Gut Ding will Weile haben

einzigNaht bietet maßgeschneiderte Kleidung für Kinder mit Behinderung

Stellen Sie sich und das Startup einzigNaht doch kurz unseren Lesern vor!

einzigNaht bietet maßgeschneiderte Kleidung für Kinder mit Behinderung mit Wo(h)llfühl-Faktor in modernen Designs – handgemacht in Hamburg. 

Kinder mit chronischen Erkrankungen haben ganz spezifische Bedürfnisse an ihre Kleidung. Lösungen am Markt sucht man dazu vergebens. Wir lösen dieses Problem: Wir entwickeln Kleidung, die diese Bedürfnisse der Kinder mit Erkrankungen berücksichtigt und auf sie maßschneidert ist. Beispiele sind spezielle Öffnungssysteme, wenn ein Kind eine Magensonde, Port, Nierenkatheter, Bauchfelldialyse, und und und … hat. Auch ganz besondere Wünsche erfüllen wir gerne. Beispielsweise haben wir gerade Kleidung für Kinder mit Glasknochen entwickelt: Diese Kleidung lässt sich wie eine Decke komplett öffnen und nach und nach wieder schließen. 

Wie ist die Idee zu einzigNaht entstanden?

Unsere Tochter Laura hat das seltene Williams-Beuren-Syndrom (WBS) und ist deshalb stark entwicklungsverzögert, hochsensibel und superdünn. „Wir fliegen zum Mond, aber ich muss mein Kind wie ein Alien anziehen, weil wir einfach nichts Passendes für Laura finden“, dachten wir oft. Und so wurde Sandra aus der Not heraus selbst tätig. Sie brachte sich das professionelle Nähen bei und experimentierte viel mit unterschiedlichen Stoffen. Ihr Hintergrund aus der Textilwirtschaft war hier förderlich. Bald erhielt Laura die Garderobe, die sie brauchte. In die Eigenschaften von Wolle Seide verliebte Sandra sich schnell, denn Flüssigkeiten perlen einfach vom Stoff ab, und der Stoff ist optimal für empfindliche Haut. 

Immer mehr wurden wir von Freunden und Bekannten auf die Kleidung angesprochen. Ausschlaggebend war hier Charlott, deren Tochter gerade eine PEG (Perkutante endoskopische Gastrostomie) bekam, die eine künstliche Ernährung mittels Schlauch direkt über den Magen ermöglicht. Sandra machte sich ans Werk und gestaltete ihre Kleidung um. Mehr und mehr kamen Anfragen über Social Media. Christian konnte es nicht glauben und recherchierte. Es gibt schätzungsweise 250.000 Kinder mit ähnlichen Bedürfnissen und Alternativen im Markt sind rar.  

So entstand schließlich die Idee für einzigNaht und die Gründung im August 2018. Nun möchten wir anderen betroffenen Eltern ein kleines Stück Normalität im Alltag zurückzugeben – eine Herzensangelegenheit für uns!

Welche Vision steckt hinter einzigNaht?

Die Vision von einzigNaht ist es, Kindern mit Behinderung/chronischen Erkrankungen und ihren Eltern/Betreuern ein Stück Normalität zu ermöglichen. Unser Beitrag ist dabei, individuelle Kleidung zu entwickeln, die die Pflege und Versorgung optimal ermöglicht, aber gleichzeitig Hilfsmittel wie eine Magensonde verschwinden lässt. Funktionale und trendige Kleidung mit Wohlfühlfaktor, welche auch noch gleichzeitig die Intimität der Kinder schützt, ist unser Ziel. Keiner starrt, weil nichts sichtbar ist.

In einem Atelier für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung möchten wir diese Kleidung gemeinsam gestalten: von der ersten Idee bis zum letzten Nadelstich. 

Menschen mit Behinderung sollen in alle Arbeitsabläufe von einzigNaht einbezogen werden. Eine Abgrenzung von Menschen mit Behinderung aus dem ‚normalen’ Arbeitsalltag soll bewusst nicht erfolgen. „Mut machen, Neues auszuprobieren und über sich hinaus wachsen“ liegt uns besonders am Herzen. Wir möchten „Inklusion nahtlos gestalten!“

Von der Idee bis zum Start was waren bis jetzt die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?

