Deutschland als Mekka für IT Experten?

Grundsätzlich gehört der Arbeitsstandort Deutschland in der IT-Branche zu den beliebtesten der Welt. Eine Studie der globalen Unternehmensberatung Boston Consulting Group, der Online-Jobplattform StepStone, und des globalen Jobbörsen-Netzwerks The Network aus diesem Jahr konstatiert, dass ein Drittel der knapp 27.000 weltweit befragten Digitalexperten bereit sei, für einen Job nach Deutschland zu kommen. 

Arbeitsplätze gibt es genügend. Insbesondere der IT-Mittelstand ist sehr bemüht jedes Jahr tausende neue Jobs zu schaffen. Mehr als 11.000 mittelständische Unternehmen stehen in Deutschland für 35 Prozent des Umsatzes und 56 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der deutschen Informationstechnik. Das sind Zahlen, die sich sehen lassen können, und sinnbildlich für eine sehr diversifizierte Branche stehen. Und nahezu jedes klein- oder mittelständische Unternehmen hat Bedarf nach einem IT-Experten. Die Voraussetzungen für eine florierende IT-Wirtschaft könnten also besser nicht sein.

IT-Fachkräftemangel wohin das Auge reicht

Nur leider zeichnet sich in der Realität ein anderes Bild ab. Die Bundesagentur für Arbeit stellt im Rahmen einer Studie im Mai fest: Bis ein Unternehmen im Jahr 2018 eine freie Stelle mit einer geeigneten IT-Kraft besetzen konnte, dauerte es 132 Tage – 14 Tage mehr als im Durchschnitt aller Berufe. In dieselbe Kerbe schlägt eine vor kurzem veröffentlichte Studie von Bitkom. Die vom Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche befragten Unternehmen gaben an, durchschnittlich ganze 5 Monate zu benötigen, um eine IT-Stelle zu besetzen. In nahezu allen Bundesländern herrscht IT-Fachkräftemangel – laut Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit gibt es nur in vier Bundesländern aktuell keine Anzeichen für Engpässe.

Bitkom hat im Jahr 2018 in Deutschland 82.000 unbesetzte IT-Stellen gezählt, was einem erschreckenden Anstieg von nahezu 50% innerhalb nur eines Jahres entspricht. Die Unternehmen in Deutschland suchen händeringend sowohl nach Nachwuchs wie auch erfahrenen IT-Fachkräften, um dem digitalen Wandel angemessen begegnen bzw. ihn für das eigene Unternehmen nutzen zu können. Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder bewertet die Situation drastisch: „Jede offene Stelle bedeutet Verlust von Wertschöpfung, ein Weniger an Innovationen.“ Im schlimmsten Fall kann eine Wachstumsbremse die Folge sein.

Revolution des Bewerbermanagements

Wegen dieses massiven Ungleichgewichts aus Angebot und Nachfrage nach IT-Fachkräften kommen Unternehmen nicht umhin sich neue Strategien zu überlegen, wie sie die Lücken ihrer IT-Abteilungen füllen können. IT-Experten befinden sich aufgrund der hohen Nachfrage in einer äußerst komfortablen Lage. Arne Hosemann, Geschäftsführer und Co-Gründer von expertlead, einer globalen Community für hochqualifizierte IT-Freelancer, stellt in dem Kontext fest: „Die Zeiten, in denen Unternehmen auf Initiativbewerbungen von Fachkräften warten können, sind schon lange vorbei, insbesondere in der IT. Hier hat sich das Blatt komplett gewendet. Wer als Unternehmen nicht aktiv an Bewerber herantritt, flexibel bei Themen wie Arbeitszeiten und -ort ist sowie in Employer Branding investiert, der wird ganz massive Probleme bekommen IT-Fachkräfte ins eigene Unternehmen zu holen.“ Viele Unternehmen hätten hier einen großen Nachholbedarf, insbesondere gegenüber der Konkurrenz im Ausland. Aber auch die Politik ist gefragt.

Deutsches Arbeitsrecht hält der Zeit nicht stand

Alexander Schlomberg, der zweite Gründer von expertlead, bestätigt, dass „junge Arbeitnehmer flexible Regelungen hinsichtlich der Arbeitszeitgestaltung und ein zunehmend projektorientiertes Arbeiten verlangen.“ Moderne Arbeitszeitmodelle mit flexiblen Start- und Endarbeitszeiten oder Home-Office, implizieren eine Flexibilität, die in Deutschland allerdings weiterhin nur in Ausnahmefällen besteht. Dem Arbeitnehmer kann es beispielsweise untersagt sein, am Abend sein Handy zu zücken, arbeitsbezogene E-Mails zu verschicken oder im Auftrag des Berufes etwaige Informationen zu recherchieren. Grundsätzlich verlangt das deutsche Arbeitsrecht eine elfstündige Ruhepause, bevor weitergearbeitet werden darf. Zusätzlich dazu darf der Arbeitnehmer im Regelfall nicht mehr als 10 Stunden Höchstarbeitszeit an den Tag legen. Wird diese überschritten, drohen den Verantwortlichen empfindliche Bußgelder von bis zu 15.000€. Für Schlomberg eine altbackene Regelung: „Die heutigen Anforderungen am Arbeitsmarkt bedürfen einer flexiblen arbeitsrechtlichen Struktur, die dem Arbeitgeber, aber besonders dem Arbeitnehmer, zugute kommt.“

Best Practice

In Deutschland gibt es eine Reihe von Positivbeispielen und zahlreiche Startups, die sich der HR Tech-Branche verschrieben haben und mit ihren Geschäftsmodellen Lösungsansätze anbieten. Das im Januar 2018 gegründete Startup expertlead, eine globale Community für hochqualifizierte IT-Freelancer, nimmt Unternehmen die technische Qualifizierung von IT-Fachkräften ab und verschafft ihnen auf Projektbasis Zugriff zu einem exklusiven IT-Talentpool.  Der Fokus liegt hierbei auf der Unterstützung freiberuflicher ITler in allen Phasen der Selbstständigkeit: von der Projektakquise, dem Bereitstellen relevanter Services und Möglichkeiten zur Weiterbildung bis hin zur Übernahme administrativen Tätigkeiten.

Das Alleinstellungsmerkmal stellt die eigene Tech-Community dar. Diese prüft anhand von Coding Tests und technischen Interviews die Qualifizierung potenzieller Neumitglieder und entscheidet, ob ein IT-Freelancer in das exklusive Netzwerk aufgenommen wird. Das Geschäftsmodell von expertlead entspricht den Anforderungen der Zeit und unterscheidet sich maßgeblich von dem einer klassischen Vermittlungs-Agentur: expertlead bindet die Community-Mitglieder aktiv in die Prozesse ein und steht ihnen als Ansprechpartner in allen Phasen der Selbstständigkeit zur Seite. Auch für Kunden geht der Service des Startups weit über eine reine Vermittlung hinaus: Oftmals ist es für Unternehmen schwer zu beurteilen, welcher Kandidat für das jeweilige Projekte geeignet ist- diese Qualifizierung übernimmt expertlead bzw. die expertlead Tech-Community.

Autoren: Alexander Schlomburg und Arne Hosemann 

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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