Sie sollten den Mut haben, auch mit ungewöhnlichen Ideen an den Start zu gehen

discovering hands bildet blinde Frauen zu Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTUs) aus

Stellen Sie sich und das Startup discovering hands doch kurz unseren Lesern vor!
Ich heiße Frank Hoffmann, bin 58 Jahre alt und lebe mit meiner Frau in Mülheim an der Ruhr. Als Frauenarzt arbeite ich seit langem in meiner Praxisgemeinschaft in Duisburg. Das gemeinnützige Unternehmen discovering hands ® habe ich gegründet, um die Brustkrebsfrüherkennung zu verbessern. Unser Konzept beruht darauf, dass blinde und sehbehinderte Menschen ihren Tastsinn optimal trainieren und diesen nun im Rahmen der Brustkrebsfrüherkennung in die medizinische Diagnostik einbringen. Aus einer Behinderung wird eine Begabung: Nach einer neunmonatigen Qualifizierung zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) finden sehbehinderte Frauen bis zu 50 Prozent kleinere Gewebeveränderungen als Ärzte und bis zu 30 Prozent mehr. Derzeit sind etwa 30 MTUs an knapp 32 Standorten in Facharztpraxen und Kliniken beschäftigt.

Unser innovatives Konzept schafft ein höheres Maß an Sicherheit für die Erkennung von Brustveränderungen und ermöglicht Frauen eine angenehme Untersuchungssituation mit einem Höchstmaß an Zuwendung und Zeiteinsatz. discovering hands® ist zudem kompetenter Ansprechpartner für alle Fragen rund um das System: Wir vermitteln interessierten Patientinnen Praxisadressen, unterstützen Ärztinnen und Ärzte, die eine MTU beschäftigen wollen und verstehen uns als engagierte Berater für bereits ausgebildete MTU sowie für blinde oder sehbehinderte Frauen, die eine Fortbildung zur MTU anstreben.

Unser Sozialunternehmen mit Sitz im Mülheimer Haus der Wirtschaft erregt viel Aufmerksamkeit: Nach diversen Auszeichnungen seit 2007 hat discovering hands 2016 auch den Next Economy Award des Deutschen Nachhaltigkeitspreises in der Kategorie „people“ erhalten, was uns sehr freut.

Wie ist die Idee entstanden, Blinde für die Brustkrebsfrüherkennung einzusetzen?
Jedes Jahr erkranken mehr als 70.000 Frauen in Deutschland an Brustkrebs. Das Abtasten der Brust zählt zu den Standard-Vorsorgeuntersuchungen. Mir war die kurze Zeit, die ich dafür als Arzt in der Sprechstunde aufwenden konnte, zu knapp. Ich wollte eine Alternative finden: Eine Assistenzkraft, die ausführliche und besser strukturiert die Tastuntersuchungen durchführt. Mir kam die Idee, dafür eine blinde Frau mit trainiertem Tastsinn zu engagieren. Warum? Viele blinde und sehbehinderte Menschen haben einen stark ausgeprägten Tastsinn. Ab 2006 habe ich eine erste Projektphase gestartet, um ein Curriculum zu entwerfen: Sehbehinderte Frauen sollten innerhalb von neun Monaten zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) ausgebildet werden. Dann habe ich das Sozialunternehmen „discovering hands® gegründet“. Die Geschäftsführer sind heute der Betriebswirt Arndt Helf und ich.

Von der Idee bis zum Start: Was waren bis jetzt die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?
Da meine Geschäftsidee völlig neu war, musste ich sämtliche Strukturen schaffen, um meine Idee praktisch umzusetzen: Das Curriculum für die Qualifizierung entwickeln, Möglichkeiten zur Finanzierung finden, das Projekt in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit bekannt machen, Partner finden – etwa die Universität Essen, mit der wir eine erste wissenschaftliche Evaluierung des Projektes durchführen konnten –, niedergelassene Kollegen und Krankenkassen von der Sinnhaftigkeit überzeugen.

Die größte Herausforderung besteht aktuell darin, weitere blinde und sehbehinderte Frauen zu finden, die diese Tätigkeit ausüben möchten. Die Nachfrage der Patientinnen ist viel höher als die Zahl der Untersuchungen, die wir anbieten können. In vielen Städten und Regionen Deutschlands haben wir noch keine Praxen und keine MTUs, die Frauen untersuchen können. Unter anderem deswegen sind wir so froh über den Next Economy Award, weil er eine weitere Öffentlichkeit schafft.

Zur Finanzierung: Nach der Qualifikation und bestandener Prüfung stellen wir die MTUs fest und unbefristet ein und „verleihen“ sie an wohnortnahe Frauenarztpraxen und Kliniken. Bisher übernehmen zwölf gesetzliche und alle privaten Krankenkassen die Untersuchungskosten in Höhe von 46,50 Euro. Wir erzielen unsere Erträge durch den Verkauf der taktilen Orientierungsstreifen, die jede MTU für jede Untersuchung zwingend benötigt, an die Gynäkologen oder Kliniken.

