Einfach machen und fest an seine Idee glauben

Bridge&Tunnel: Social Design Label fertigt hochwertiges Design und bringt gesellschaftlich benachteiligte Menschen in Arbeit

Stellen Sie sich und Ihr Startup Unternehmen Bridge&Tunnel doch kurz unseren Lesern vor!
We design society. Bridge&Tunnel steht für Design, das Gesellschaft verändert. Seit Sommer 2016 fertigt unser Social Design Label hochwertiges Design und bringt damit gesellschaftlich benachteiligte Menschen in Arbeit. Alle Produkte entstehen aus post-consumerwaste, die lokal und fair in unserer Werkstatt in Hamburg-Wilhelmsburg gefertigt werden: Von Menschen aus dem Stadtteil, die aus unterschiedlichen Gründen auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht unterkommen, aber tolle handwerkliche Fertigkeiten haben, sowie von Menschen mit Fluchtgeschichte, die erst kürzlich nach Deutschland gekommen sind. So verhelfen wir wertvollen Materialressourcen zu einem neuen Leben in Style und hoffnungsvollen Talenten aus aller Welt zu einem erfüllenden Job mit Anerkennung. Eine ziemlich gute Kombi, wie wir finden.

Wie ist die Idee zu Bridge&Tunnel entstanden?
Die Idee zu Bridge&Tunnel kam im wahrsten Sinne des Wortes zu uns: Seit 2013 leiten wir (Constanze Klotz und Hanna Charlotte Erhorn) gemeinsam das Stoffdeck. In unserer Gemeinschaftswerkstatt in Hamburg-Wilhelmsburg können sich professionelle Designer, aber auch kreative DIYler unkompliziert einmieten. Als wir irgendwann mitbekamen, dass sich ein deutsch-türkischer Nähclub mit ihren Haushaltsnähmaschinen in einer Wilhelmsburger Moschee zum Nähen trifft, haben wir sie eingeladen, ihren Nähtreffeinfach bei uns im Stoffdeck zu machen. Und standen dann fassungslos daneben… Denn wir konnten live mit ansehen, was für Zauberhände viele der Frauen haben, obwohl fast alle noch nie in einem richtigen Job waren. Da war uns schlagartig klar: wir müssen diese beiden Welten vernähen. Und seitdem bringen wir professionelles Design und Menschen aus dem Stadtteil mit flinken Händen zusammen.

Von der Idee bis zum Start was waren bis jetzt die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?
Als wir Bridge&Tunnel konzipiert haben, haben wir nur so vor Tatendrang gebrannt und wollten sofort loslegen. Das ist auch immer noch so, die Umsetzung hat dann aber doch etwas gedauert! Nach der Idee (das war im März 2015) sind fast anderthalb Jahre ins Land gegangen, bis unser Shop im Juli 2016 online gehen konnte. Wir haben also mehr als ein Jahr gebraucht, um alles so umzusetzen, wie wir es uns wünschen. Dazu gehörte die Designentwicklung, aber natürlich auch das Finden des Teams, das Auftreiben der Finanzierung, der Bau der Website und vieles mehr. Wir hatten von Anbeginn aber eine tolle Presseberichterstattung und haben auch schon einige (Bundes)Preise gewonnen, was uns mit einer tollen Dynamik versorgt hat und uns – und unser Team – natürlich auch sehr stolz macht.
Unser Geschäftsmodell steht mittlerweile auf verschiedenen Füßen. Zuallererst verkaufen wir natürlich unsere Endprodukte, unser Design. Dann setzen wir auf Unternehmenskooperationen. So haben wir mit einem Hamburger Wirtschaftsunternehmen, die ebenfalls einen Fokus auf Recycling haben und mit dem wir eng zu dem Thema zusammenarbeiten werden, ein dreijähriges Sponsoring abgeschlossen. Da alle unserer Näher und Näherinnen im Kernteam aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommen, profitieren wir außerdem noch von anteilig geförderten Arbeitsverhältnissen durch das Jobcenter. Das ist gerade für den Anfang, wo wir ja viel Zeit damit verbringen, unser Team zu professionalisieren, eine wahnsinnige tolle Unterstützung. Und zuletzt – und das ist wirklich besonders – haben wir einen Privatinvestor gefunden, der uns maßgeblich unterstützt. Mit ihm arbeiten wir über Spenden sowie einen Darlehensvertrag zusammen, der allerdings komplett ohne Anteile auskommt.

Wer ist die Zielgruppe von Bridge&Tunnel?
Unsere Zielgruppe legt Wert auf qualitativ hochwertige Arbeit. Sie will faire und ökologische Arbeit aktiv unterstützen und ist bereit, für besondere Produkte, die diese Kriterien erfüllen, aber auch ihre Individualität und ihr Qualitätsbewusstsein unterstreichen, mehr Geld auszugeben.
Damit steht unsere Zielgruppe für die steigende Nachfrage nach umweltschonenden Produkten und dem bewussten Umgang mit unseren begrenzten Ressourcen. Es geht ihr nicht um Konsumverzicht, sondern um einen bewussten Konsum. Ethisch und ökologisch verantwortlich produzierte Produkte spielen dabei natürlich eine große Rolle. Durch den Erwerb eines Bridge&Tunnel Produkts erhalten unsere Kunden einen direkten Bezug zu lokaler, nachhaltiger Produktion.

