Was sind ihre Schmerzpunkte?

BLP Digital entwickelt künstliche Intelligenz, die selbständig Daten aus Dokumenten extrahiert

Stellen Sie sich und das Startup BLP Digital doch kurz unseren Lesern vor!

Mein Name ist Tim Beck und ich bin CEO und Co-Founder von BLP Digital. Zusammen mit meinem Bruder Sven und dem ehemaligen Google Manager Pedro Marques haben wir 2019 unser Unternehmen aus der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich ausgegründet. Wir entwickeln zusammen mit einem 10-köpfigen Team eine künstliche Intelligenz, die selbständig Daten aus Dokumenten extrahiert. Das mag jetzt etwas trocken klingen. Doch heutzutage müssen Büroangestellte immer noch in mühsamer und repetitiver Arbeit Daten aus auslesen und in ein System eintippen. Das mögliche Anwendungsgebiet einer solchen Software ist riesig, das Potenzial enorm. Denken sie an einen grossen deutschen Krankversicherer, der jährlich 70 Millionen Rechnungen bearbeiten muss. Da entsteht enorm viel Administrationsaufwand.

Warum haben Sie sich entschieden ein Unternehmen zu gründen?

Mein Bruder Sven und ich haben schon vor BLP erfolgreich 3 Startups zusammen gegründet, unter anderem eine Plattform für Augmented Reality. Die Leidenschaft für das Unternehmertum wurde uns quasi in die Wiege gelegt. Wir stammen aus einer Unternehmerfamilie, die ein ERP-Hersteller im produzierenden mittelständischen Gewerbe Deutschlands ist. Neben unserem damaligen AR Startup half ich ab und zu im elterlichen Betrieb aus. In einem Workshop bemerkte ich den grossen Aufwand, der für die Erfassung von Lieferscheinen nötig ist. Jede Lieferscheinposition muss in mühsamer Handarbeit kontrolliert und ggf. mengenmässig angepasst werden.

Zum Beispiel weichen die Liefermengen von Rohmaterialen wie z.B. Stahl technisch bedingt oft von den Bestellmengen ab. Auf der Suche nach einer geeigneten Softwarelösung erkannte ich das technische Problem. Die den Dokumenten zugrunde liegende Struktur kann von Computern nicht erkannt werden und insbesondere bei tabellarischen Inhalten scheitern die Computer nahezu immer. Als ich meinem Bruder Sven davon berichtete, hatte dieser den Vorschlag, Bilderkennungsalgorithmen aus seiner Forschungsarbeit an der ETH mit Algorithmen der Sprachverarbeitung zu verbinden. Uns war sofort klar, mit dieser Technologie können wir einen echten Impact auf Gesellschaft und Wirtschaft haben.

Ab dann nahm alles seinen Lauf. Wir hatten das grosse Glück, dass sich uns der erfahrene ex-Google Manager Pedro Marques anschloss. Dieser war davor schon selber erfolgreiches Entrepreneur, hat er doch sein erstes Startup Contrail Systems an Juniper Networks verkauft und war zudem einer der ersten Ingenieure bei Laserlike, welches an Apple verkauft wurde.

Welche Vision steckt hinter BLP Digital?

Unsere Vision ist es, repetitive Tätigkeiten von Büroangestellten signifikant zu reduzieren, um so einen positiven Einfluss auf Gesellschaft und Wirtschaft zu haben. Um dies zu erreichen, machen wir es zu unserer Mission, die beste automatische Dokumentenextraktionslösung zu entwickeln, unabhängig von Industrie und Dokumententyp.

Von der Idee bis zum Start was waren bis jetzt die größten Herausforderungen und wie haben Sie sich finanziert?

