Donnerstag, Januar 21, 2021

Fehlerkultur im Unternehmen

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Das schlimmste, was einer IT-Firma passieren kann, sind Entwickler*innen, die sich nicht trauen, Fehler zu machen. Das zweitschlimmste sind Entwickler*innen, die Fehler sehen und ignorieren. Beides passiert meistens aus den falschen Gründen – zum einen aus Angst, sich eine Blöße zu geben, zum anderen aus, Frustration und Resignation. Doch es ist nie zu spät umzudenken und eine Fehlerkultur zu entwickeln.

Wie das geht?

Eigentlich braucht man dafür nur vier Schritte. Hat man einen Fehler gemacht, so sollte man diesen kommunizieren, verstehen, beheben und schließlich vorbeugen. Ein klares Vorgehen, auf das wir gleich genauer eingehen werden. Und es gilt für beliebige Arten von Fehlern, sowohl individuelle – Ein Bug im Code! Email an den falschen Kunden geschickt! – als auch die der ganzen Firma. Habt ihr schon einmal ein Produkt entwickelt, das niemand nutzen will?

Kommunizieren

Es ist verlockend, die eigenen Fehler heimlich zu fixen und hoffen, dass es niemand bemerkt. Doch auch wenn es weh tut – hat man einen Fehler gefunden, ist der erste Schritt, alle Stakeholder zu informieren. Und es ist – man kann es gar nicht oft genug sagen – der Job der Stakeholder, die Information dankend anzunehmen, statt in Schuldzuweisungen zu verfallen! Denn Fehler zuzugeben ist für die meisten auch so schon schwer. Viele wittern die Gefahr, danach als schlechtere Entwickler*innen oder Manager*innen dazustehen. Nicht selten leiden gerade IT-ler am Impostorsyndrom und warten geradezu darauf, “entlarvt” zu werden. Das ist nicht etwas, das man als Vorgesetzte im Alleingang lösen kann. Wohl aber kann man den Mitarbeitern signalisieren, dass man sie trotz eines gemachten Fehlers für kompetent hält und ihren proaktiven Umgang damit schätzt.

Das gilt übrigens auch, wenn man Fehler in der Arbeit anderer findet. Natürlich muss man auch diese ansprechen und beheben – jedoch weil man ein gutes Produkt entwickeln und ein starkes Team sein will, und nicht etwa, um sich zu profilieren. In flachen Startup-Hierarchien ist das zum Glück seltener ein Problem, hier kämpft man meist nicht um eine Beförderung. Wenn ich mir aber die Mühe mache, eine Kolleg*in konstruktiv und wertungsfrei auf einen Fehler hinzuweisen, finde ich es unschön, ignoriert oder abgewiesen zu werden.

Verstehen

Wie kam es zu dem Fehler? Hätte man ihn vermeiden können? Manche Vergehen sind einmalig und schnell behoben. Andere sind Symptome dafür, dass etwas Größeres im Argen ist. Der holländische Professor Peter Kuppens hat in einem Vortrag seine eigenen Fehler in drei Klassen kategorisiert:

Dumme Fehler aus Dummheit

Das Wort Flüchtigkeitsfehler enthält das Problem eigentlich schon im Kern – wir haben es oft so eilig, dass wir dumme und vermeidbare Fehler machen, die uns dann erst recht Zeit kosten. Das lässt sich kaum ausschließen, wenn man von einer Deadline zur nächsten rennt! Dann hat man keine Zeit,l innezuhalten und zu reflektieren, was gut und was schlecht gelaufen ist. Klar, es gibt Stoßzeiten, wo eine Aufgabe einfach unter Zeitdruck erledigt werden muss. Aber das sollten Ausnahmefälle sein. Und es tut gut, sich hinterher hinzusetzen und zu fragen, warum man eigentlich so schlecht geplant hat, dass man am Ende Überstunden machen musste.

Nachvollziehbare dumme Fehler

Es gibt Fehler, die im Nachhinein dumm erscheinen, aber gemacht wurden, weil man etwas neues gelernt oder zum ersten mal gemacht hat. Diese sind eigentlich unvermeidbar. Man kann gleich davon ausgehen, dass ein Projekt, das in einer neuen Sprache geschrieben wird, entsprechend länger dauern wird und technische Schulden mitbringt. Fehler machen gehört zum Lernen dazu – und eine Gnadenfrist, in der man sie machen kann, ebenso. Übrigens auch für neue Mitarbeiter – stellt man nicht gerade einen hochqualifizierten Senior ein, ist der erste Monat eigentlich immer zum Ausprobieren und Lernen da.

Denkfehler

Manche Fehler sind von falschen Annahmen geleitet. Etwa weil man glaubt, dass sich die eigenen Kunden auf eine bestimmte Art und Weise verhalten werden. Diese zu verstehen und zu verbessern ist am schwersten – man muss sich hinsetzen und genau durchgehen, was man wie und warum entschieden hat, und dann die gesamten Annahmen hinterfragen. Meistens braucht man dafür den Input des Teams. Doch wenn man schon mit einem Projekt gescheitert ist, sollte man wenigstens die Gewissheit daraus mitnehmen, dass diese Art des Scheiterns nie wieder passieren kann.

