Gründer sollten nur Banken auswählen, die digitale Geschäftsmodelle bewerten können

Daniel Kreis, CEO der Deutschen Handelsbank, zu Wachstumsfinanzierung und zum Gründerstandort Deutschland

Wachstumsunternehmen sind in der DACH-Region gut finanziert. Das zeigen die Zahlen von des SEP Monitors 2017 (SEP=Startup Europe Partnership): Rund 12 Milliarden Dollar wurden in die knapp 650 Scale-ups in Deutschland, Österreich und der Schweiz investiert, mit über 10 Milliarden Dollar entfiel der Großteil davon erwartungsgemäß auf Deutschland. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit jedoch klar hinter Großbritannien (mehr als 20 Milliarden Dollar flossen hier in die Growth-Finanzierung in mehr als 1.400 Scale-ups). Um die vorhandenen Potenziale des eigenen Unternehmens realisieren zu können und im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Gründer und Manager speziell in der Wachstumsphase ihre Finanzierungsstrategie weiter professionalisieren – fordert Daniel Kreis, CEO der auf Wachstumsunternehmen spezialisierten Deutschen Handelsbank.

Wie ist es um die Finanzierung der deutschen Wachstumsunternehmen bestellt?

Daniel Kreis: Wir denken, dass es in Deutschland für junge Wachstumsunternehmen gute Möglichkeiten gibt, an Kapital zu gelangen. Das zeigen die großen Finanzierungsrunden in letzter Zeit aus diversen Bereichen wie FinTech (z.B. N26), InsureTech (z.B. Clark) und auch im E-Commerce (z.B. Lesara). Das Gründungsklima und das dazugehörige finanzielle Ökosystem sind in Deutschland also vorhanden. Nicht zuletzt waren es Unternehmer und Investoren wie Oliver Samwer und Rocket Internet, die die Themen „Gründung“ und „Startup“ in Deutschland auf die Landkarte gebracht haben. Berlin profitierte als Standort davon sicherlich am meisten. Aber auch in der Breite der Gesellschaft ist das Thema angekommen, das zeigen die vielen Gründershows im Fernsehen sehr anschaulich. Wir sind also auf einem guten Weg, aber bis zur „Startup-Nation“ ist es noch ein ganzes Stück: Unserer Meinung nach gibt es immer noch zu wenig Gründer und die Unterstützung der Politik ist weiterhin ausbaufähig.

Sind Deutschland und Europa wettbewerbsfähig, zum Beispiel im Vergleich zu den USA und China? Und falls nein: Was muss sich ändern, damit Europa wettbewerbsfähig wird?

Daniel Kreis: In Europa ist Deutschland beispielsweise die klare Nummer zwei hinter UK, was das Finanzierungsvolumen bei Wachstumsunternehmen anbelangt. Im Vergleich zwischen Europa und dem Rest der Welt muss man leider anerkennen, dass China und USA bereits enteilt sind. In diesen Ländern wird sehr viel und in größeren Höhen Wagniskapital vergeben, das zeigen die zahlreichen Fundings in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe. Auch ist eine investitions- und risikofreudigere Kultur in beiden Ländern zu beobachten. Dennoch ist in Europa positiv zu vermerken, dass die Zahl der Wagnisfinanzierer weiter steigt. Auch die Fremdkapitalseite wird professionell bedient, vor allem über Spezialbanken.

Wie hat sich die Situation der Kapitalausstattung in den letzten Jahren in Deutschland verändert?

Daniel Kreis: Hier muss man unterscheiden zwischen Eigenkapital und Fremdkapital. Auf Eigenkapital-Seite sehen wir eine Steigerung der Anzahl der professionellen Investoren. Das liegt zum Beispiel daran, dass der Mittelstand und große Konzerne vermehrt den Kontakt zu Start-Ups suchen und dort auch investierten. Zum Beispiel über Corporate Venture-Arme oder über Family Offices oder als sogenannte Limited Partners bei Venture Capital Fonds. Im Fremdkapital-Bereich sehen wir dagegen nur wenige Spezialbanken, wie beispielsweise die Deutsche Handelsbank, die die Bedürfnisse und Entwicklungschancen von Wachstumsunternehmen richtig einschätzen können. Hier herrscht bei den traditionellen Banken noch Nachholbedarf.

Business Angel, Wagniskapital, staatliche Förderungen, Bootstrapping, Bankkredit – Es gibt unterschiedlichste Möglichkeiten, an Kapital zu gelangen, Was ist Ihre Empfehlung für einen sinnvollen Finanzierungsmix?

