Digitale Bausteine als Turbo-Spritzen für die Digitalisierung

Ein Digitalisierungsvorhaben kann verschiedene Stoßrichtungen haben. Eine Möglichkeit ist, dass das Geschäftsmodell generell hinterfragt und die Neuausrichtung des Unternehmens auf eine stärkere digitale Basis gestellt werden soll. Eine andere Möglichkeit besteht darin, einzelne Prozesse neu zu ordnen, damit sie effizienter werden und das Ergebnis eine höhere Qualität aufweist. Die dritte Variante ist, dass die Prozesse schon recht gut durch ein Hauptsystem abgebildet werden, aber an verschiedenen Stellen Verbesserungspotenzial besteht. In allen drei Fällen kann die Start-up-Szene wichtige Impulse und Lösungen liefern.

Die Start-up-Szene

Nicht selten waren die Gründer oder Investoren von Start-ups zuvor in einem Unternehmen beschäftigt, wo sie ein bestimmtes Problem erkannt haben und der Wunsch entstand, eine Lösung zu schaffen. Daher empfiehlt es sich, bei Veränderungsvorhaben mit digitalen Ausrichtungen einen Blick in den Gründermarkt zu werfen. Man kann hier auf Lösungen eines bekannten Problems stoßen oder findet Inspirationen, ein Problem anders als bisher anzugehen. 

Mit Blick auf das eigene Geschäftsmodell dürfen Neulinge am Markt nicht unterschätzt werden. Waren es nicht Start-ups wie Uber, Flixbus oder My Müsli, die ganze Branchen in Aufruhr versetzten? Gründer können ein Businessmodell vollständig neu entwerfen, ohne dabei an ein vorhandenes technisches und organisatorisches System gebunden zu sein.

Das Portal fuer-gruender.de benennt jedes Jahr die Top 50 Start-ups. Im Magazin 2019 wird beispielsweise eine Software vorgestellt, die Schweine zählen kann (Corvitac). Eine KI-Lösung von Mediair soll Radiologen beim Erstellen eines Befunds unterstützen. Und hier auf StartupValley finden sich Gründer aus der FinTech-Ecke, z. B. das Produkt Payhawk für das Management von Kosten und Spesen des Außendienstes in Echtzeit. Diese Lösungen ersetzen keinen vollständigen Prozess, können ihn aber qualitativ verbessern. 

Digitale Bausteine zur Unterstützung des Hauptprozesses 

Ist ein Unternehmen prinzipiell mit einem Prozess zufrieden, möchte diesen aber automatisieren bzw. verbessern, bieten externe Tools oft Unterstützung, z. B. bei der „Erfassung und Pflege von Kundendaten“. In den meisten Fällen besteht dieser Prozess in der B2B-Beziehung darin, Visitenkarten auszutauschen und manuell in eine Kundendatenbank einzupflegen, die es ermöglicht, neben der Adresse noch weitere Informationen zu erfassen. Doch oft fehlt die Zeit, alle gewünschten Daten zu recherchieren, zu ergänzen und aktuell zu halten. Die Folge: unvollständige oder veraltete Daten. Ein erfolgreicher Vertrieb braucht aber eine aufgeräumte Kundendatenbank. 

Entweder man investiert dann in ein neues System mit umfangreichen Services oder man prüft, ob das vorhandene System durch externe Tools aufgepeppt werden kann, z. B. durch Adressprüfung. Mithilfe von Web-Crawlern können zudem ergänzende Daten zum Kunden im Web gesucht werden. So bietet email-grabber.de die Möglichkeit, Mail-Adressen von Unternehmen zu sammeln. Und mit Octoparse können allgemeine Daten über das Unternehmen (Produkte, Mitarbeiterzahl, Niederlassungen etc.) recherchiert werden. Liegen die Daten strukturiert vor, lohnen sich KI-Lösungen, um sie zu interpretieren. Aufgrund bestimmter Merkmale können Kundendaten automatisiert kategorisiert werden. Hieraus ergeben sich ganz neue Möglichkeiten für Marketing- und Vertriebsaktivitäten.

