Das Stiefkind der Digitalisierung – endlich verändert sich die Immobilienbranche

Auch in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung aller Lebensbereiche ist und bleibt Wohnen eines unserer elementarsten Grundbedürfnisse

Dennoch kommt eine Studie der EBS Business School zu dem Schluss, dass Unternehmen der Immobilienbranche im Digitalisierungsprozess bisher nur wenig Fortschritte gemacht haben. Tatsächlich wird der Branche allgemein großes Aufholpotential attestiert. Doch woran liegt es, dass die Digitalisierung im Immobiliensektor bisher so schleppend voranging, und welche Herausforderungen werden sich daraus für die kommenden Jahre ergeben?

Eine Branche im Umbruch

Mit über 815.000 Unternehmen und circa vier Millionen Erwerbstätigen ist die Immobilienwirtschaft nicht nur einer der größten Wirtschaftszweige, sondern gemessen an den Steigerungsraten von Beschäftigungslevel und Wertschöpfung auch eine der dynamischsten Wachstumsindustrien – und damit so wichtig, dass sie den rechtzeitigen Einstieg in die Digitalisierung nicht verpassen darf. So hat auch die traditionell eher konservative Immobilienbranche inzwischen erkannt, dass die Digitalisierung nicht nur unvermeidbar, sondern in vielen Bereichen auch wünschenswert ist. Entsprechend kommen immer mehr digitale Lösungen zum Einsatz, die den Verkauf und die Verwaltung von Immobilien einfacher, effizienter und damit erfolgreicher machen. So ist laut einer Umfrage des Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA) für 92 Prozent der befragten klassischen Immobilienunternehmen die Digitalisierung ein relevantes Handlungsfeld.

Digitale Lösungen müssen Akteure vernetzen

In der Einzelbetrachtung fällt jedoch auf, dass die Immobilienbranche bisher primär digitale Lösungen genutzt hat, um interne Prozesse zu optimieren und Kosten zu sparen. Dies sind meist Softwarelösungen aus dem Geschäftskundenbereich, die menschliche Arbeitsschritte ersetzen. Doch inzwischen ist die Vernetzung von Akteuren das wesentliche Element des digitalen Fortschritts geworden. Plattformen, die die Akteure miteinander verbinden, bestimmen unsere Zukunft. Prominente Beispiele sind Facebook, Amazon und Apple. In der Immobilienbranche wird dies ebenso geschehen: papierlos, global vernetzt und gemeinsam organsiert.

Der Drang nach digitalen Lösungen ist logischerweise bei diversen Akteuren nur bedingt vorhanden. Gerade in der Immobilienbranche beruhen ganze Geschäftszweige darauf, Informationsasymmetrien zwischen Marktteilnehmern wirtschaftlich zu verwerten. Der Gedanke an digitale, voll transparente Plattformen kann dann mitunter unheimlich wirken, da diese die eigene Daseinsberechtigung gefährden könnten. Entsprechend müssen viele etablierte Geschäftsmodelle überdacht und weiterentwickelt werden. Aber auch Startups denken um. Gerade in einer so stark vernetzten Branche wie der Immobilienwirtschaft ist ein gemeinsames Agieren von etablierten Marktteilnehmern in Kombination mit innovativen Lösungen der Schlüssel zum Erfolg. Während man vor einigen Jahren noch versucht hat, ganze Branchenzweige zu „Disrupten“, das heißt zu ersetzen, versteht man sich zunehmend als „Enabler“ – man will also den etablierten Akteuren Lösungen bereitstellen, um die Digitalisierung von innen heraus anzutreiben.

Ein komplexes Feld muss neu erdacht werden

Ein weiterer entscheidender Faktor, warum die Digitalisierung der Immobilienbranche bisher auf sich warten ließ, ist die Komplexität des Feldes. Eine Immobilie an sich ist zwar ein Vermögenswert wie andere auch, aber aufgrund der mangelnden Standardisierung nur schwer digitalisierbar. Hierfür sind aufwendigere Systeme notwendig als in vielen anderen Bereichen.

Auf Grund der vielfältigen Anwendungsfälle sowie der Datenmenge, die eine Immobilie mit sich bringt, ist es eine komplexe und langwierige Aufgabe, einfach und unkompliziert bedienbare Oberflächen und Schnittstellen herzustellen. In Kombination mit den der Branche inhärenten langen Sales Zyklen bedeutete dies in der Vergangenheit auch schon mal, dass Startups vor der nächsten Finanzierungsrunde die Puste ausging. Während diese Herausforderung nach wie vor besteht, lässt sich jedoch inzwischen zumindest auf viele technische Lösungen zugreifen, die es ermöglichen, deutlich effizienter die wesentliche notwendige Infrastruktur bereitzustellen – seien es nun Cloudstorage Anbieter wie Google oder Amazon bis hin zu Bankenschnittstellen wie FinAPI oder Figo.

Im direkten Vergleich: Banken und Börsen sind schon seit Jahrzehnten digitalisiert – weshalb die FinTech Szene auch deutlich weiter entwickelt ist als der PropTech Bereich. Dass PropTech nun auf FinTech folgt, leuchtet im Hinblick auf die notwendige Infrastruktur ein: Zunächst musste der Finanzsektor digital erschlossen und die notwendige Basis für die Digitalisierung des noch komplexeren, in vielen Teilen auf den Finanzsektor aufbauenden Immobilienbereichs geschaffen werden.

Ohne Kapital geht nichts

Letztendlich hängt der Digitalisierungsfortschritt einer Branche natürlich auch direkt von der Menge des investierten Kapitals ab. Während die Kollegen aus der FinTech Branche im letzten Jahr weltweit kumulierte Investments in Höhe von 25 Milliarden US-Dollar erhielten, brachten es Start-ups aus dem Immobilienbereich lediglich auf 1,9 Milliarden.

Bis vor kurzem waren gerade klassische Risikokapitalgeber tendenziell zurückhaltend und scheuten sich, in den eher langfristig ausgerichteten, komplexen Immobilienmarkt zu investieren – auch aus dem Bedenken heraus, dass auf dem Papier sinnvolle Modelle von der Branche nicht angenommen werden. Doch während die Branche umdenkt, geschieht dies auch bei den Geldgebern. Tatsächlich werden vermehrt sogar Fonds geschaffen, die sich auch auf das Segment PropTech konzentrieren, wie MetaProp oder Thrive Capital. Außerdem führt das aktuelle historische Zinstief dazu, dass auch klassische Asset Manager vermehrt in digitale Geschäftsmodelle investieren.

Dadurch ergeben sich ungemeine Chancen für PropTechs. Dabei gilt natürlich: Je mehr Start-ups den Immobilienmarkt für sich entdecken, desto mehr wird auch in PropTechs investiert – was den Bereich wiederum spannender für weitere Gründer und neue Ideen macht.

Bild: Jannes Fischer vermietet.de by Viktor Strasse

Jannes Fischer

Jannes Fischer ist Gründer und CEO der Plattform vermietet.de, die Eigentümern eine effizientere und kostengünstigere Verwaltung ihrer Immobilien ermöglicht. Den Bedarf erkannt, gründete er 2016 mit Dmitry Dzifuta (Lendico) und Georg Untersalmberger (Auctionata) das Unternehmen mit Sitz in Berlin. Zuvor war er u.a. Managing Director beim Online Essenslieferdienst-Marktplatz Foodpanda in Hongkong sowie Venture Developer bei Rocket Internet.

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