Zum einen die Finanzierung von Equipment für die Produktion der Kleidung (wie Nähmaschinen und Stoffe) und der gesamte rechtliche und steuerliche Rahmen einer Gründung; zum Anderen die Entwicklung der immer wieder individuellen Schnitte der Kleidung.

Die erste professionelle Nähmaschine und den Wolle Seide Jersey haben wir aus eigenen Mitteln finanziert und unser Unternehmen mit privaten Ersparnissen gestartet. Dann kam die Auszeichnung des Gründergeist Awards 2019 durch die Wirtschaftsjunioren in Hamburg.  Neben finanziellen Mitteln waren für uns insbesondere die kostenlosen Beratungsleistungen Gold wert. Denn zwei zentrale Herausforderungen hatten wir: einerseits unseren Businessplan mit den Finanzkennzahlen so aufzustellen, dass wir langfristig eine Perspektive haben und mit Banken sprechen konnten. Andererseits die Rechtsform und die steuerlichen Aspekte zu beachten. 

Des Weiteren haben wir von Beginn unseres Start Ups an markenschutzrechtliche Aspekte gedacht und Geld für professionelle Beratung in die Hand genommen. Denn in diesem Bereichen konnten wir lediglich auf Halbwissen zurückgreifen, wollten uns aber von Anfang an professionell aufstellen. 

Unsere aktuelle Herausforderung liegt im Gesundheitsbereich: Wir möchten, dass jedes Kind mit Behinderung, das Bedarf nach passender Kleidung hat, diese auch erhält und das auf Rezept vom Arzt. Deshalb ist unser nächster Meilenstein, im Hilfsmittelverzeichnis der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) gelistet zu sein. 

Warum haben Sie sich für eine Crowdfunding Finanzierung entschieden? Wo sehen Sie die Vorteile?

Crowdfunding bietet zwei zentrale Aspekte: Einerseits bietet es die Möglichkeit gemeinsam das Ziel zu erreichen, die erste maßgeschneiderte Kollektion für Kinder mit Behinderung auf den Markt zu bringen. Andererseits bekommen wir so die Möglichkeit, eine besser Sichtbarkeit zu erlangen, d.h. einzigNahts Bekanntheit zu erhöhen und ein Markenimage aufzubauen. Crowdfunding ist ähnlich wie eine Marketing-Kampagne, nur mit dem Unterschied, dass wir gemeinsam Ziele mit einer Crowd von Menschen umsetzen, die die gleichen Werte wie wir selbst teilen. Das treibt uns noch mehr an, und es ist einfach schön, wieviel Rückenwind man von rechts und links erhält: www.startnext.de/einzignaht 

Was werden Sie nach erfolgreicher Finanzierung umsetzen?

Unsere Crowdfunding-Kampagne verfolgt zwei Fundingziele: Zum einen werden wir bei erfolgreicher Finanzierung die erste Kollektion maßgeschneiderter Kleidung für Kinder mit Behinderung umsetzen. Besser gesagt sind es vier Kollektionen: Ob maritimes Hamburg, rasanter Traktor, fröhlicher Schmetterling oder putziger Igel. Für jedes Kind soll etwas dabei sein. Die Basiskollektionen richten sich speziell an Sondenkinder, die aufgrund einer Magensonde Öffnungssysteme in der Kleidung benötigen, damit sie nicht zum sondieren (Essen) ausgezogen werden müssen. Zudem  baumelt oftmals der Schlauch einfach aus der marktüblichen Kleidung heraus. Es ist ein Schutz für die Kinder, denn keiner sieht’s und keiner zieht. Für uns ist es der schönste Moment, wenn ein Kind sich in unserer Kleidung wohlfühlt, sich frei bewegen kann und nicht mehr krank aussieht oder angestarrt wird. 