Zu Beginn des Projektes waren die Unterstützung durch den Landschaftsverband Rheinland (LVR) sowie später durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sehr hilfreich; heute ermöglichen Social Impact Investments die Arbeit der discovering hands®–Gesellschaften, die sich jedoch durch die steigenden eigenen Einnahmen ab 2019 nachhaltig finanziell unabhängig machen können.

Wie werden die blinden und sehbehinderten Frauen ausgebildet?
Die Qualifizierung zur MTU erfolgt in qualifizierten Berufsförderungswerken. Das Erlernen der von „discovering hands®“ definierten Brust-Tastuntersuchung steht im Mittelpunkt. Dazu kommen Wissen über die Brust und ihre Erkrankungen sowie Grundkenntnisse diagnostischer und therapeutischer Methoden. Außerdem medizinisches Basiswissen, Patientinnen zentriertes Sozialverhalten und „Medizinisches Schreiben“. Interesse an Medizin, hautnaher Kontakt zur Patientin und Kommunikationsfähigkeit gehören zur Tätigkeit der MTU. In einem dreitägigen Assessment findet jede Teilnehmerin heraus, ob sie alle Voraussetzungen mitbringt – zum Beispiel in Einzelgesprächen, Rollenspielen und praktischen Tastübungen an Modellen.

An die Theoriephase schließt sich eine dreimonatige Praktikumsphase an. Das Praktikum absolvieren die Kandidatinnen wohnortnah in gynäkologischen Praxen und Kliniken.

Wie reagieren Arztpraxen und Krankenkassen auf die Idee?
Wie gesagt, bislang übernehmen zwölf gesetzliche Krankenkassen und alle privaten Krankenversicherungen die Kosten für die MTU-Untersuchung von 46,50 Euro: Bereits 8,8 Millionen Frauen in Deutschland bekommen die Kosten erstattet. Die übrigen Patientinnen können die Untersuchung als IGeL-Leistung in Anspruch nehmen. Immer mehr niedergelassene Ärzte und Ärzte in Kliniken sind von vom Nutzen der MTUs überzeugt. Die MTU entlastet als ärztliche Assistentin den Gynäkologen, indem sie die Tastuntersuchungen übernimmt. Sie arbeitet selbstständig, aber unter der Verantwortung des Arztes: Sie teilt ihm nach ihrer Untersuchung auffällige Befunde mit, er stellt die Diagnose und leitet, falls erforderlich, die weitere Diagnostik ein.

Unsere Partnerärzte erweitern ihr Diagnosespektrum und stellen ihren Patientinnen die bestmögliche Früherkennung zur Verfügung. Sie schaffen ein sinnvolles Betätigungsfeld für die MTUs und leisten einen wichtigen Beitrag zur Inklusion benachteiligter Menschen. Hinzu kommt, dass der Einsatz der MTU auch wirtschaftliche Vorteile für die Praxis bietet. Wir bieten, individuell abgestimmt auf den Praxisalltag, verschiedene Kooperationslösungen an.

Der soziale Mehrwert, den wir produzieren, besteht aus mehreren Faktoren: Viele Frauen, die aufgrund ihrer Sehbehinderung früher arbeitslos oder in Rente waren, bringen wir wieder in den Arbeitsmarkt. Wir verbessern die Heilungschancen für Brustkrebs, denn wenn man einen Tumor so früh wie möglich findet, ist auch die Chance auf Heilung besonders groß Während wir Ärzte bei der klinischen Brustuntersuchung Knoten erst bei einer Größe zwischen einem und zwei Zentimetern finden, ertasten die MTUs Veränderungen bereits zwischen sechs und acht Millimetern. Und die Behandlung von Brustkrebs wird günstiger, wenn er im Frühstadium entdeckt wird. So sparen wir der öffentlichen Hand Gelder. Ferner ändert unser Modell den Blick auf Behinderung, weg vom Fokus auf das Defizit, hin zum Fokus auf die Stärken und Begabungen.

Wird discovering hands schon in Arztpraxen eingesetzt?
Inzwischen arbeiten 32 Praxen und Kliniken in Deutschland mit discovering hands zusammen – und es werden ständig mehr. Ideal ist der Einsatz entweder in einer gynäkologischen Praxis oder in einem Zentrum in Kooperation mit einer Klinik oder mit einem sonstigen geeigneten Betreiber. In Berlin wurde von einer Partnerkrankenkasse ein eigenes discovering hands ®-Zentrum gegründet. Wir sind außerdem dabei, mittels unseres Franchise-Systems unser Konzept nach und nach weltweit zu verbreiten: Projekte laufen derzeit in Europa, Mittelamerika und Indien.

