Geld lieber in Start-ups und KMU investieren als an der Börse?

Die Börse läuft schlecht. Wegen des Coronavirus mussten die Anleger herbe Verluste einstecken. Die satten Gewinne aus den letzten fünf Rekordmonaten sind in weniger als einer Woche weggeschmolzen wie Schnee an der Frühlingssonne. 

Minuszinsen auf dem Bankkonto und unverschämt hohe Immobilienpreise trieben so manchen Anleger dazu, relativ spät in die Börse einzusteigen, als die Aktienkurse schon auf dem Peak waren und immer weitere Rekorde brachen. Damit ist seit Ende Februar 2020 Schluss. Seit sich das Coronavirus in Europa via Italien ausgebreitet hat, ist die Börsenentwicklung tiefrot geworden, und Investoren verlieren derzeit gerade sehr viel Geld. 

Klar ist: Die Erde wird sich weiterdrehen, die Märkte werden sich irgendwann wieder erholen müssen. Aber selbst wenn heute ein Impfstoff gegen das Coronavirus gefunden würde, sind wir nicht gewappnet vor weiteren «Nachbeben». Warum also nicht einmal etwas Neues versuchen und in Start-ups oder KMU investieren, welche in der Schweiz neue Arbeitsplätze schaffen und die lokale Wirtschaft stärken? 

Warum brauchen Start-ups Geld?

Es gibt zahlreiche Unternehmen, die organisch aus eigener Kraft wachsen und ohne Investoren und Kredite auskommen. Es gibt aber auch Unternehmen, die Geld benötigen, um neue Produkte zu entwickeln. Mit dem Geld werden Produktentwickler angestellt, Computer oder Maschinen eingekauft, um das neue Produkt zur Marktreife zu bringen und es wird für Marketingkampagnen ausgegeben, um das Umsatzwachstum im In- und Ausland zu beschleunigen und den Vertrieb auszubauen. Ohne eine Anschubfinanzierung für die oft mehrjährige Startphase kann das neue Produkt nicht auf dem Markt kommen und es bleibt bei der Idee.

Wie kommt man als Start-up zu Kapital?

Während ich selber von meiner Idee so überzeugt war, dass ich meine letzten CHF 5000.– all-in investierte und damit meine erste Firma eröffnete, gibt es andere, die in ihrem Netzwerk Geld sammeln, den sogenannten Friends, Families and Fools. Oder gleich zu Angel Investoren oder professionellen Investoren gehen, weil die nötige Summe höher ist.

Es gibt zahlreiche Events, an denen sich Start-ups präsentieren. Zu bevorzugen sind die Events, bei denen die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer Investoren sind, und nicht etwa Dienstleister für Start-ups oder Kadermitarbeiter von grösseren Firmen, die sich zu Innovationen und Trends informieren wollen. Gemäss Thomas Dübendorfer, dem Gründer und Präsidenten des Swiss ICT Investor Club (SICTIC), empfiehlt es sich für private Investoren sehr, Start-ups auf Geldsuche in einer Gruppe von Investoren mit Erfahrung als Angel Investoren zu besprechen und gemeinsam eine Due-Diligence-Prüfung des Start-ups zu machen, bevor man investiert. Dazu eignen sich Angel Investoren Clubs am besten.

Dübendorfers SICTIC zählt gut 300 Investoren; daneben gibt es Business Angels Switzerland (BAS) mit knapp 100 Investoren – beide sind in der ganzen Schweiz aktiv und verlangen keine Kommission von den Investoren. Wer lieber weniger aktiv in Start-ups investiert und die Prüfung und die aktive Begleitung der Start-ups anderen überlassen will, kann über einen Venture Fonds wie Wingman Ventures, Spicehaus, redalpine in Start-ups investieren. Des Weiteren gibt es online Plattformen wie investiere.ch, die Startup-Investments für andere investitionsreif vorbereiten und umsetzen. Bei ihnen investiert man in der Regel via einen Treuhänder in einzelne Start-ups. Dafür fällt eine Kommission an.

