Digitale Bildung: Tablet-Wischen bringt uns nicht weiter

Die Wirtschaft wird in Zukunft händeringend Digitalexperten suchen, die die vernetzte Welt mit ihren komplexen Anforderungen verstehen und Daten als wichtige Ressource nutzen können. Solange sich in unserem Bildungssystem jedoch nichts tut, werden diese Spezialisten weiterhin Mangelware bleiben.

Deutsche Schulen schließen Kinder von der Digitalisierung systematisch aus. Natürlich können mittlerweile schon die Jüngsten ein bisschen auf dem Tablet oder dem Smartphone wischen, aber damit hat die Schule nichts zu tun, denn dort herrscht hinsichtlich Digitalisierung finsterstes Mittelalter. Noch sind längst nicht alle Schulen online und ausreichend mit PCs oder Laptops ausgestattet. Zwölf Prozent der Schüler kommen laut dem Medienpädagogischen Forschungsverbunde Südwest im Unterricht überhaupt nicht mit digitalen Medien in Berührung, 40 Prozent seltener als einmal pro Woche. Nach Erkenntnissen der Bertelsmann Stiftung nutzen nur 15 Prozent aller Lehrkräfte digitale Medien vielseitig in der Stundengestaltung. Nahezu 50 Prozent gaben an, selten von traditionellen Lehrmaterialien abzuweichen.

So gut wie alle Initiativen, die vom Staat angeschoben werden, versanden oder gehen gleich ganz schief. Von einer Milliarde Euro, die die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen unter dem Motto „Gute Schule 2020“ für 2017/2018 für die Modernisierung von Schulen bereitstellt, wurden bis Mai 2018 nur 289 Millionen abgerufen. Die Lehr- und Lernplattform Ella, die für alle Lehrer und Schüler in Baden-Württemberg geplant war, also für rund 1,5 Millionen Nutzer an etwa 4.500 Schulen, funktioniert immer noch nicht. 8,7 Millionen Euro an Steuergeldern wurden für die Totgeburt verbraten.  Und das sind nur zwei Beispiele.

Wir brauchen „digitale Produzenten“

Wenn wir die Chancen der digitalen Welt nutzen wollen, muss das Bildungssystem von analog auf digital umgestellt werden, die Informatik in die Klassenzimmer gebracht werden. Ein Tablet bedienen zu können, reicht dafür nicht aus. Tablet-Wischen macht uns zunehmend zu reinen Konsumenten, wo wir doch „digitale Produzenten“, Prosumenten, werden sollten. Unsere Schüler müssen lernen, wie eine App und Algorithmen funktionieren, welche Programmiersprachen es gibt und welche Bedeutung Daten heute haben. Wir brauchen Fähigkeiten und Kompetenzen in Big Data, Profiling oder Targeting. Jeder muss Python, Java oder PHP lernen können und auch in anderen Unterrichtsfächern mehr darüber erfahren, wie unsere digitale Welt entstanden ist und wie sie funktioniert. Und in Zeiten von Live-Streaming und Chatbots ist die Vermittlung von Medienkompetenz ebenfalls wichtig. Wer weiß, wie Digitalisierung und digitale Geschäftsmodelle funktionieren, kommt auch nicht auf die Idee, dass Google und Facebook ihre Dienstleistungen umsonst anbieten und wird mit seinen Daten verantwortungsvoll umgehen.

Dass eine solche Bildung möglich ist und Kinder dabei weder Spaß noch Bewegung vermissen, machen uns andere vor. In Lviw in der Nordukraine habe ich von Unternehmen betriebene Schulen erlebt, in denen Kinder spielerisch den Zugang zu digitalen Themen finden und dabei Spaß haben. Kinder saßen auf dem Boden und spielten mit einem Marienkäfer, der eigentlich ein kleiner Roboter ist. Er sollte Blüten einsammeln. Die Kinder steuerten über Zahlen, wie sich der Roboter bewegte. Eins bedeutet vor, zwei nach links, drei hoch usw. Die Kinder hatten Spaß und lernten dabei. Sie werden nicht mit Wissen vollgestopft, sondern dürfen experimentieren und sich über Erfolgserlebnisse freuen.

Bildung braucht Autonomie

Die Lehrinhalte an Schulen, Universitäten und in der Ausbildung müssen schnell auf einen aktuellen Stand gebracht werden. Das wird nur funktionieren, wenn massiv nicht nur in die digitale Infrastruktur und Ausstattung der Bildungseinrichtungen investiert wird, sondern vor allem in die Ausbildung der Lehrenden. Darüber hinaus brauchen alle Bildungseinrichtungen mehr Selbstständigkeit und Autonomie – pädagogisch-didaktisch, finanziell, personell und organisatorisch. Schulen und Universitäten sollten vom Grundprinzip her wie Unternehmen geführt werden, die die Bedürfnisse ihrer Kunden, also der Gesellschaft und der Lernenden, optimal befriedigen. Ein solches Konzept würde sich auch positiv auf die Motivation von Lernenden und Lehrenden auswirken.

Das alles wird nicht gelingen ohne eine tiefgreifende  Reform des Bildungssystems, ausgelegt auf Innovation, Unternehmertum und Digitalisierung, angepasst an die Bedürfnisse der Menschen und der Unternehmen. Dafür brauchen wir einen ganzheitlichen Plan, mindestens für Deutschland, am besten für ganz Europa. Das bedeutet für mich auch, dass Bildung in Deutschland nicht mehr Ländersache sein darf. Wir brauchen eine Abkehr vom Föderalismus und einen Plan, der bereits in der Kita beginnt und sich konsistent durchzieht bis zur Universität und in den Beruf. Grundlage für ein neues Bildungssystem sind meiner Ansicht nach drei Dinge:

Wir alle sind Lehrende und Lernende – lebenslang.
Aus Wissens- muss Kompetenzvermittlung werden.
Wir müssen lernen zu lernen.

Autor Dr. Hubertus Porschen, Experte Digitalisierung

Der Autor Dr. Hubertus Porschen ist Unternehmer und Keynote Speaker zum Thema Digitalisierung und digitale Transformation. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Digitaler Suizid. Warum wir vom Hightech-Standort zum Entwicklungsland verkommen und was wir dagegen tun können“ konkretisiert er seine Vorstellungen eines neuen Bildungssystems.

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