Montag, Oktober 25, 2021

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Sabine Elsässer
Sabine Elsässer is founder and chief editor of the StartupValleyNews Magazine. She started her career at several international direct sale companys. Since 2007 she works main time as a journalist. While that time she learned more about the Startup Scene, what made her start her own Startup Magazine the StartupValleyNews.

Infermedica Gesundheitsplattform auf Basis künstlicher Intelligenz, die die medizinische Grundversorgung zugänglicher, zielgenauer und bequemer machen soll.

Stellen Sie sich und das Startup Infermedica doch kurz unseren Lesern vor!

Mein Name ist Piotr Orzechowski, ich bin Mitbegründer und CEO von Infermedica. Infermedica ist eine Gesundheitsplattform auf Basis künstlicher Intelligenz (KI), die die medizinische Grundversorgung zugänglicher, zielgenauer und bequemer machen soll. Zum Beispiel kann sie Patienten schneller der richtigen Behandlung zuführen. Sie hilft anhand einer Bewertung seiner Symptome zu entscheiden, ob – und wie dringend – ein Patient persönlich einen Arzt aufsuchen muss oder ob ihm etwa zu Hause per Telemedizin oder Selbstbehandlung geholfen werden kann.

Wir arbeiten mit großen Technologie-, Gesundheits- und Versicherungsunternehmen in Europa und den USA zusammen, darunter Microsoft, Médis, Allianz Partners und Global Excel. Derzeit sind wir ein Team von über 120 Mitarbeitern, darunter hauptsächlich Mediziner, Softwareentwickler und Datenwissenschaftler, die sich leidenschaftlich für die Verbesserung der Grundversorgung anhand von künstlicher Intelligenz einsetzen.

Warum haben Sie sich entschieden ein Unternehmen zu gründen?

Das Problem, das wir lösen wollten, war der so genannte „Dr. Google-Effekt“. Drei von vier Erwachsenen suchen im Internet nach ihren Symptomen. Wer sich unwohl fühlt, geht online, tippt Kopfschmerzen in die Suchmaschine ein und findet dann als mögliche Erklärung alles von Erkältung bis Hirntumor. Das schürt Sorgen um die eigene Gesundheit, die häufig nicht gerechtfertigt sind.

Die grundlegende Idee für unsere Anwendung stammte dann aus einem Computerspiel. Ich habe früher Computerspiele entwickelt und war ein großer Fan einer Online-Version des Spiels „20 Questions“. Ich fand es faszinierend, wie der KI-Algorithmus bei jeder Interaktion dazugelernt hat. Eines Abends spielte ich das Spiel mit einem Freund, der Arzt war. Dabei kam mir der Gedanke, dass der gleiche Prozess auf die Bewertung von Krankheitssymptomen angewandt werden könnte.

Traditionell werden hier statische Entscheidungsbäume verwendet, die anhand einfacher Fragen und Antworten entlang bestimmter Pfade zu einer Entscheidung kommen. Das Problem dabei ist, dass so ein Flussdiagramm komplexe Risiken und Zusammenhänge nicht immer berücksichtigen kann, sodass es irreführende oder sogar falsche Ergebnisse liefert.

Mit meinem Know-how aus der Softwareentwicklung haben wir deshalb eine selbstlernende KI-Engine gebaut. So wie das Spiel der 20 Fragen mit jeder Runde besser wurde, lernt auch unsere künstliche Intelligenz, immer genauere Behandlungsempfehlungen zu geben.

Welche Vision steckt hinter Infermedica?

Wir wollen mit künstlicher Intelligenz einen Mehrwert für Patienten, Mediziner und Gesundheitssysteme schaffen. Und zwar in Form eines schnelleren und bequemeren Zugangs zur richtigen Versorgung für alle, besserer Prävention, aber auch mehr Effizienz. Ein Beispiel: Gemeinsam mit Unternehmen wie der Allianz, einem der weltweit größten Versicherungsunternehmen, haben wir Studien mit dem Online-Symptomchecker durchgeführt und festgestellt, dass sich etwa 30 Prozent der dort gemeldeten Patientenfälle gut zuhause behandeln lassen. Oft reicht auch eine telemedizinische Beratung. So lassen sich unnötige Arztbesuche reduzieren – das ist auch im Sinne des Patienten, gerade in der Corona-Pandemie.

KI kann den gesamten Genesungsprozess von der ersten Diagnose an begleiten. Sie hilft dem Patienten dabei, die beste Entscheidung darüber zu treffen, ob er mit seinen Beschwerden einen Arzt zu Rate ziehen muss. Und sie hilft dem medizinischen Personal, eine genaue Diagnose zu stellen. Sie kann die Behandlung leichter Gesundheitsprobleme – etwa einer Erkältung – automatisieren. Und schließlich kann sie den Krankheitsverlauf und das Wohlbefinden des Patienten nachverfolgen und ihm mit proaktiven Ratschlägen auch zur Vorbeugung weiterer Probleme zur Seite stehen.

Von der Idee bis zum Start was waren bis jetzt die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?