Fans unserer Idee können zudem Dankeschöns wie Schnuffeltücher, Postkarten erwerben oder auch Näh-Patenschaften übernehmen: So können sie einem Kind mit Behinderung ein bisschen Normalität ermöglichen, indem sie Sondenbody, -hose oder -pullover für ein Kind erwerben. Genauso bieten wir weitere individuelle maßgeschneiderte Kleidung für die jeweiligen Bedürfnisse eines Kindes an. So hat Sandra zum Beispiel für ein Kind mit Glasknochen ein individuelles Jäckchen entworfen, dass wie eine Decke hingelegt wird und dann nach und nach geschlossen werden kann. So muss kein Arm durch den Ärmel gezogen werden, was wieder zu neuen Brüchen führt. Auch Aufträgen für Kinder mit einem offenen Rücken (Spina Bifida) haben wir uns angenommen. Des Weiteren können in der Crowdfunding-Kamapagne auch Unternehmen die Aktion mit einem Dankeschön unterstützen. 

Zusätzlich möchten wir mit dem zweiten Crowdfunding-Ziel unsere Vision umsetzen: ein Atelier für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung. Diese Idee ist für uns eine Herzensangelegenheit. Wir möchten Menschen mit Behinderung aktiv in den Herstellungsprozess einbinden. Nicht nur in die Produktion, sondern auch in die Ideengenerierung, Entwicklung und Gestaltung sowie andere Geschäftsprozesse von einzigNaht. Denn diese Menschen wissen am besten, welche Bedürfnisse sie haben und bringen neben hohem Commitment ebenso wertvolle Ideen und Erfahrungen mit ein.

Wer ist die Zielgruppe von einzigNaht?

Die Zielgruppe von einzigNaht sind Kinder mit Behinderung und ihre Eltern bzw. Betreuer. Sonden- und Dialysekinder, krebs- und herzkranke Kinder, Kinder mit motorischen und geistigen Behinderungen sowie Kinder mit Entwicklungsverzögerung und Frühgeborene. Kurzum Kinder mit jeglichen ‚Special Effects‘.

Zunächst möchten wir den deutschen Markt erschließen. Das sind circa 250.000 Kinder mit Behinderungen und Bedarf an individueller Garderobe. In einer ersten Wachstumsphase soll eine Expansion nach Skandinavien erfolgen. Anschließend möchten wir den gesamten deutschsprachigen Markt erschließen sowie die Benelux-Länder. 

Wir bewegen uns in einem klaren Nischenmarkt, sind aber aus eigener Erfahrung überzeugt, dass wir einen hohen Nutzen unserer Zielgruppe bieten und uns dadurch klar im Markt positionieren. Und genau das treibt uns jeden Tag aufs Neue an!

Wo und von wem wird die Kleidung produziert?

Lebensfreude, Nachhaltigkeit und Individualität sind die Markenwerte von einzigNaht. Unsere Kleidung soll Lebensfreude ausstrahlen, was sich in fröhlichen Design wiederspiegelt und durchdachten Funktionen. Kinder sollen sich in unserer Kleidung wohlfühlen und ihre Entwicklung gefördert werden.

In Bezug auf Nachhaltigkeit beziehen wir unsere Stoffe, Garne und Knöpfe von deutschen Lieferanten. Unsere Wolle Seide stammt von mulesing freien Schafen. Der natürliche Lanolingehalt wirkt antibakteriell und gleichzeitig pflegend. Insgesamt brauchst du 2/3 weniger Kleidung im Verhältnis zu Baumwolle für Dein Kind. Weitere Beispiele sind der Bezug von Öko-Strom, der klimaneutrale Druck von Flyern oder ein Bankkonto bei 

Unser ganzes Konzept baut auf einem Kreislauf der Nachhaltigkeit auf. So ist es bspw. selbstverständlich, dass wir Öko-Strom beziehen oder klimaneutral unsere Flyer drucken. Denn neben der Teilhabe von Menschen mit Handicap an unserer Gesellschaft möchten wir an zukünftige Generationen denken und Ressourcen schonen.  

