Qualifikation als Schlüssel: Die Abkehr vom Mythos des lückenlosen Lebenslaufs

Lange galt der Lebenslauf als das Kriterium Nummer eins für Einstellungen.

Warum nun immer mehr Start-ups erkennen, dass Kandidaten trotz Lücken qualifiziert sind, erklärt Jonas Willuhn von AMPLOI in diesem Beitrag. 

War es vor einigen Jahren noch verpönt, sich mit vielen Unterbrechungen im CV zu bewerben, schreckt ein lückenhafter Lebenslauf in der Start-up-Szene heute kaum noch ab. Ob Sprachurlaub, Elternzeit, Pflege von Angehörigen, ausgedehnte Reisen oder bloße Lustlosigkeit – egal was letztlich hinter den Pausen steckt, alleine die Qualifikation des Bewerbers sollte für die Besetzung der entsprechenden Stelle im Vordergrund stehen. Warum entspricht ein makelloser Lebenslauf nicht mehr der Realität und warum tritt an seine Stelle die Qualifikation?

Alte Strukturen weichen neuen Potenzialen

Die Menschen wollen flexibel, international, digital und vor allem frei sein – und das nicht nur im Privatleben, sondern auch im Beruf. Was früher ausschließlich den sogenannten “Kreativen”, wie Fotografen oder Künstlern, möglich war, verlangen Arbeitnehmer nun oft standardmäßig von ihren Arbeitgebern ein. Im Zuge dessen sind auch die in Verruf geratenen Pausen keine Ausnahmen mehr, sondern gehören sogar zum Standardrepertoire in den Lebensläufen von heute. Ein Bewerber, der seinen Job noch nie gewechselt hat oder nie im Ausland war, sticht aus der Masse hervor – und das nicht zwingend im positiven Sinn.

New Work ist schon lange kein Schlagwort mehr, sondern Realität. Die Maßstäbe haben sich verschoben. Nicht mehr nur die Arbeitnehmer sind in der Bittsteller-Position. Auch Unternehmen müssen nunmehr den Anforderungen der Mitarbeiter gerecht werden, um Fachkräfte im War for Talents für sich zu gewinnen. Ein Umdenken ist essentiell: Nicht mehr der Lebenslauf der Bewerber darf an erster Stelle stehen, sondern ihr Können. 

Die Fähigkeit der Mitarbeiter steht an oberster Stelle 

Das Ergebnis einer 2018 durchgeführten Studie von Bertelsmann zeigt, dass jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland einen Beruf ausübt, ohne über die entsprechende Ausbildung zu verfügen. Vor allem die Branchen Retail und Handwerk stellen Mitarbeiter ein, die keine behördlich anerkannten Abschlüsse in dem Bereich nachweisen können. Das Interessante daran: diese offiziell ungelernten Fachkräfte sind nicht minder qualifiziert. Ganz im Gegenteil. Die Mitarbeiter sind oft erfahren, sei es durch eine private Ausübung der Tätigkeit oder frühere Anstellungen – und dabei spielt es keine Rolle, wie lange das her ist. Es gilt “gelernt ist gelernt”. Verschiedene Soft Skills und Ehrgeiz runden das Profil der Mitarbeiter ab und machen diese immer häufiger unverzichtbar, gerade für Start-ups. 

Ein Praxisbeispiel – warum ein Umdenken zwingend erforderlich ist 

Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Eine Frau mit Migrationshintergrund hat keinen guten Schulabschluss erlangt und auch keinen Ausbildungsplatz in der Kosmetikbranche gefunden. So war sie nach der Schulzeit über Monate arbeitssuchend. Die Kosmetik hat ihr immer viel Freude bereitet. Sie hat sich über YouTube-Tutorials ihr Können selbst angeeignet und an sich sowie ihren Freundinnen ausgetestet. Schließlich konnte sie einige Arbeitgeber von ihren Fähigkeiten überzeugen. Doch obwohl die Kundenzufriedenheit stets hoch war, blieb es bei befristeten Arbeitsverträgen und befristeten Anstellungen. Durch eine zusätzliche Pause wegen Mutterschutzes weist ihr Lebenslauf nun mehrere Lücken auf. Anstatt ihre Qualifikation anhand der vielen sehr guten Bewertungen vorheriger Arbeitgeber wie auch Kundinnen wertzuschätzen, wird sie aufgrund ihres lückenhaften Lebenslaufes zu den meisten Bewerbungsgesprächen erst gar nicht eingeladen. 

Start-ups erkennen den Mehrwert 

Schritt für Schritt begreifen Start-ups, dass sich die Fähigkeit von Mitarbeitern eben nicht immer im Lebenslauf widerspiegelt. Was sich in der Start-up-Szene vermehrt herauskristallisiert, ist die Offenheit gegenüber Bewerbern und deren Können, welches oft nicht sofort in deren Lebenslauf zu finden ist. Aspekte wie (Online-)Bewertungen ehemaliger Kunden oder Arbeitszeugnisse vorheriger Arbeitgeber geben mehr Auskunft über die Qualifikation einer Person als es der Lebenslauf je könnte – ob mit Lücken oder ohne.

Warum sich also nicht verstärkt mit den bisherigen Erfahrungen eines Bewerbers auseinandersetzen, anstatt Lücken misstrauisch zu durchleuchten? Dies steuert nicht nur einer ungerechtfertigten Abwertung des (selbst erlangten) Könnens entgegen, sondern auch dem Fachkräftemangel. Unternehmen beklagen landesweit, es gäbe zu wenig qualifiziertes Personal, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie der IHK Berlin aufzeigt. Daraus geht hervor, dass es vielen Branchen an Fachkräften mangelt. Und das unbegründet, denn Leute mit lückenhaftem Lebenslauf können diese Kluft durch ihre Qualifikation schließen. Sie können Unternehmen aus der Krise holen, wenn diese auch zu einem Umdenken bereit sind. Dann heißt es vielleicht schon bald: Fachkräftemangel ade! 

Fazit

Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel und schließt sowohl Unternehmen als auch Mitarbeiter ein. Firmen müssen Standards hinterfragen und anerkennen, dass ein vermeintlich perfekter Lebenslauf kein Garant für Können ist. Mitarbeiter müssen genauso wenig perfekt sein wie deren Lebensläufe. Vor allem Start-ups stehen dieser Denkweise aufgeschlossen gegenüber. Deshalb liebe Unternehmenswelt: Wendet euch vom Mythos des lückenlosen Lebenslaufs ab und werft einen Blick hinter die Kulissen!

Über den Autor 

Jonas Willuhn ist Gründer und CEO des Start-ups AMPLOI. Die HR-Tech-Plattform verbindet qualifizierte Freelancer mit Handelsunternehmen.

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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