Die sinnentleerte Blase: New Work

„Ich habe mir diese «Neue Arbeit» schon anders vorgestellt, als sie heute zelebriert wird. Mir geht es um grundlegende Dinge, darum, dass Menschen sich nicht in Lohnarbeit, zu der sie keinen inneren Bezug haben, erschöpfen und am Lebensende feststellen, dass sie gar nicht richtig gelebt haben.“

Ein Zitat von Frithjof H. Bergmann dem Philosophen und Begründer der New Work Bewegung.

Vor etwa 40 Jahren hat der Vordenker sich mit den Folgen des Lohnarbeitssystems befasst und damit auseinandergesetzt, wie Arbeit in der Zukunft aussehen könnte.

Vor gerade einmal drei Jahren schossen die Verfechter der neuen Arbeitswelt wie Pilze aus dem Boden, eine Schar von Mitläufern, die auf den New Work Trendzug aufsprangen. Sie feuerten mit großen Worthülsen um sich, infizierten Unternehmen und die sozialen Medien mit  Design Thinking, Working Out Loud und Holacracy. Jede Gründung ist gefühlt ein Startup sowie Agilität das Allheilmittel für Probleme im Unternehmen zu sein scheint. Kulturwandel, Innovation, Disruption, alles verschmilzt zu einem klebrigen New Work Brei, doch wer nur um den heißen Brei herumkreist, wird nicht satt. Wenn Worte zu leeren Hüllenbegriffe mutieren, um einen Mangel an Ideen oder im schlimmsten Fall fehlende Kompetenz zu überspielen, wird es gefährlich.

Schneller, besser, weiter: die Leistungsgesellschaft

Arbeit muss heute, 40 Jahre nach dem Gründungsgedanken von New Work, neu gedacht werden. Die beträchtlichen Folgen für Unternehmen und die Volkswirtschaft, resultierend aus dem relativen Anteil psychischer Erkrankungen am Arbeitsunfähigkeitsgeschehen, ist von 2% auf alarmierende 16,6% gestiegen. Auf diese Zahlen nicht zu reagieren wäre fatal. Hier geht es schon lange nicht mehr um Obstkörbe, Emotionen oder die Sinnfrage, vielmehr verlangt die neue Arbeitswelt, wenn sie zukunftsfähig sein soll, nach menschenorientierten Lösungen.

Ein Wirtschaftssystem, das auf Leistungssteigerung durch Effizienz aufgebaut ist, ist darauf ausgerichtet, die Leistung der Mitarbeiter zu steigern. Schnelleres, effizienteres Arbeiten und Mehrarbeit sollen dazu führen, den Unternehmensprofit zu maximieren. Jeder zehnte Vollzeitbeschäftigte arbeitet mehr als 60 Stunden in der Woche; dazu leiden viele unter ihren Führungskräften, intriganten Kollegen oder dem eigenen Perfektionismus. Wer seine eigenen Bedürfnisse über einen längeren Zeitraum übergeht und dann noch soziale Bindungen radikal minimiert, ist gefährdet, an einem Burn-out zu erkranken. Viele Angestellte haben Angst davor, Nein zu sagen, um sich nicht unbeliebt zu machen, unangenehm aufzufallen oder weniger engagiert zu wirken.

Noch besser in der Leistungsgesellschaft funktionieren

Es werden immer mehr Maßnahmen in Unternehmen und außerhalb angeboten, um vor allem Führungskräfte und auch Mitarbeiter robuster zu machen, damit sie noch besser in der Leistungsgesellschaft funktionieren. Coaching und Seminarangebote steigen in ihrer Vielfalt, mit dem Ziel, im beruflichen Hamsterrad widerstandsfähiger seine Runden zu drehen.

Zum einen muss ein Umdenken in Unternehmen stattfinden, dass den Menschen als Subjekt in das Zentrum stellt. Hier geht es nicht um abgedroschene Floskeln, sondern eine bedürfnisorientierte Haltung. Was brauchen Mitarbeiter um langfristig gesund zu bleiben? Wie müssen Rahmenbedingungen beschaffen sein, dass Mitarbeiter sich einzubringen trauen und das auch gerne tun? Welche Art des Miteinanders wollen wir pflegen, damit eine Kultur entstehen kann? 

Wozu sollen die Maßnahmen langfristig führen?

Zum anderen müssen Entscheider bereit sein, den Veränderungsprozess mit allen Höhen und Tiefen zu durchlaufen. 
Außerdem sind stützende Maßnahmen notwendig, die dabei helfen, den Prozess nachhaltig auszurollen. In Unternehmen finden Qualifizierungsmaßnahmen meist auf der Wissens-, Kompetenz- oder Verhaltensebene statt und führen nicht zu qualitativ neuem Denken. Von daher sind die meisten Transformationen, die als solche verkauft werden, keine. Dafür sind Reflexionsprozesse und Strukturen experimentellen Erlebens notwendig, in denen Mitarbeiter von selbst zu neuen Denk- und Verhaltensweisen gelangen.

Zwischen der Angst zu versagen und dem Mut etwas zu wagen, braucht es zeitgemäße Begleitung und Unterstützung. Unternehmen investieren Zeit und Geld und verlieren somit doppelt, wenn sie sich von Trends blenden lassen. Bereits im Vorgespräch sollten Unternehmer sich von der Kompetenz überzeugen und nicht von Trends blenden lassen. Ein erster Termin, in dem der Inhalt des Auftrages erarbeitet wird, sollte bereits wesentliche Fragen klären.

Autoreninfo: 

Amel Lariani ist Inhaberin, Beraterin und Coach bei Embodyment Guide – menschenorientierte Führung. Sie ist Gastdozentin an der Universität in Bayreuth für Wirtschafts- und Unternehmensethik und hat acht Jahre lang menschenzentrierte Forschung betrieben.

http://www.embodymentguide.com/

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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