Was ist das Besondere an der Untersuchung? Was unterscheidet die Untersuchung zu denen, die bis jetzt durchgeführt werden?
Die MTU-Untersuchung findet in angenehmer, ungestörter Atmosphäre statt. Die MTU tastet die Brust während einer 30- bis 60–minütigen Untersuchung systematisch ab. Die Untersuchung verläuft nach einem standardisierten und qualitätsgesicherten Konzept. Die Patientinnen fassen schnell Vertrauen zur MTU und können während der Untersuchung persönliche Fragen stellen. Auch für die Beratung zur Brustgesundheit ist Zeit vorhanden. Manche Frauen kommen jedes Jahr zu „ihrer“ MTU und nehmen dafür sogar weite Wege in Kauf.

Die MTU-Untersuchung ist in jedem Alter sinnvoll. Für Frauen ab 50 gibt es zwar auch das präventive Mammographie-Screening zur Brustkrebsvorsorge. Nehmen sie zusätzlich die ausführliche MTU-Untersuchung sowie ggfs. eine Ultraschall-Untersuchung der Brüste in Anspruch, dann erlangen sie die bestmögliche Früherkennung. Etwa 20 Prozent der Neuerkrankungen entfallen auf Frauen unter 50 Jahren. Für sie ist die kurze ärztliche Tastuntersuchung die einzige Maßnahme zur Früherkennung. Daher bietet ihnen die zusätzliche ausführliche Tastuntersuchung durch eine spezialisierte MTU wesentlich höhere Sicherheit. Brustkrebs ist eine der häufigsten Todesursachen bei Frauen. Je früher er erkannt wird, desto schonender ist die Therapie und desto größer sind die Heilungschancen. Übrigens: Da auch Männer an Brustkrebs erkranken, insbesondere bei familiärer Vorbelastung, können auch sie die MTU-Untersuchung in Anspruch nehmen.

discovering hands, wo geht der Weg hin? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Wir haben viel vor, demnächst auch immer mehr international: Aus 14 Staaten liegen uns bereits Anfragen vor! discovering hands® ist zur Zeit deutschlandweit sowie in Österreich, Indien, Kolumbien und Mexico aktiv. Große Unterschiede in den Kulturen, Gesundheitssystemen und Gesetzen der Länder verlangen sehr differenzierte Vorgehensweisen, um weltweit Medizinische Tastuntersucherinnen einsetzen zu können.

Die Strategie von discovering hands ® besteht darin, zunächst die bisherigen Erfahrungen mit den internationalen Projekten auszuwerten, um dann Konzepte für weitere Staaten zu entwickeln. Wir möchten in möglichst vielen Ländern zu einer verbesserten Brustkrebsfrüherkennung beitragen und gesellschaftlich anerkannte Arbeitsplätze für sehbehinderte Menschen schaffen. Aber das muss sich für ein Sozialunternehmen wirtschaftlich tragen. Die Rahmenbedingungen hierfür sind zwar gerade in Entwicklungsländern viel schlechter als in Europa, dafür sind aber die positiven sozialen Auswirkungen dort viel größer.

Und auf Deutschland bezogen: in den nächsten 5 Jahren möchten wir in Deutschland weitere 100 MTUs einstellen und durch ihr Tun einer immer größeren Anzahl von brustkrebserkrankten Frauen eine frühestmögliche Diagnose ermöglichen – das steigert die Überlebenschancen und senkt die Belastungen der Behandlung genauso wie die Kosten. Wir setzen unsere Idee als Sozialunternehmen erfolgreich und finanziell nachhaltig aus eigenem Tun um; weltweit wird unser Thema immer größere Bedeutung erlangen.

Zum Schluss: Welche 3 Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?
Erstens: Sie sollten den Mut haben, auch mit ungewöhnlichen Ideen an den Start zu gehen – und zweitens zugleich realistisch prüfen, ob ihr Vorhaben am Markt wirklich eine Chance hat. Drittens rate ich dazu, dass man unbedingt fremdes Geld zur Finanzierung der Idee akquiriert, ohne selbst „Haus und Hof“ zu riskieren – dabei nicht zu klein denken! Dazu muss man fremde Geldgeber von der Sinnhaftigkeit überzeugen, und das gibt dann auch die Sicherheit, dass die Idee wirklich gut genug ist.

Gründer sollten drittens immer auf der Basis fundierter Fachkenntnisse arbeiten, seien es die eigenen oder seien es die von hinzugezogenen Fachleuten. Außerdem benötigen sie Durchhaltevermögen und müssen von der Sinnhaftigkeit ihrer Idee überzeugt sein. Wer nach dem ganz schnellem Erfolg schielt, wird wahrscheinlich scheitern. Und, ganz wichtig: Es muss Spaß machen, denn ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, ist eine Herausforderung.

Weitere Informationen finden Sie hier

Wir bedanken uns bei Frank Hoffmann für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Sabine Elsässer

Sabine Elsässer is founder and chief editor of the StartupValleyNews Magazine. She started her career at several international direct sale companys. Since 2007 she works main time as a journalist. While that time she learned more about the Startup Scene, what made her start her own Startup Magazine the StartupValleyNews.

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