Beheben

Ja, es gibt Fehler, die man nicht fixen kann. In der Tech-Branche ist das aber fast nie der Fall. Oft werden Fehler und gar Sicherheitslücken trotzdem nicht gefixt, und zwar, weil die nötige Zeit dafür fehlt. Die meisten IT-Unternehmen bauen über die Zeit enorme technische Schulden auf, die die Entwicklung irgendwann zum Stillstand bringt. Und jede*r Entwickler*in wird frustriert davon, an einem fehlerhaften System zu arbeiten, ohne es reparieren zu dürfen. Es ist eine Investition in die eigene Zukunft, sich Zeit zu nehmen, um Probleme zu beheben (und übrigens auch, um Code zu dokumentieren). Was heute einen Tag kostet, wird irgendwann eine Woche Arbeit ersparen.

Und klar, es ist durchaus möglich, Fehler hinzunehmen und bewusst nicht zu fixen – better done than perfect heißt es auch bei Bayes Esports oft genug. Das nennt sich MVP und wenn man wie wir als erste am Markt sein will, muss man manchmal akzeptieren, dass nicht alles perfekt funktioniert. Wichtig ist aber, dies intern richtig zu kommunizieren. Wenn Fehler gemeldet werden, selbst wenn man es selbst vielleicht für Korinthenkackerei hält, ist es in erster Linie gut gemeint. Nur jemand, der sich wirklich für ein Projekt interessiert, nimmt sich die Zeit, überhaupt auf mögliche Probleme aufmerksam zu machen. Man hat es mit Mitarbeiter*innen zu tun, die man unbedingt im Team halten will! Und das geht, indem man den Beitrag ernst nimmt und erklärt, warum man darauf gerade nicht eingeht. Nur so lässt sich langfristig angestauter Frust vermeiden.

Vorbeugen

Vorsorge ist besser als Nachsorge – und wenn etwas schon mal schief gelaufen ist, gibt es keine Ausreden, wenn man zulässt, dass es nochmal genauso schiefläuft. Das bedeutet, Sicherheitsmaßnahmen einzuführen. Diese können je nach Problem verschiedener Art sein – Hauptsache es gibt sie. Niemand sollte jemals wegen eines einzelnen Fehlers gefeuert werden (und jeder im Unternehmen sollte das wissen!). Jemand, der den gleichen Fehler immer und immer wieder macht und nichts dagegen unternimmt, hat hingegen in einer Firma mit einer guten Fehlerkultur jedoch nichts zu suchen.

Als Vorgesetzte*r kann man hier allerdings leicht in eine Falle tappen. Es ist nur allzu verlockend, Mitarbeiter*innen nach einem Fehler genauer zu beobachten. Doch das sendet ein klares Signal: Wir vertrauen dir nicht mehr. Und das kann durchaus nach hinten losgehen. Studien haben gezeigt, dass damit eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt werden kann. Ich selbst habe leider miterleben müssen, wie ein Mitarbeiter immer weniger geleistet hat, während ich immer mehr Druck gemacht habe und immer mehr Fehler in seiner Arbeit gefunden habe. Mittlerweile weiß ich, warum.

Nach dieser Erfahrung habe ich meine Taktik geändert. Arbeitsbesprechungen und Codeprüfung im Rahmen von Pull Requests gehören selbstverständlich zum Alltag – aber meine Mitarbeiter*innen haben einen Vertrauensvorschuss und sind selbst dafür zuständig, ihre Fehler zu beheben und vorzubeugen. Kommt mir etwas falsch vor, so frage ich erst nach, warum es so gelöst worden ist. Manchmal stellt es sich als tatsächlich falsch heraus – und manchmal lasse ich mich von der Lösung überzeugen. Beide Seiten lernen dazu.

Wie kommt man zu einer guten Fehlerkultur?

Auf Papier klingt das alles gut. Wie kommt man jedoch zu einer guten Fehlerkultur, insbesondere, wenn sich schon falsche Muster eingeschlichen haben? Ein guter erster Schritt ist, seine Absichten klar zu kommunizieren und zu leben. Wenn man als Vorgesetze*r zwar immer von einer Offenheit erzählt, gleichzeitig aber die eigenen Fehler zu kaschieren versucht oder auf wohl formulierte Kritik gereizt reagiert, wie kann man dann von seinem Team ein anderes Verhalten erwarten? Es hilft auch sehr, Mitarbeiter*innen in das Team zu holen, die einen guten Umgang mit Fehlern pflegen. Wenn mir jemand konstruktiv und ohne Ego begegnet, bin ich ebenso viel mehr bereit, das zu tun.

Am Ende geht es hier um einen Blickpunktwechsel. Statt Fehler als etwas Negatives zu sehen, das man um jeden Preis vermeiden oder verstecken will, wollen wir diese als eine Chance sehen, zu wachsen und stärker zu werden. Das heißt auch ein Stück weit, sein Ego loszulassen – so manche von uns werden sich erst den eigenen Unsicherheiten stellen müssen, bevor wir Fehler zugeben können. Doch es lohnt sich – denn am Ende warten eine entspannte Arbeitskultur, respektvoller Umgang miteinander und deutlich weniger Fehler.

Autor: Dr. Darina Goldin

Dr. Darina Goldin ist Director of Data Science bei Bayes Esports, die erste Adresse, wenn es weltweit um Daten im Esports geht – für Turnier-Organisatoren, Medien- und Wettindustrie. Darina hat es sich zur Aufgabe gemacht, jedes Unternehmen, in dem sie arbeitet, zu einem Ort zu machen, an dem Feedback willkommen ist und Fehler nie ignoriert werden. Wenn sie nicht gerade mit Zahlen arbeitet oder über Fehlerkultur nachdenkt, ist sie im Fitnessstudio zu finden, wo sie Brazillian Jiu-Jitsu trainiert.

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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