Investor oder eher ein Kredit

Produktfirmen, die schnell international wachsen können und in einem grossen Markt ein Produkt anbieten, sind attraktiv für Investoren. Ein Kredit ist zu bevorzugen, wenn die Firma nur vorübergehend Geld braucht, bereits grössere Umsätze erzielt und der Kredit in absehbarer Zeit wieder aus den erwirtschafteten Gewinnen zurückbezahlt werden kann. Investoren geben in der Regel Risikokapital als Eigenkapital gegen neu emittierte Aktien der Firma.

Herausforderungen für Start-ups bei der Kapitalbeschaffung 

Braucht ein Start-up Kapital, ist die grosse Frage immer, was das Unternehmen momentan und in Zukunft wert ist. Da scheiden sich die Geister oftmals. Hier müssen sich Investoren und Unternehmer über die Bewertung einigen. Dazu braucht es viel Erfahrung, da zu Beginn noch keine historischen Finanzkennzahlen vorliegen. Letzten Endes aus diesem Grund habe ich persönlich bisher zu allen Projekten freundlich nein gesagt. Mit einem Wandeldarlehen kann man die Frage der Bewertung auf später verschieben, indem man den frühen Investoren einen Discount (oft 10% – 30%) auf den Aktienpreis in der nächsten Finanzierungsrunde mit professionellen Investoren gibt, und bis zu dieser liegen dann oft die für die Bewertung nötigen Finanzzahlen vor.

Trivial, aber sonnenklar ist auch: Kein Investor wird in ein Unternehmen investieren, das keinen Plan hat. Ein Start-up muss wissen, wohin die Reise gehen soll, was das Geschäftsmodell ist. Und darauf aufbauend, wie das Team aufgebaut und Kunden gewonnen werden sollen. 

Ebenso wichtig wie die Idee ist die Qualität vom Team: Stark, reflektiert und lernfähig muss es sein. Ich persönlich finde es für ein kleines Unternehmen von zentraler Bedeutung, Kritik und Ideen schnell aufzunehmen und zum Nutzen der Firma weiterzuentwickeln. Und ich muss das Commitment der Gründer für mindestens die nächsten fünf Jahre deutlich spüren, um ein Investment ins Auge zu fassen. 

Unternehmerfreundliches Klima

Es muss uns bewusst sein, dass in der Schweiz das Start-up-Ökosystem äusserst freundlich ist und aktuell stark wächst. Zum einen ist die Schweiz ein Land, das Unternehmertum fördert. Zum Beispiel erhalten Start-ups in der Schweiz viele Dienstleistungen kostenlos, z. B. von Innosuisse, IFJ, Genilem oder genisuisse. Es gibt auch immer mehr neue Coworking Spaces wie Impact Hub, Spaces, WestHive oder Office LAB, wo Jungunternehmer und KMU massgeschneiderte Büroarbeitsplätze im Abo erhalten und sich optimal austauschen können. Sie zahlen nur, was sie auch brauchen. Zudem gibt es zahlreiche Möglichkeiten für Unternehmer, Preise und Auszeichnungen zu gewinnen. 

Welches sind die Schwierigkeiten?

Robert Bühler, der Gründer von Peer-Energy AG, behandelt den CO2-Fussabdruck von Personen und wird auch von der ZHAW gefördert. Gemäss Bühler gibt es heute sehr viel Geld, das in unseren Breitengraden für Start-ups zur Verfügung stehen würde, aber es fliesst nur spärlich. Zu den Hauptschwierigkeiten gehört die Tatsache, dass die Parteien, die das Geld besitzen, selbst zu wenig Kenntnisse davon haben, was ein Start-up, das ja oft vertikal tief in einer Nische drin operiert, wirklich macht. Wie gut sind die Ideen und das Team wirklich? Und wie steht es um den Markt? Daher ist die Zurückhaltung gross, bzw. es wird oft intuitiv oder gar aus Gefälligkeit investiert. 

Für den Start-up-Unternehmer sind die Finanzierungsrunden meistens die grössten Hindernisse auf seinem Weg nach oben. Inspiriert von erfolgreichen Beispielen rundherum startet er seine Reise, hört aber zu oft schon bei den ersten grösseren Hürden wieder auf, denn das Sicherheitsgefühl überwiegt oft die Risikobereitschaft. Es gibt wenige Start-ups, die wirklich scheitern, aber sehr viele, die zu früh aufgegeben, anstatt ihre Vision bis zum Erfolg zu verfolgen und dafür zu kämpfen. Da scheidet sich dann die Spreu vom Weizen, sprich der echte Unternehmer vom Verfolger einer guten Idee.

