Sich immer wieder an das Gefühl des Anfangs

imGrätzl: Was ist los in deinem Stadtteil?

Stellen Sie sich und das Startup imGrätzl doch kurz unseren Lesern vor!
imGrätzl.at (Grätzl = Kiez) ist eine Plattform zur Stadtteilbelebung, die 2016 in Wien gestartet ist. Mit imGrätzl.at arbeiten wir daran, die im Stadtteil ansässigen Wirtschaftstreibenden und StadtteilakteurInnen in ihrem Stadtteil zu verankern und sichtbar zu machen. Zusätzlich dazu werden sie dabei unterstützt ihre Kräfte zu bündeln, um z.B. darüber Kosten zu senken und Ressourcen zu steigern. Ziel ist es Stadtteile in virtuelle Coworking Spaces zu verwandeln für lebenswerte Städte und Regionen von morgen. Ich bin Mirjam Mieschendahl, eine der GründerInnen von imGrätzl.at

Wie ist die Idee zu imGrätzl entstanden und wie haben Sie sich als Gründerteam zusammengefunden?
Wir kennen uns z.T. schon seit fast 17 Jahren, ich und Michael Walchhütter sind seit dem Jahr 2000 im Startup Umfeld tätig und waren am Aufbau verschiedener Plattformen (uboot.com/groops.net/loveklybooks.de) federführend beteiligt. Die Idee zu imGrätzl ist bei unserem letzten Projekt lovelybooks.de entstanden. Dort haben wir hautnah miterlebt, wie Buchhandlungen reihenweise aufgeben mussten, weil sie dem hohen Wettbewerbsdruck nicht mehr standhalten konnten. Der Wandel (Digitalisierung, Globalisierung, verändertes Konsumentenverhalten) betrifft aber nicht nur die Geschäfte ums Eck. Die Frage steht im Raum: „wie wir in Zukunft leben und arbeiten möchten?“

Wir glauben daran, dass im Zusammenschluss auf lokaler Ebene Lösungen für diese Herausforderungen entwickelt werden können und dass wir als lokale Gemeinschaften eine irrsinnige Gestaltungskraft und Power haben, was uns im Moment aber noch gar nicht richtig bewusst ist. Mit imGrätzl möchten wir die technische Infrastruktur schaffen, damit mehr Menschen sich lokal verbinden und darüber den Wandel aktiv mitgestalten können. Dabei fokussieren wir uns auf Selbständige und Menschen, die ihre eigenen Projekte umsetzen, für diese möchten wir eine günstige Umgebung schaffen, damit sie sich leichter entfalten und ihr Potential voll ausschöpfen können.

Warum haben Sie sich entschlossen ein Unternehmen zu gründen?
Es ging uns immer darum die Idee umzusetzen und weniger darum ein Unternehmen zu gründen. Eine GmbH macht es aber in Österreich wesentlich einfacher sich für Fördergelder zu bewerben und man unterstreicht damit die Ernsthaftigkeit seines Tuns. Allerdings passt die GmbH nicht ganz zu uns, weil wir eben auch gemeinwohl orientierte Ziele verfolgen.

Von der Idee bis zum Start was waren bis jetzt die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?
Die größte Herausforderung für uns ist es die finanziellen Mittel für die Weiterentwicklung der Plattform aufzustellen. Das tut richtig weh, wenn technisch auf der Plattform nichts weitergeht und man von dem Bild, das man im Kopf hat, noch weit entfernt ist. Wir haben aber mittlerweile einen guten Weg gefunden auch damit umzugehen, wir simulieren die Funktionen offline, oder bilden Zwischenlösungen auf unserem Blog ab. So können wir das Potential unserer Ideen prüfen, bevor wir sie auf der Plattform als Funktionen integrieren.