Wo und von wem werden die Produkte gefertigt?
Als klar war, dass es mit Bridge&Tunnel ernst wird, wollten wir die Info, dass wir handwerklich begabte Näherinnen und Schneiderinnen suchen, natürlich bestmöglich streuen. Wir hatten dann das große Glück, dass im Wilhelmsburger Wochenblatt – einem kleinen aber stark gelesenen Blatt – ein Artikel mit unserem Angebot sogar auf dem Titel erschien. 4 Plätze wollten wir vergeben, gemeldet haben sich fast 60 (!) Leute. Auch das Jobcenter, mit dem wir eng zusammenarbeiten, hatte unsere Info gestreut. Unser Telefon stand tagelang nicht still… Es war unfassbar, welchen Nerv wir offenbar getroffen hatten. 25 haben wir dann zu einem Probenähen eingeladen und daraus unser Team ausgewählt. In unserem Produktionsteam arbeiten aktuell 4 (zuvor Langzeitarbeitlose) Näher und Näherinnen, die gebürtig aus Indien, der Türkei und Afghanistan kommen. Angeleitet werden sie von 2 weiteren tollen Frauen, die ausgebildete Schneiderinnen oder Bekleidungstechnikerinnen sind.
Wir merken jeden Tag aufs Neue, was es für das Team bedeutet, endlich einen eigenen Job zu haben und etwas zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizusteuern. Die Wertschätzung, die sie durch ihre Arbeit bekommen, erfahren viele von ihnen das erste Mal in ihrem Leben. Viele von uns können sich im Zeitalter von work-life-balance Überlegungen gar nicht vorstellen, was es bedeutet ganz ohne Arbeit zu sein. Und was es im Umkehrschluss bedeutet, welche zu haben. Denn wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht.
Bei unseren Praktikanten mit Fluchtgeschichte geht es eher darum, sie mit einem deutschen Produktionsbetrieb bekannt zu machen und mit ihnen viel Deutsch zu sprechen. Leider werden wir die Praktikanten – so der aktuelle Stand – nicht in unser Kernteam übernehmen können, dazu haben wir als Start-Up (noch nicht) nicht die finanziellen Mittel. Wir sind aber sehr gut in Hamburg vernetzt und werden uns bemühen, sie an Designer oder andere Produktionsstätten zu vermitteln.

Wie ist das bisherige Feedback?
Das bisherige Feedback zu Bridge&Tunnel ist überwältigend. Wir durften uns im letzten – und ersten – Bridge&Tunnel Jahr nicht nur über eine tolle Anzahl an Auszeichnungen sowie eineschwindelerregende Anzahl an Presseberichten freuen, sondern auch über eine stetig wachsende Kundschaft.Viele Kunden nutzen auch die Gelegenheit, dass wir in der ersten Kollektion aus abgelegten Jeans fertigen, und schicken uns ihre ausrangierten Jeans zu. Nicht selten werden solche Sendungen von sehr persönlichen und sehr netten „Liebesbriefen“ begleitet. Und wir hoffen natürlich sehr, dass die Kunden uns treu bleiben und die Entwicklung unserer neuen Produkte verfolgen.

Bridge&Tunnel, wo geht der Weg hin? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Momentan sind wir noch überwältigt von den zahllosen Möglichkeiten, die Denim– das Material unserer ersten Kollektion – als Textil bietet. Da sind wir noch lange nicht am Ende unserer Inspiration! Seit kurzem bieten wir zum Beispiel die Option an, die eigenen alten Jeans einzuschicken, aus denen wir dann einen individualisierten Rucksack oder Weekender fertigen. Und auch einzelne Fashion Pieces wird es bald geben.
Unsere Idee ist es, mit Bridge&Tunnel die Schönheit und Langlebigkeit von unterschiedlichen Reststoffen aufzuzeigen. Dazu möchten wir zukünftig mit wechselnden Materialien arbeiten und daraus verschiedene Endprodukte wie Accessoires und Interior Design fertigen. Die nächste Kollektion, die aus alten Schulvorhängen entsteht, die sage und schreibe 40 Jahre lang in einer Hamburger Schulaula hingen und dort von der Sonne gebleicht wurden, erscheint Ostern 2017.
Zuletzt wäre es natürlich toll, auch unser Team zu vergrößern. Wir könnten uns z.B. vorstellen, neben unserer eigenen Linie zukünftig auch für andere Designer zu fertigen, denen ökologisches und soziales Engagement am Herzen liegt und die ein Interesse an einer fairen und lokalen Fertigung haben. Es bleibt also in jedem Fall spannend!

Zum Schluss: Welche 3 Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?
Einfach machen und fest an seine Idee glauben. Starke Partner um sich sammeln und loslegen. Klingt ein wenig cheasy, ist aber so.

Weitere Informationen finden Sie hier

Wir bedanken uns bei Constanze Klotz und Hanna Charlotte Erhorn für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder.

Bildrechte Bridge&Tunnel

Sabine Elsässer

Sabine Elsässer ist 39 Jahre jung, Gründerin und leitende Redakteurin der StartupValleyNews. Ihre Karriere startete sie in verschiedenen internationalen Direktvertriebsunternehmen. Seit 2007 ist sie hauptberuflich als Journalistin tätig. Während dieser Zeit lernte sie die Startup-Szene kennen und schätzen, was Sie dazu bewogen hat mit StartupValleyNews ein internationales Startup Magazin aufzubauen!

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