Die weibliche Seite des Unternehmertums

Bei zahlreichen Finanzierungsrunden zeigt sich das gleiche Bild: Viele Erfolg versprechende Start-ups, aber kaum (oder gar keine) Frauen innerhalb der Gründungsteams. Oft ist auch die Investorenriege rein männlich besetzt. Es scheint, als würden sich die Geldgeber scheuen, in Gründerinnen und ihre Unternehmen zu investieren.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Zunächst liegt der Frauenanteil unter den Start-up-Gründern bei 13,9 Prozent. Das ist erschreckend wenig. Es kann daher natürlich eingewendet werden, dass es ja kaum verwunderlich sei, wenige Frauen bei Finanzierungsrunden anzutreffen. Doch da verhält es sich wie mit der Frage nach der Henne und dem Ei. Der Umstand, dass Frauen es als Gründerinnen schwer haben, ist kein Geheimnis. Viele Frauen, die gerne gründen würden, entscheiden sich möglicherweise aus genau diesem Grund dagegen. Zudem berichten auch erfolgreiche Gründerinnen wie die Tech-Unternehmerin Vivienne Ming von Risikokapitalgebern, die ihr die Finanzierung versagten und dann mit den Worten, sie könne doch stolz auf das sein, was sie bereits erreicht habe, den Kopf tätschelten. Nach Mings Einschätzung bekommen Frauen nur 60 Prozent des Risikokapitalvolumens, das männlichen Gründern zur Verfügung gestellt wird.

Zu zögerlich oder einfach nicht so kopflos?

Tatsache ist: Frauen verhalten sich beim Gründen anders, risikobewusster als Männer. Der Global Entrepreneurship Monitor zeigt, dass Frauen mehr Angst vor einem möglichen Scheitern haben als männliche Gründer. Sie durchdenken ihre Gründungsidee länger (im Schnitt elf Monate, Männer nur acht), wägen mehr Eventualitäten ab. Männliche Gründer zeichnet dagegen ein starker Selbstdarstellungsdrang aus. Dies könnte sich bereits in der Präsentation ihrer Geschäftsidee widerspiegeln und sich auf die Investorenentscheidung nach dem Pitch auswirken. Laut der Studie des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation zur Rolle von Gründerinnen in der Digitalwirtschaft erscheinen Frauen dagegen zögerlich und vermarkten sich weniger offensiv.

So bleibt das Unternehmertum männlich konnotiert, und zwar nicht nur in den Köpfen der Investoren, sondern auch in denen der Gründer. Das ist bedauerlich, denn die Erfahrungswerte sprechen eine andere Sprache: Unternehmen, die von Frauen gegründet wurden, haben genauso große Chancen auf Erfolg wie Start-ups von männlichen Gründern. Ihre Unternehmen sind sogar stabiler und weisen eine größere Resilienz unter sich ändernden wirtschaftlichen Bedingungen auf. Was wiederum in der Herangehensweise begründet liegt: Die „weibliche Art“ zu gründen mag zunächst zögerlich erscheinen, bringt aber solide Unternehmen hervor, die nicht beim ersten Windstoß umfallen.

Weibliche Investoren haben dafür wahrscheinlich ein besseres Verständnis als männliche Investoren – wobei anzumerken ist, dass in der Investorenszene verhältnismäßig wenig Frauen vertreten sind. Genau wie Gründerinnen und Mentorinnen sind sie in der Start-up-Welt stark unterrepräsentiert. Anhand einer Recherche eines israelisch-amerikanischen Forscherteams (Marom, Robb, Sade 2015) zum Thema Investorenverhalten auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter lassen sich jedoch zwei Phänomene erkennen: Zum einen investieren Männer tatsächlich eher in männliche und Frauen eher in weibliche Gründer.

Es wäre also wünschenswert, wenn Investorinnen stärker in den Vordergrund rückten – mit ihnen würden auch mehr von Frauen gegründete Unternehmen sichtbar. Zum anderen muss man feststellen, dass auch beim Crowdfunding Männer signifikant mehr Unterstützung erhalten als Frauen. Es ist also auch bei dieser Form der Finanzierung eine generelle Zurückhaltung gegenüber Gründerinnen zu erkennen. Hier stellt sich die Frage, ob das gesellschaftliche Bild von Frauen als Gründerinnen überhaupt in den Köpfen verankert ist.

Frauen gründen und führen anders

Doch womöglich sind es gerade die Frauen, die Unternehmen in die Zukunft führen sollten. So stellt etwa die Beratungsgesellschaft Korn Ferry Hay Group in ihrer Studie „Leadership 2030“ fest, dass es völlig andere Soft Skills sind als bisher, die nun von Führungskräften verlangt werden. Nicht mehr der sich selbst aufopfernde Held sei gefordert, sondern ein Chef (oder eine Chefin), der gleichzeitig Mediator und Coach sei. Wichtig sei auch, dass die Führungskraft gute menschliche Beziehungen mit aktuellen und ehemaligen Teammitgliedern pflege, um zu verhindern, dass das Team zerfällt, sobald eines der Mitglieder das Unternehmen verlässt.

In einer weiteren, global angelegten Studie mit 55.000 Teilnehmern stellt dieselbe Beratungsgesellschaft fest, dass Frauen in genau diesen führungsrelevanten Kompetenzen besser abschneiden als ihre männlichen Kollegen: So zeigten Frauen mit 74 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit ein durchgehend empathisches Verhalten. Auch die Kompetenzen Coaching & Mentoring, Einfluss auf andere, motivierendes Führungsverhalten, Konfliktmanagement, Sensibilität für organisatorische Aspekte, Anpassungsfähigkeit und Teamwork seien bei den Frauen stärker ausgeprägt. Die Männer lagen lediglich bei einer Kompetenz vorne: der Selbstkontrolle.

Frauen bringen also tatsächlich alle Bedingungen mit, um erfolgreich zu gründen – sie verfolgen lediglich einen anderen Stil als ihre männlichen Kollegen. Und der sollte ihnen keinen Strich durch die Rechnung machen.

Antonia Andres

Dr. Antonia Andres ist seit 2016 bei der VDI/VDE Innovation und Technik GmbH als wissenschaftliche Beraterin tätig. Im Team vom „Gründerwettbewerb – Digitale Innovationen“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) macht sie sich vor allem für Gründerinnen und Frauen in der IKT-Branche stark, indem sie unter anderem Studien zur Rolle von Frauen in der digitalen Gründerszene umsetzt.

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