Die Individualität unserer Kunden ist unser Schlüssel: Die Entwicklung, Gestaltung und Produktion unserer Kleidung entsteht in Handarbeit in Hamburg: Egal ob Kinder Nahrungssonden, Stoma, Ports oder andere Zu- und Abgänge des Körpers haben, an Krebs erkrankt sind oder ganz andere Bedürfnisse haben. Wir schneidern die Kleidung individuell für jedes einzelne Kind! 

Individualität bedeutet für uns auch Toleranz und Teilhabe eines Jeden in unserer Gesellschaft. Aktuell wird eine Mitarbeiterin bei uns ein Praktikum machen, um nach längerer Krankheit wieder im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Sie möchte sich bei uns einbringen, und wir freuen uns ihr eine Perspektive bei einzigNaht zu bieten. Zukünftig werden wir die Kleidung gemeinsam in unserem Näh-Atelier in Hamburg im Rahmen von Inklusion gestalten – mit Menschen, die sich wohl am besten in unsere Kunden hineinversetzen können – weil sie selbst ein Handicap haben oder eine neue Perspektive im Leben suchen.

einzigNaht, wo geht der Weg hin? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

In den nächsten fünf Jahren möchten wir im Hilfsmittelverzeichnis der Gesetzlichen Krankenkassen mit unseren Produkten gelistet sein: Denn jedes Kind mit Behinderung/chronischer Erkrankung soll passende und funktionale Kleidung auf Rezept erhalten, die auch gut aussieht und mit der Kinder nicht angestarrt werden. Weiterhin wollen wir mehr Kinder mit Behinderung in geographischer Hinsicht erreichen: Neben dem gesamten deutschsprachigen Markt wollen wir Skandinavien und die Benelux-Länder erschließen. 

Unser Produktportfolio soll ausgebaut werden. Als Betroffene selbst kenn wir viele Bedürfnisse, die noch am Markt rar sind. Hier können wir weitere Lösungen anbieten. Vor allem geht es uns aber darum, anderen Eltern oder Betroffenen Mut zu machen. 

Zentral für den Weg von einzigNaht ist das Atelier für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung: In fünf Jahren sollen drei bis fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung in Hamburg bei einzigNaht Arbeit haben. Denn unser Leitspruch lautet stets: „In Jedem steckt ein Einstein!“ 

Zum Schluss: Welche 3 Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?

Tipp 1: Gehe immer deiner Leidenschaft nach und denke nicht gleich an ein Business Konzept! Wenn du es schaffst aus deiner Leidenschaft Mehrwert zu generieren, wird automatisch ein Business Konzept daraus. Nur mit dem elementaren Unterschied, dass sich deine Selbständigkeit nach Fun anfühlt und nicht als Mittel zum Zweck. Denn dann bist du wirklich in deinem Element und kommst in den Flow. Und hast auch in schlechten Zeiten das notwendige Durchhaltevermögen – denn das brauchst du bei jeder Gründung! Hier trennt sich die Spreu von Weizen bei vielen Start ups: Du merkst genau, ob die Gründer aus Leidenschaft ein Unternehmen starten oder nur dann aktiv werden, wenn ein Business Angel auf ihre Idee anspringt! 

Tipp 2: Versuche nicht dein Start up perfekt aufbauen zu wollen. Es sind die kleinen Schritte, die dich weiterbringen. Und nicht die große Strategie, die aber nie umgesetzt wird. Versuche aber die kleinen Schritte konsistent und schnell zu gehen. 

Tipp 3: „Gut Ding will Weile haben“ sagen die Rheinländer: Setzte dich nicht unter Druck, wenn etwas nicht gleich funktioniert, sondern habe Vertrauen, dass aus deiner Leidenschaft etwas ganz Tolles wird! Glaube an dich und deine Idee und stecke Andere mit deiner Begeisterung an! 

Weitere Informationen finden Sie hier

Wir bedanken uns bei Sandra und Christian Brunner für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Sabine Elsässer

Sabine Elsässer is founder and chief editor of the StartupValleyNews Magazine. She started her career at several international direct sale companys. Since 2007 she works main time as a journalist. While that time she learned more about the Startup Scene, what made her start her own Startup Magazine the StartupValleyNews.

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