Eine weitere Herausforderung ist, dass das Einzelkämpfertum noch sehr ausgeprägt ist und die Idee vom Kräfte bündeln und Ressourcen teilen diametral dem Wettbewerbsdenken der letzten Jahrzehnte gegenübersteht. Es ist eine ganze Menge Kommunikationsarbeit auf allen Ebenen notwendig und dadurch entstehen immer wieder auch Zweifel à la „wer sind wir denn, dass wir glauben hier einen Beitrag leisten zu können?“

Aber dann heißt es einfach Augen zu und durch, wir halten uns dabei an das Motto von Heini Staudinger „Scheiß di net an“. Die Entwicklung des Plattform-Prototyps wurde zu einem Teil von der Wirtschaftsagentur Wien über eine Förderung finanziert, den größeren Teil haben wir selber beigesteuert. Seit 2017 sind wir Partner in einem Forschungsprojekt im Smart City Kontext und können darüber die ersten Funktionen zum kooperativen Wirtschaften technisch auf der Plattform umsetzen.

Wer ist die Zielgruppe von imGrätzl?
imGrätzl richtet sich auf der einen Seite an Selbständige, kleinen Unternehmen und Menschen, die eigene Projekte verwirklichen und die lokal agieren. Auf der anderen Seite sprechen wir mit imGrätzl.at BewohnerInnen und Interessierte an, die erfahren möchten, was in einem Stadtteil bzw. Bezirk und Stadt los ist und angeboten wird.

Welche Idee steckt hinter imGrätzl?
Empowerment

Was findet man imGrätzl?
Lokale AnbieterInnen und StadtteilakteurInnen stellen sich auf eigenen interaktive Seiten in ihrem Stadtteil vor und veröffentlichen dort ihre Aktionen und Events. Ab Sommer 2017 gibt es den Raumteiler, das ist eine Art WG-Partnersuche für Gewerbeflächen. Ziel ist es lokale AkteurInnen dabei zu unterstützen ihre Kosten zu senken und Raumpartnerschaften zu ermöglichen, auch damit Leerstand gar nicht erst entsteht. Ebenfalls in diesem Jahr wird auch der Tauschmarktplatz ‚Tauschglück’ auf der Plattform integriert. Dort können Selbständige und kleine Unternehmen ihre Dienstleistungen und Produkte untereinander tauschen, um ihre wirtschaftlichen Ressourcen ohne Geldfluss zu erhöhen.

Wie ist das Feedback?
Im April 2016 sind wir in Wien gestartet und seitdem haben sich über 1000 Selbständige und kleine Unternehmen aus Wien auf der Plattform angemeldet. Pro Tag haben wir im Moment 2-3 Neuzugänge, das ist sehr gut in Anbetracht der spitzen Zielgruppe. Besonders freut uns aber, dass bereits viele Kooperationen durch imGrätzl entstanden sind, auch weil wir die Menschen immer wieder bei realen Treffen zusammenbringen.

imGrätzl, wo geht der Weg hin? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
imGrätzl ist in vielen Städten Europas ausgerollt und wird dort von den lokalen AkteurInnen selber betrieben. Die Software von imGrätzl ist jetzt schon unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlicht, aber hat dann in 5 Jahren ein Stadium erreicht, dass die Plattform in Städten und im ländlichen Raum gezielt zur Stärkung der lokalen AkteurInnen und der lokalen Wirtschaftskreisläufe eingesetzt wird. Idealerweise spiegelt sich das auch in den Besitzverhältnissen wieder Stichwort „Plattform Coop“.

Zum Schluss: Welche 3 Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?
1.) Sich immer wieder an das Gefühl des Anfangs erinnern und in diesem Modus handeln, dann hat man die richtige Energie, um positiv nach vorne zu gehen und bleibt offen dafür zu lernen. 2.) tun 3.) dranbleiben

Bild: Christoph Bauer, Michael Walchhütter, Mirjam Mieschendahl, Peter Tilg Copyright Manfred Mayer

Weitere Informationen finden Sie hier

Wir bedanken uns bei Mirjam Mieschendahl für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Sabine Elsässer

Sabine Elsässer is founder and chief editor of the StartupValleyNews Magazine. She started her career at several international direct sale companys. Since 2007 she works main time as a journalist. While that time she learned more about the Startup Scene, what made her start her own Startup Magazine the StartupValleyNews.

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