Es gibt also vielfältige Möglichkeiten, einen bestehenden Prozess zu verbessern. Viele Funktionen können auch von den eigenen Entwicklern programmiert werden, doch ist hier auf gezielte Ressourcenplanung zu achten: Wenn es bereits fertige Bausteine gibt, kann man sich die Entwicklung sparen. Vielleicht setzt man ein solches Tool auch als Beta-Lösung ein, um erste Erfahrungen zu sammeln.

Die Anbindung von Zusatzdiensten hat aber auch Grenzen: Je mehr Schnittstellen und Abhängigkeiten entstehen, umso aufwendiger wird die Wartung und umso fehleranfälliger die Architektur. Ein Systemwechsel des Hauptprozesses auf eine höhere Stufe der digitalen Verarbeitung ist dann zwingend notwendig und sollte nicht aufgeschoben werden.

Start-up-Lösungen als Turbo-Spritzen

Je mehr Funktionen ein System enthält, umso komplexer wird es. Der Wechsel auf ein neues System wird immer schwieriger und langwieriger. Daher wird oft eine modulare Architektur bevorzugt. Bei Daten muss z. B. unterschieden werden, welche Daten das Kernwissen darstellen, auf dessen Basis viele Prozesse definiert sind, und welche Daten nur temporär oder für einen bestimmten Zweck benötigt werden. 

Gerade im Marketing werden stetig neue Ideen entwickelt, welche Daten wie zu verknüpfen sind, um den Kunden optimal zu erreichen. So werden mit dem Bannergenerator des Start-ups Averycore auf Basis definierter Kundengruppen (z. B. aus einem CRM) unterschiedliche Banner für verschiedene Displays ausgespielt. Das System erkennt sogar, ob sich der Kunde gerade in einem Regengebiet aufhält, und zeigt ihm im Banner dann beispielsweise einen Regenmantel an. Die Stärke der eigenen Daten zu Produkten und Kunden erhält durch solche Tools eine Turbo-Spritze.

Fazit: Auch in der Systemlandschaft Flexibilität bewahren

Die besondere Herausforderung auf dem Weg der Digitalisierung ist das richtige Maß eines Systems sowie die Wartungsfähigkeit der Systemarchitektur. Oft entscheiden sich Unternehmen für teure Systeme, weil sie sich umfangreiche Dienste und eine einfache Wartung erhoffen, dabei aber nicht bedenken, dass es kaum Mitarbeiter gibt, die das System wirklich zu nutzen wissen. Auch gehören besondere Funktionen, die dem Unternehmen helfen, sich von Wettbewerbern abzuheben, selten zum Systemstandard. Eine innovative und flexible Systemlandschaft braucht also die Turbospritzen spezieller technischer Lösungen aus der Start-up-Szene.

Buchtipp: „Digital Insights – Digitalisierung: 7 Sichtweisen aus der Praxis“

Weiterführende Informationen zum Thema und zur Autorin Bettina Vier finden sich im Buch „Digital Insights – Digitalisierung: 7 Sichtweisen aus der Praxis“, in dem sieben erfolgreiche Interim Manager direkt aus der Praxis berichten und Megatrends, technische Innovationen sowie unternehmerische, prozessuale, ethische, gesellschaftliche und globale Fragen beleuchten. „Digital Insights – Digitalisierung: 7 Sichtweisen aus der Praxis“ ist im Best Practice Verlag erschienen und kostet 39,90 Euro. Weitere Informationen: https://bestpractice-media.de/digital-insights-digitalisierung-7-sichtweisen-aus-der-praxis

Autor: Bettina Vier

Bettina Vier ist Diplom-Volkswirtin und Top-Profi, wenn es um den digitalen Handel geht. Als Interim Managerin ist sie überaus gefragt, denn noch immer tun sich viele Unternehmen schwer, diese Technologie für die eigenen Zwecke gewinnbringend zu nutzen. Branchenübergreifend wird sie seit vielen Jahren als E-Commerce-Managerin in Unternehmen geholt. Dabei stößt sie weitere Digitalisierungsprojekte an und unterstützt da, wo das Umfeld für den E-Commerce noch nicht gegeben ist. Sie berät strategisch und umfassend und macht den digitalen Wandel konkret.

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