsprechend waren wir strukturell bestens auf die jetzige Situation vorbereitet. Corona hat uns zurückgeworfen, weil bei vielen Interessenten die Budgets eingefroren wurden, da die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie Mitte März unvorhersehbar waren. Ehrlich gesagt hat jedes Unternehmen mein vollstes Verständnis, falls sich durch Corona andere Prioritäten ergeben haben. Mittlerweile sind viele Budgets wieder freigegeben worden und wir haben darauf mit rabattierten Testzeiträumen reagiert, um unseren Interessenten zumindest kein Kostenrisiko bei der Einführung eines neuen Produkts aufbürden zu müssen.

Wie haben Sie sich darauf eingestellt und welche Änderungen haben Sie vorgenommen?

Corona hat uns kalt erwischt, als wir gerade dabei waren, in die Vertragsverhandlung unserer Investitionsrunde einzusteigen. Umso dankbarer sind wir für das Vertrauen unserer Investoren in uns und sehen dies als großes Privileg an. An unseren bereits vor Corona bestehenden Full-Remote-Strukturen mussten wir zum Glück keine Änderungen vornehmen.

Wo sehen Sie in der Krise die Chance?

Ich denke, dass es essenziell ist, die Chancen zu sehen und zu nutzen, die sich im Bereich Digitalisierung gerade ergeben. Wir sehen das bei uns in Form einer stark gestiegenen Nachfrage nach unserem Produkt. Denn unsere Zielgruppe fragt sich natürlich auch, wie man diesen Prozess eigentlich schneller und besser durchführen kann, ohne zeitaufwändig Word-Dateien oder Faxe zu verschicken. Mir ist es sehr wichtig zu betonen, dass ganze Branchen durch Corona schwer dezimiert worden sind und wir uns diese Krise natürlich niemals gewünscht hätten.

Wohin geht der Weg mit Juracus? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Das ist immer meine Lieblingsfrage[lacht]. Unser Antrieb ist es, Probleme zu lösen und das Arbeitsleben unserer Zielgruppe jeden Tag besser zu machen. Und ich bin überzeugt davon, dass das auch in fünf Jahren weiterhin unser Antrieb sein wird. Ich glaube aber auch, dass wir diesem Ziel bis dahin viele Schritte nähergekommen sein werden.

Im Sinne unseres Produkts haben wir sehr viel geplant, gehen dabei aber definitiv Schritt für Schritt vor. Und vor allem: immer nur zusammen mit unseren Kunden und dem Know-how unserer Partner. Wir wollen weltweit zu der Standard-Anwendung für Verträge werden und Verträge von Erstellung über Prüfung, Verhandlung, Abwicklung und Signatur bis hin zur Verwaltung abgeschlossener Exemplare begleiten. Wie wir dabei vorgehen werden, erfährt man aus erster Hand, wenn man unserer Journey folgt.

Zum Schluss: Welche drei Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?

1. Niemand schafft es alleine. Sucht euch Co-Founder, die Skills haben, die ihr nicht habt, und Investoren, die wissen, was sie tun. Ohne die d.velop AG als IT-Schwergewicht oder meine Co-Founder wäre ich definitiv nicht hier.

2. Nichts ist wahr, (fast) alles ist erlaubt. Innovation bedeutet ständiges Hinterfragen des Status quo. Und noch wichtiger: verbessern des Status quo. Hört niemals auf, Lösungen für Probleme zu suchen.

3. Fragt jemanden, der diesen Weg schon gegangen ist. Falls jemand glaubt, dass ich bei einem Sachverhalt weiterhelfen kann, dann schreibt mich gerne jederzeit unter akkamis@juracus.de an. Wir wären heute nicht so weit, wenn uns nicht sogar Größen aus dem Silicon Valley dies ebenfalls angeboten hätten. Lernt von den Großen!

Bildunterschrift: Das Gründerteam (von links nach rechts) mit Gökhan Akkamis (22, Geschäftsführer), Nick Albrecht (21, Geschäftsführer), Max Rogoß (21, Marketing Manager) Fotograf: www.kevinmuenkel.de

Weitere Informationen finden Sie hier

Wir bedanken uns bei den Gründern für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Sabine Elsässer

Sabine Elsässer is founder and chief editor of the StartupValleyNews Magazine. She started her career at several international direct sale companys. Since 2007 she works main time as a journalist. While that time she learned more about the Startup Scene, what made her start her own Startup Magazine the StartupValleyNews.

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