Egal, wie steinig und verschlungen der Weg ist – gebt nicht auf!

Liebe Start-ups, bitte verbrennt nicht das Geld eurer Investoren!

Herr Pauers, als Sie mich kontaktierten, kamen Sie mit dieser Headline auf mich zu – warum? Was steckt hier dahinter?
Ich möchte an Start-ups und andere Unternehmen appellieren, dass sie mit dem Geld ihrer Investoren nicht leichtsinnig umgehen sollten. Oft wird viel zu viel Geld verbrannt. Die Gründe dafür können vielfältig sein, aber einige lassen sich auf die gleichen Ursachen herunterbrechen. In meinem bisherigen Berufsleben, in dem ich schon für zahlreiche Unternehmen gearbeitet habe, sah ich sie immer wieder. Dabei ist es egal, ob es sich hierbei um ein junges Start-up oder um einen etablierten, multinationalen Konzern handelt.

Was sind das für Probleme?
Man will ein tolles, neues Produkt auf den Markt bringen, doch der Release verschiebt sich immer und immer wieder. Trotz intensiver Arbeit ist das Produkt am Ende nicht so, wie es anfangs gedacht war: Es besitzt Fehler, hat zu viele komplizierte Funktionen und/oder wurde komplett an der Zielgruppe vorbei entwickelt.
Auf dem langen, steinigen Weg wurde viel Geld verbrannt. Im schlimmsten Fall endet das in der Insolvenz oder Pleite – was bei Start-ups leider häufig vorkommt. Das muss nicht sein!

Was sind die Ursachen für diese Probleme?
Ein sehr großes und weit verbreitetes Problem ist, dass ein Produkt als viel zu umfangreich und komplex konzeptioniert wird. Gerade Start-ups, die mit ihrer Kreativität und ihren Elan den „Großen“ etwas beweisen möchten, wollen am besten alles umkrempeln, komplett neu und deutlich besser machen. Das endet gerne mal darin, dass ein Produkt unter der sogenannten „Featuritis“ leidet. Es gibt also viel zu viele Funktionen. Und diese werden dann aufgrund von Zeit- und Budgetmangel nur halbgar umgesetzt.

Was ist die Lösung dafür?
Es gibt einen alten Spruch, der immer noch Gültigkeit besitzt: Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Damit wird einerseits auf den Faktor Zeit angespielt. Andererseits will man damit auch etwas Anderes sagen: Man benötigt viele Schritte, um etwas Großartiges zu erschaffen. Und diese Schritte sollte man nicht alle auf einmal gehen wollen.
Übersetzt bedeutet das, dass Start-ups lieber mit einem kleinen, aber feinen Produkt starten sollten. In der Fachsprache nennt man das Minimum Viable Product (MVP). Dieses kleinstmögliche Produkt ist auf nur wenige Kernelemente beschränkt. Diese sollten aber bestmöglich funktionieren.
Man entwickelt also nicht auf einen Schlag das komplette Produkt, sondern einem abgespeckten Prototypen mit den wichtigsten Features bzw. Aspekten. Dafür benötigt man nur einen Bruchteil der Zeit – und damit auch weniger Geld.
Dieses MVP lässt man auf die Menschheit – besser gesagt: auf die angepeilte Zielgruppe – los.

Und dann?
Das MVP bewirbt man, indem man Anzeigen oder andere Vermarktungswege nutzt, und hierbei ganz genau eine Zielgruppe anpeilt. Das sollte eine kleine, spitze Gruppe sein, die das Produkt testet und ihr Feedback gibt. Darauf hin kann man noch weitere Zielgruppen aussuchen und ebenfalls durch Werbemaßnahmen mit einem überschaubaren Budget ansprechen.
Währenddessen wertet man das Feedback sowie alle gesammelten Daten und Erkenntnisse aus. So erfährt man, ob das Produkt tendenziell überhaupt ankommt, ob man auf dem richtigen Weg ist oder ob man mit seinen Annahmen komplett falsch lag.
Das heißt: Anstatt jahrelange im stillen Kämmerlein ein Produkt zu entwickeln, das am Ende gar keine Marktchancen hat, testet man so deutlich früher sein Konzept. Das führt dazu, dass man weniger Geld verbrennt.

Das klingt fantastisch. Aber kann jeder ein MVP entwickeln?
Jein. Man muss sich natürlich mit dem Thema auseinandergesetzt haben und die Basis dafür legen. Das heißt unter anderem, dass man dem Lean Startup-Gedanken folgt. Man muss dafür bereit sein und die Strukturen haben, um agil zu entwickeln. Das Ergebnis sollte sein, dass man ganz kurze Release-Zyklen hat, um das MVP zu veröffentlichen und es ständig anpassen zu können.
Man folgt also nicht stur einem 5-Jahres-Masterplan, sondern passt das Konzept ständig an, um die Zielgruppe optimal anzusprechen. Hierfür gibt es verschiedene Methoden, wie zum Beispiel Scrum, Kanban oder unsere eigene Teamprove-Methode. Damit legt man die Basis für einen Entwicklungsprozess, der dafür sorgt, dass man nicht das Geld seiner Investoren verbrennt.
Darüber hinaus ist es wichtig, dass man für den Fall, dass das Feedback der Zielgruppe nicht darauf schließen lässt, dass das Produkt erfolgreich ist, seine Richtung ändert (Pivot) und nicht stur am Plan festhält. Das tut vielleicht im ersten Moment weh, führt aber eben nicht dazu, dass man weiter auf dem falschen Weg unterwegs ist.

Matthias Pauers
Matthias Pauers

Zum Schluss möchten wir Ihnen noch unsere übliche, abschließende Interview-Frage stellen: Welche 3 Tipps würden Sie Gründern auf den Weg geben?
Tipp 1 dürfte klar sein: Agiere agil und entwickelt ein MVP.
Tipp 2: Wenn das Feedback der Test-User ergibt, dass ihr falsch liegt, dann seid bereit für einen Pivot – also für einen radikal neuen Kurs.
Tipp 3: Egal, wie steinig und verschlungen der Weg ist – gebt nicht auf!

Matthias Pauers
… ist Coach für Software-Entwicklung und greift mit seiner Firma Teamprove gerne Start-ups und Business Angels unter die Arme. Denn als Fußball-Fan weiß er, worauf es ankommt: auf Kommunikation, Teamwork und agile Methoden, um schnell zum Ergebnis zu kommen.

redaktion

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