Wir hatten unsere Plattform zunächst als B2C-Lösung konzipiert, dann aber festgestellt, dass ein B2B-Modell viel sinnvoller war. Diese Umstellung war ein wichtiger Schritt für uns. Die jüngste Herausforderung war aber sicherlich die Coronavirus-Pandemie. Wie viele andere Unternehmen mussten wir von jetzt auf nachher aufs Home-Office umstellen und dabei auch Arbeitsabläufe und Kommunikationsprozesse neu erfinden.

Was unsere Finanzierung betrifft, unsere ersten Investoren waren polnische Firmen. 2019 kamen internationale Geldgeber dazu, darunter Müller Medien und DreamIT Ventures. Im August 2020 haben wir dann eine Serie-A-Finanzierungsrunde von mehr als 10 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Unter den Investoren sind die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und der deutsche VC-Fonds Heal Capital. Die Gelder werden in die Forschung und Entwicklung sowie in unsere internationale Expansion einfließen.

Wer ist die Zielgruppe von Infermedica?

Unsere Plattform richtet sich an Patienten, Ärzte und Gesundheitsversorger. Sie soll die Patientenerfahrung verbessern. Ärzte können dank der Unterstützung durch unsere Lösung effizienter arbeiten. Und Gesundheitsdienstleister können ihre Leistungen genauer den Bedürfnissen ihrer Patienten anpassen.

Wie funktioniert Infermedica? Wo liegen die Vorteile? Was unterscheidet Sie von anderen Anbietern?

Unsere Technologie nutzt künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen kombiniert mit medizinischer Expertise. Sie bewertet die Symptome des Patienten unter anderem anhand von Wahrscheinlichkeitsberechnungen. Dahinter steckt eine riesige Datenbank, die Tausende von Symptomen, Krankheiten, Risikofaktoren und Labortests sowie deren Zusammenhänge umfasst. Diese Datenbank wird – basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Publikationen und Empfehlungen zum Beispiel der Weltgesundheitsorganisation – fortlaufend von einem internationalen Team von mehr als 20 Medizinern aktualisiert und verifiziert.

Im Unterschied zu herkömmlichen Entscheidungspfaden unterstützt unser Algorithmus ein dynamisches und personalisiertes Gespräch mit dem Patienten. Weil die Plattform selbstlernend ist, verbessern sich ihre Funktionsweise und die Genauigkeit der diagnostischen Empfehlung mit jeder abgeschlossenen Patienteninteraktion.

Infermedica, wo geht der Weg hin? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Auf lange Sicht werden KI-Lösungen die Patientenversorgung noch weiter optimieren, indem sie zum Beispiel gängige Medikamente verschreiben und den Druck auf Gesundheitsdienstleister und Ärzte so verringern. Unser Ziel ist eine umfassende Care-Coordination-Plattform zur Unterstützung von Patienten und Gesundheitsdienstleistern in allen Schritten der Primärversorgung – von den ersten Symptomen über den Genesungsprozess bis zur Prävention.

Derzeit sehen wir ein starkes Wachstum in Deutschland und den USA. Wir wollen unsere Präsenz in diesen Märkten ausbauen und gleichzeitig in Forschung und Entwicklung investieren, um zunächst die Symptombewertung und Triage von Patienten zu verbessern.

Zum Schluss: Welche 3 Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben? 

Zunächst einmal: Seien Sie hartnäckig. Auch die großartigste Idee kann Anlaufschwierigkeiten haben, wenn das Timing nicht stimmt und der Markt noch nicht bereit ist für die Innovation. Wir sind seit über acht Jahren am Ball, aber die Zeit ist jetzt erst reif für unsere Lösung. Selbst 2014 gab es noch absolut keine Bereitschaft von B2B-Partnern, unsere Technologie zu übernehmen. Inzwischen sind Telemedizin und eHealth den meisten ein Begriff, und plötzlich wurde die Aufmerksamkeit potenzieller Kunden geweckt.

Zweitens: Bauen Sie Ihr Unternehmen auf der richtigen Basis auf. Das gilt insbesondere im Gesundheitswesen. Wir verstehen uns nicht als Softwareunternehmen und auch nicht als Startup, das nette KI-Gadgets baut. Nein: wir sehen unsere volle Verantwortung als Hersteller eines klassifizierten Medizinprodukts. Patienten und Gesundheitsdienstleister müssen sich auf die Qualität unserer Lösung verlassen können. Vertrauen und Ehrlichkeit bilden deshalb die Grundlage unserer Arbeit.

Meine dritte Erkenntnis: Kommunizieren Sie Ihre Werte ganz deutlich – leben Sie sie. Sobald wir Vertrauen und Ehrlichkeit für uns ganz klar in den Mittelpunkt gestellt hatten, dachte plötzlich das gesamte Team, das gesamte Unternehmen so. Wie werden wir transparenter? Wie liefern wir bessere Qualität?  Jeder Mitarbeiter hat dieses Denken automatisch verinnerlicht.

Wir bedanken uns bei Piotr Orzechowski für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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