Daniel Kreis: Unsere Empfehlung ist ganz klar: Die eine „richtige“ Finanzierungsform gibt es nicht. Das ist immer abhängig von der Entwicklungsphase des Unternehmens. Es macht zum Beispiel durchaus Sinn, das Bootstrapping-Modell mit einer starken Kosten-Disziplin während der Early Stage-Phase zu fahren. Im weiteren Verlauf, vor allem dann, wenn das Geschäftsmodell funktioniert und es in der Wachstumsphase um Expansion, Working Capital-Themen etc. geht, lohnt es sich vielleicht, professionelle Investoren und spezialisierte Fremdkapital-Anbieter an Bord zu holen. Gerade flexibles Fremdkapital kann in der exponentiellen Growth-Phase, beispielsweise im E-Commerce, ein starker Wachstumshebel sein.

Was raten Sie Gründern: Für welche Bereiche ist es sinnvoll, Eigenkapital zu verwenden, und für welche Bereiche sollte man auf flexibles Fremdkapital zurückgreifen?

Daniel Kreis: Eigenkapital ist ja in der Regel teuer erkauft, und Gründer verwässern ihre Anteile. Dieses Kapital sollte daher sorgfältig eingesetzt werden, beispielsweise, um strategische Ziele in Sachen Expansion, Marketing und Personal zu erreichen. Fremdkapital ist vergleichsweise günstig, fast immer eine sehr gute Wahl und eine ideale Ergänzung, gerade um Forderungen oder das Lager vorzufinanzieren. Die Frage, die sich Gründer stellen sollten, ist: Zu welchem Zeitpunkt nehme ich Fremdkapital hinzu und in welcher Höhe bzw. bekomme ich überhaupt Fremdkapital?

Viele Banken sind vorsichtig bei der Kreditvergabe an Startups. Was raten Sie Gründern, die Fremdkapital aufnehmen möchten?

Unser Rat ist immer: Suchen Sie sich Banken, die digitale Geschäftsmodelle bewerten können und mit systemimmanenten Begleiterscheinungen bei Wachstumsunternehmen Erfahrung haben. Selbstverständlich sollten Unternehmen für Banken ein professionelles Pitch Deck mit den relevanten KPIs bereithalten, damit Kreditinstitute die Chancen und Risiken besser einschätzen können. Zu den wichtigsten KPIs neben Umsatz beziehungsweise Umsatzwachstum zählen Customer Acquisition Costs (CAC), Customer Lifetime Value (CLV), Monthly oder Annual Recurring Revenues (MRR/ ARR), die Churn Rate sowie die Rohertragsmarge. Mit diesen Kennzahlen wird dann bewertet, ob das Geschäftsmodell funktioniert (`Proof of Concept´) und ob damit Fremdkapital gegeben werden kann oder ob es sich noch um Risikokapital handelt. Gründer wiederum sollten bei der Auswahl des Bankenpartners darauf achten, dass der Gesprächspartner auf Bankenseite das jeweilige Geschäftsmodell wirklich versteht, das angebotene Finanzierungsprodukt auch ohne juristische Konsultationen verständlich ist und die Umsetzung einfach und schnell funktioniert.

Mit Blick zurück: Welche Geschäftsmodelle hatten in Deutschland bislang großen Erfolg? Und welche Geschäftsmodelle sehen Sie aktuell, die in ihrem Bereich einen originellen und innovativen Ansatz haben?

Wir verfolgen digitale Geschäftsmodelle schon seit vielen Jahren, und insgesamt sehen wir bei der Deutschen Handelsbank eine sehr positive Entwicklung. Wir haben hierzulande tolle Erfolgsgeschichten erlebt, gerade im E-Commerce, wie beispielsweise Zalando, Mr. Spex oder ganz aktuell Home24. Neben einigen vielversprechenden FinTech- und InsureTech-Unternehmen glauben wir schon seit einiger Zeit an das große Potenzial bei SaaS-Modellen aus Deutschland und Europa. Um auch künftig erfolgreiche Digitalunternehmen zu entwickeln, brauchen wir speziell für Deutschland künftig viel mehr kluge Köpfe, die sich entschließen, selbst ein Unternehmen zu gründen und aufzubauen. Es ist für den Standort Deutschland enorm wichtig, noch mehr Ingenieure, Physiker und Chemiker von der Attraktivität des Unternehmertums zu überzeugen. Nur dann können wir die Basis für einen „Neuen Deutschen Mittelstand“ schaffen.

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Wir bedanken uns bei Daniel Kreis für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

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