Der deutschen Gründerkultur mangelt es an gesellschaftlicher Akzeptanz  

Gründen in Deutschland ist nach wie vor ein umstrittenes Thema. Einerseits versucht die Politik durch Finanzierungsmöglichkeiten neue Gründer mit Krediten zu unterstützen. Andererseits wird potenziellen Gründern ein Übermaß an bürokratischen Hindernissen in den Weg gestellt.  

Die Stimmungsumfrage unter deutschen Gründern der FAZ macht dies deutlich.

Dort ist von Millionen Beträgen die Rede, welche Startups wie N26 oder Flixmobility erhalten haben. Aber seien wir mal ehrlich, das sind bereits am Markt etablierte Unternehmen, die schon lange auf dem Radar von Finanzierungsgebern sind. Als kleines, unbekanntes Startup muss man sich eine Finanzierung hart erkämpfen. Viele Förderprogramme wie z.B. Exist oder BW Pre-Seed haben teilweise sehr merkwürdige Hürden und Genehmigungsverfahren.  Das Exist erhält man beispielsweise nur dann, wenn noch keine Unternehmung vorhanden ist. Dann steht einem ein selektiver Prozess bevor, der nicht nur zeitintensiv ist, sondern auch komplexe Bürokratie und Durchhaltevermögen erfordert.  

Der Bürokratiewahnsinn fällt besonders bei der Zulassung von ausländischen Arbeitnehmern in Deutschland an. Gerade im IT Bereich ist der Markt in Deutschland weitestgehend abgegrast, was die Suche von qualifiziertem und motiviertem Fachpersonal betrifft. Softwareexperten aus dem Ausland zu beschäftigen stellt jedoch eine enorme bürokratische Hürde dar, da eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten langwierig und kompliziert ist. So hat auch die Stimmungsumfrage der FAZ gezeigt, dass Startups eher schwer an Personal kommen. Qualifizierte Arbeitnehmer sind hart umkämpft und befinden sich in der vorteilhaften Position unter einer Vielzahl von potenziellen Arbeitgebern wählen zu können. Startups müssen guten Talenten einiges bieten, um wettbewerbsfähig zu sein. Doch dafür braucht es Kapital und lukrative Beteiligungsprogramme für Mitarbeiter.  

Aus eigener Erfahrung ist es nahezu ausgeschlossen eine Mitarbeiterbeteiligung aufzusetzen. Es gibt hier noch zu viele offene Lücken, was den Arbeitgeber am Ende viel Zeit und viel Geld kostet. Gerade für Startups bieten virtuelle Anteile eine attraktive Möglichkeit, allerdings ist es fast unmöglich dieses steuerrechtlich sauber aufzusetzen, ohne den Arbeitnehmer in ein Risiko zu bringen. Zu Recht erhoffen sich Startups hier eine Verbesserung, was auch die FAZ Stimmungsumfrage bestätigt.  

Generell besteht in Deutschland eine mangelnde Akzeptanz für die Gründerkultur.

Die deutsche Bürokratie erschwert die Unternehmensneugründungen zusätzlich. Etliche Behördengänge sind notwendig, was dazu führt, dass die Dauer für eine Gründung in Deutschland im Schnitt bei 10,5 Tagen liegt, in Großbritannien im Vergleich nur bei 4,5 Tagen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die deutschen Gründer eine minimalisierte Bürokratie während der Gründungsphase wünschen. 

Für junge Gründer gibt es nur mangelnde Formate, um den Traum der Selbstständigkeit und des eigenen Unternehmens zu verwirklichen. Als unbekanntes, kleines Startup, das nicht gerade in einer deutschen Metropole gegründet wird, hat man kaum eine Chance von Finanzierungsgebern wahrgenommen zu werden. Hat man es dann geschafft und es funktioniert einigermaßen, stehen einem auf einmal alle Türen offen und Investoren klopfen mit Millionenbeträgen an. 

Von der gesellschaftlichen Ablehnung mal abgesehen, denn Innovationen gegenüber werden häufig allen voran Kritik oder Bedenken geäußert. Für ein Startup sind Innovation und neue Technologien jedoch ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgs. In unserer Gesellschaft fehlt die Wertschätzung für Gründer, die versuchen sich eine berufliche Selbstständigkeit aufzubauen. Da ist es nicht verwunderlich, dass sich potenzielle Gründer im Ausland nach besseren Bedingungen für einen geeigneten Standort umschauen. 

Wenn sich in Deutschland die Zahl der Unternehmensgründungen wieder steigern soll, muss die Bürokratie unkomplizierter und schneller vonstatten gehen. Außerdem sollte auch kleinen, noch unbekannten Gründern die Chance einer Investition gegeben werden. Langfristig sollte sich vor allem die grundlegende Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft verbessern, denn diese ist der Grundstein, um das Gründen in Deutschland wieder attraktiver zu machen. 

Autor: Fabian Silberer

Fabian Silberer ist Gründer und Geschäftsführer von sevDesk, einer cloudbasierten Buchhaltungssoftware für Selbstständige und Kleinunternehmer. Im Jahr 2013 gründete er zusammen mit seinem damaligen Studienfreund Marco Reinbold das Software-Startup, welches heute mehr als 80.000 Kunden vorweisen kann.

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