Was erwarten Start-ups vom Angel Investor?

Start-ups erwarten von einem Angel Investor, dass er sich nach seinem Investment mit der Firma identifiziert, es vernetzt mit potentiellen Kunden und neuen Mitarbeitern. Oft arbeiten Angel Investoren auch im Verwaltungsrat mit. Viele machen das in den ersten zwei Jahren kostenlos. Danach beraten sie zu einem reduzierten Stundenansatz. Zum Beispiel, dass wenn der Angel Investor ein Anwalt ist, er die Verträge günstiger erstellt.

Ich persönlich finde wichtig, dass ein Start-up- oder KMU-Berater selbst die Erfahrung gemacht hat, ein Unternehmen oder eine Abteilung in einer Firma aufzubauen, zu entwickeln und nach Möglichkeit den erfolgreichen Ausstieg mit Übergabe an einen geeigneten Nachfolger geschafft zu haben.

Passt das Start-up zum jeweiligen Investor?

Welcher Investor zu welchem Start-up passt, hängt vom Business Modell, Markt, Firmenstandort sowie von der Reife einer Firma ab. In der frühen Phase einer Firma empfehlen sich private Investoren, die ebenfalls als Angel Investoren bezeichnet werden und die neben Geld auch ihr Business-Netzwerk und ihre Erfahrung einbringen. In einer späteren Phase sind Venture Fonds geeignet, die einer Firma bei der Expansion in neue Märkte helfen und grössere Investments machen können. Die meisten Investoren fokussieren auf bestimmte Technologien, Industrien und Marktgebiete.

Wie finde ich heraus, bei welchem Start-up mein Geld am besten rentiert und am sichersten ist?

Bei Investments in Frühphasen-Start-ups achtet man am besten auf die Qualität der Gründer und das Potenzial des Business Cases. Je früher man investiert, umso grösser ist das Risiko und umso grösser ist die potenzielle Rendite. Wer lieber erst dann investiert, wenn das neue Produkt bereits am Markt ist und Umsatz macht, kann auch später einsteigen, zahlt dafür aber einen höheren Preis pro Aktie, weil das Produktrisiko zu diesem Zeitpunkt erheblich kleiner ist als zu Beginn. 

Tipps vom Experten: Darauf schaut Thomas Dübendorfer, Gründer vom Swiss ICT Investor Club (SICTIC), beim Investieren

Als Angel Investor sollte man in fünf oder mehr Start-ups investieren, um das Ausfallrisiko klein zu halten. Man lernt bei den ersten Start-up-Investments am meisten, was einem für spätere Investments viel helfen kann. Daher sollte man langsam beginnen und nicht in einem Jahr sein ganzes Risikokapital investieren. Beim Investieren sollte man nie sofort reinschiessen, sondern immer erst darüber schlafen und erst noch mit anderen Investoren sprechen, bevor man sich entscheidet. Geld, das man in wenigen Monaten wieder braucht, sollte man nicht in Start-ups investieren, da es oft fünf oder mehr Jahre dauert, bis die Start-up-Investoren bei einem Firmenverkauf ausbezahlt werden. Wer einen Totalverlust nicht verkraften kann, sollte nicht in Start-ups investieren.

Autor: Roman Probst

Während seines Kommunikations-Studiums baute Roman Probst mit 5000.- Franken Startkapital ein Übersetzungsbüro auf, das bald zu einem der grössten in der Schweiz wurde. 2016 hat er es verkauft. Heute ist er Start-up-Coach für IFJ, Venturelab, Innosuisse, ZHAW, Aargauer Kantonalbank und unterstützt mit seiner PR-Agentur MARKETING-PRobst GmbH andere Unternehmen mit Marketing, PR und Kommunikation – von der Konzeption bis zur Umsetzung. Roman Probst gewann zahlreiche Auszeichnungen und Preise wie «Jungunternehmer des Jahres» oder einen Award bei der Verleihung der Goldenen Feder in der Kategorie Kommunikationskonzepte.

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