Brexit-Fluch(t): Treibt es Young Professionals von der Insel in die EU?

Wo Nachwuchskräfte (bis 34 Jahre) nach einem EU-Austritt Großbritanniens durchstarten würden, haben wir uns bei HousingAnywhere genau angeschaut. Schließlich suchen die Berufseinsteiger über unsere Mietplattform eine Unterkunft. In Korrelation mit der Google-Suche ergibt sich ein klares Bild, das wir zudem als Auftrag verstehen sollten, kreativ die Wohnungsmisere in den Großstädten anzugehen.

Klar ist: Es gibt erste Anzeichen, dass der Brexit junge Leute in Großbritannien dazu veranlasst, sich auf dem Festland nach neuen Perspektiven umzusehen.

Der 29. März 2019 ist längst null und nichtig. Wertvoll wird er wohl nur für die Sammler sein, die eine der 50-Pence-Münzen ergattern, auf dem die britische Münzprägeanstalt das ursprüngliche Brexit-Datum geprägt hat. Ansonsten kennt das fast drei Jahre zähe Ringen darum, ob das Vereinigte Königreich die EU kontrolliert, kaum Gewinner. Verlieren wollen die Unternehmen nicht, die sich dies- und jenseits des Kanals auf das befürchtete Chaos in Personal-, Logistik- und Finanzierungsstrukturen vorbereiten. Gedanklich mit den Folgen eines wie auch immer gearteten Brexits beschäftigen sich offensichtlich auch junge Fachkräfte, die ihren Wohnsitz in Großbritannien haben. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung, die wir bei HousingAnywhere durchgeführt haben. 

Unter HousingAnywhere.com haben wir 2013 angefangen, eine Mietplattform hochzuziehen, die heute internationale Studenten in 50 Ländern mit Vermietern zusammenbringt. Aber auch Young Professionals, also Berufseinsteiger, suchen für drei bis neun Monate oder länger im Ausland eine Bleibe. Diese Gruppe fasst im Wesentlichen Bachelor- und Master-Absolventen zusammen, die 25 bis 34 Jahre alt und vor Kurzem in den Beruf eingestiegen sind. Ihr Suchverhalten auf HousingAnywhere.com haben wir uns von Dezember 2018 bis Juni 2019 angeschaut. Die Zielgruppe wurde aus unseren Website-Besuchern genau herausgefiltert und um das normale Wachstum bereinigt.

Ein Drittel mehr Suchanfragen

Demnach suchten im besagten Zeitraum die Nachwuchskräfte aus Großbritannien deutlich eifriger nach Unterkünften auf dem europäischen Festland. Das unterstreicht die um 33 Prozent gestiegenen Anfragen gegenüber den Vormonaten. Untermauern lässt sich dieses Untersuchungsergebnis, indem wir es zu Suchanfragen auf Google im selben Zeitraum in Bezug setzen. So führt das Google-Ranking für die meistgesuchten Ziele in der EU im Dezember 2018 und Juni 2019 München an, das 316,42 Prozent mehr Anfragen von der Zielgruppe aus Großbritannien verzeichnet. Dahinter folgen Genf (plus 235,77 Prozent) und Helsinki (plus 175,11 Prozent).

Die Suchanfragen bei uns auf HousingAnywhere und bei Google fügen sich zu einem stimmigen Bild, wonach junge Fachkräfte durchaus erwägen, in Folge des Brexits in die EU auszuwandern. Natürlich sagt diese Momentaufnahme nichts darüber aus, wie viele Young Professionals tatsächlich Großbritannien im Falle eines No-Deal-Brexits, Neu-Referendums oder Brexit-Aufschubes um bis zu zwei Jahre verlassen würden. De facto planen Unternehmen, ihren Sitz nach Europa zu verlegen, was junge Fachkräfte motivieren wird, den Schritt ins Ausland zu gehen. Nicht zu unterschätzen ist ein weiterer Fakt: Fast jede zweite Suche auf unserer Plattform nach Wohnungen in der EU aus Großbritannien stammte Anfang des Jahres aus London (45,5 Prozent), wo es jungen Fachkräften sowieso schwerfällt, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Da wirkt eine durchschnittliche Wohnung von ungefähr 1.300 Euro im Monat in München schon erschwinglicher. 

Ideen, die bereits durchstarten

Insbesondere Städte, die bei Young Professionals hoch im Kurs stehen, sollten sich auf einen möglichen Andrang einstellen. Allerdings übersteigt jetzt schon die Nachfrage das Angebot in den Metropolen. Wie stark die Mieten steigen, zeigt unserer HousingAnywhere International Rent Index. Nehmen wir nur als Beispiel Berlin. Dort sind die Mietpreise in einem Jahr bei Studio-Apartments um 6,13 Prozent auf 1.125,36 Euro hochgeklettert. Um mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ist auch Kreativität und Startup-Mentalität gefragt – wie bei Guardisto, ein Anbieter von Leerstandsmanagement. Wohnungssuchende können sich dort als „Raumwächter“ bewerben und auf begrenzte Zeit in leerstehenden Immobilien wohnen. Dafür zahlen sie nur eine geringe Verwaltungsgebühr. 

Auch neue Technik wie 3D-Druck kann helfen, die Zahl der Unterkünfte durch effizienten Wohnungsbau zu erhöhen. In Spanien druckt das Startup „Be More 3D“ in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Valencia 24-Quadratmeter-Häuser. Für die Zukunft sind größere Unterkünfte geplant. Ein Neubau mit 70 Quadratmetern Fläche könnte in weniger als 24 Stunden gedruckt werden und kostet 50.000 Euro. In den Niederlanden arbeitet die Technische Universität Eindhoven gemeinsam mit dem Architekturbüro Houben & Van Mierlo am Projekt Milestone. In den nächsten Jahren sollen fünf 3D-gedruckte Häuser entstehen, die ersten davon 2019.

Einstiegschancen schaffen

Es gibt also Ansätze, die angespannte Wohnungssituation in den Metropolen zu entschärfen. Die Young Professionals bilden zwar nur eine kleine von vielen Gruppen auf der Nachfrageseite, die dennoch ihre Aufmerksamkeit verdient. Generell bereichern Nachwuchskräfte sowohl Unternehmen als auch das Stadtleben. Deshalb sollten wir auch den jungen Fachkräften aus Großbritannien, wohin es sie nach einem Brexit auch ziehen mag, gute Karrierechancen ermöglichen.

Autor: Djordy Seelmann

Djordy Seelmann ist CEO von HousingAnywhere. Er hat mehrere Abschlüsse im Bereich Wirtschaft und Recht und hat Masterabschlüsse in Finanzen und Finanzrecht (cum laude). Während seines Studiums absolvierte Seelmann unter anderem Praktika bei einer renommierten Anwaltskanzlei sowie einer internationalen Investmentbank und gründete ein Personalvermittlungsunternehmen für Hochschulabsolventen im Rechtssektor. Seit seinem Eintritt in das Unternehmen als Vice President Product Development vor fünf Jahren hatte Seelman das Ziel, HousingAnywhere zu der globalen Plattform weiterzuentwickeln, die sie heute ist.

Bild: Djordy Seelmann, CEO HousingAnywhere (Bildquelle: HousingAnywhere)

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