Digitalisierung und Empathie – passt das zusammen?

In der Online-Kommunikation zeigen wir andere Verhaltensmuster als im persönlichen Gespräch – grenzen wir dadurch die Gefühle, Motivationen und Meinungen der anderen schneller aus?

Jennifer Lawrence, Kate Upton und Kristen Dunst wurden  2014  Opfer einer Phishing-Kampagne. Mehrere Hacker bekamen Zugriff auf ihre Apple iCloud-Konten und veröffentlichten illegal Ihre privaten Fotos online.

Anwälte dieser Hacker entschuldigten das Verhalten sinnbildlich: „Wenn sie hinter einem Computer sitzen, vergessen sie, welche Auswirkungen ihr Handeln  auf das reale Leben anderer Menschen hat.“

Dieses Phänomen wird vom US-Psychologen Daniel Goleman auch „Cyber-Disinhibition“ genannt: Die Art und Weise, wie wir andere online behandeln, entspricht nicht dem, wie wir sie persönlich behandeln würden. Und der Grund dafür ist für Goleman ganz simpel: Die Synapsen unseres Gehirns sind auf sofortiges Feedback angewiesen. Dieses Feedback findet online nicht statt.

Unser Gehirn wurde für die reale persönliche Interaktion entwickelt. So nehmen wir gleichzeitig viele Informationen der anderen Person auf. Dazu bekommen wir eigene Impulse, wie wir reagieren können – was zu sagen und zu tun wäre.  Bei Online-Interaktionen ist diese Echtzeit-Feedback-Schleife nicht vorhanden. Online erhalten wir keine notwendigen Hinweise für unser emotionales Mitgefühl. Stattdessen sind wir auf das kognitive Mitgefühl angewiesen. Das bedeutet, dass wir wenig oder gar nichts von dem aufnehmen, was die andere Person fühlt. Wir reagieren hauptsächlich auf das, was sie schreibt (oder textet). Die emotionale Ebene bleibt hier taub oder auch blind.

Nach Goleman gibt es einen weiteren wesentlichen Punkt: E-Mails und Textnachrichten reichen zwar aus für die Übertragung von Informationen. Bei der Übertragung wird der Inhalt vom Empfänger jedoch negativer wahrgenommen als vom Absender gewünscht. Soll bedeuten: Eine E-Mail, die vom Absender positiv formuliert ist wird generell als neutral vom Empfänger wahrgenommen. Eine E-Mail, die der Absender neutral darstellt, wird oft als unfreundlich wahrgenommen.

Deshalb brauchen wir neben der Online-Kommunikation immer wieder das persönliche Gespräch. Die emotionale Information im zwischenmenschlichen Gespräch sichert unsere Empathie-Fähigkeit. Für unser soziales Empfinden brauchen wir die bewusste reale Verbindung mit Menschen.

Die Essenz daraus: Wenn Emotionen in der Kommunikation sind können wir Fehlkommunikation minimieren und produktive und sinnvolle Beziehungen fördern.

Nicht aushalten und durchhalten, was die Digitalisierung uns auferlegt, heißt die Devise. Sondern entschleunigen, Maß halten, die richtige Dosis finden, mal Stopp sagen, digitale Auszeiten nehmen! Deswegen werden wir nicht den Anschluss verlieren, sondern Zeit für die wirklichen Werte nutzen – Beziehungen, Dialog, Emotionalität, Selbstverwirklichung, Menschlichkeit und die notwendige Empathie für ein friedliches Zusammenleben.

Bild: pixabay

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Thomas Wehrs

Thomas Wehrs ist als Systemischer Coach, Organisationsberater und Dozent in Berlin tätig. Er berät bundesweit Führungskräfte, Selbstständige und Unternehmen zu Management- und Organisationsfragen und begleitet in Veränderungsprozessen der digitalen Transformation. Info: www.thwehrs.com

Schreibe einen Kommentar