Besonders was die Rekrutierung von hochqualifiziertem und vor allem intrinsisch motivierten Personal anbelangt, hatten wir bis anhin enormes Glück. Unser diversifiziertes Team besteht ausschliesslich aus Software Ingenieuren mit ETH Background, eine der global führenden Institutionen im Bereich der Informatik und künstlichen Intelligenz. Unterstützt werden sie mitunter von Stefan Feuerriegel, ETH-Professor für Wirtschaftsinformatik. Im Gegensatz zu unserem Tech Team, fehlt es unserem Vertriebsteam jedoch noch an grauen Haaren. Dort haben wir somit sicherlich noch Aufholbedarf, um zukünftig umsatztechnisch schneller zu wachsen. Zurzeit sind wir finanziert aus eigenen Mitteln sowie staatlichen Förderzuschüssen. Eine zusätzliche Herausforderung dieses Jahr wird folglich das Auffinden eines passenden Investors sein, welcher uns nicht nur das nötige Kapital für das geplante Wachstum zur Verfügung stellt, sondern auch langfristig strategisch mit uns zusammenarbeiten will. 

Wer ist die Zielgruppe von BLP Digital?

In einer ersten Phase konzentrieren wir uns auf die Optimierung des Purchase-to-Pay-Prozesses (P2P) von mittelständischen Fertigungsunternehmen in der DACH Region. Wie bereits erwähnt, sind fertigende Unternehmen besonders von der Problematik der manuellen Dokumentenbearbeitung betroffen, da sie eine enorme Anzahl von Lieferscheinen und Rechnungen erhalten. Wie herausgefunden haben, kann bei einem typischen Maschinenbauunternehmen die Bearbeitung eines Lieferscheins zwischen 15 bis 20 Minuten dauern. Treiber dieses Aufwands sind mehrseitige Dokumente, unterschiedliche Bestell- und Liefermengen, die Notwendigkeit der Erfassung von Chargen- und Seriennummern oder eine heterogene Lieferantenlandschaft. Durch den entstehenden administrativen Aufwand verliert der produzierende Mittelstand so bis zu 1% des Umsatzes. Dort wollen wir mit unserer Lösung ansetzen.

Wie funktioniert BLP Digital? Wo liegen die Vorteile? Was unterscheidet Sie von anderen Anbietern?

Unsere Technologie beruht auf einer neuartigen Kombination aus Bilderkennung und Sprachverarbeitung. Das System ist in der Lage, Wissen von bereits verarbeiteten Dokumenten zu abstrahieren und auf neue Dokumente zu transferieren. Damit ist kein Anlegen von Templates oder Regeln wie bei bisherigen Automationslösungen mehr nötig. Unser System ist jedoch nicht nur eine reine Datenextraktionslösung. Wir sind der Überzeugung, dass der Mehrwert erst dann entsteht, wenn die Technologie tief in bestehende Prozesse integriert wird. Denn damit wird dem Nutzer die eigentliche Arbeit, welche im Abgleich und der Kontrolle der Daten besteht, abgenommen.

Unsere Software baut zudem auf bestehenden Geschäftslogiken auf und lässt sich an die kundenspezifischen Dokumententypen anpassen. Dadurch muss der Nutzer auch nicht umgeschult werden. Unsere Lösung bieten wir als einen klassischen Software-as-a-Service an, der sich mittels Standardschnittstellen in die bestehende IT-Architektur unserer Kunden integrieren lässt. Diese bezahlen anschliessend für ein bestimmte Anzahl an Dokumenten einen monatlichen Abo-Betrag. Die Kosten dieses Abos sind rund 80% tiefer als die Kosten, welche durch die manuelle Dokumentenbearbeitung entstehen würden. Und das bei rund 20x schnelleren Durchlaufzeiten.

Wie hat sich ihr Unternehmen mit Corona verändert?

Als Deep Tech Startup hatten wir insofern Glück, dass unsere Mitarbeiter*innen primär einen leistungsfähigen Rechner brauchen, um zu arbeiten. Es konnten somit alle bequem und in Sicherheit von zu Hause aus arbeiten. Da wir auch schon vorher sehr flexible Arbeitszeiten- und Orte förderten, mussten sich unsere Mitarbeiter auch nicht gross an die veränderten Bedingungen umgewöhnen. Trotzdem, der Koordinationsaufwand nahm schon sehr stark zu und weder Slack noch Zoom konnten das Problem der physischen Distanziertheit wirklich lösen. Und natürlich, in einem sehr familiären Startup wie unserem, vermissten alle die die gemeinsamen Mittagessen und Feierabendbier. Da half auch die tägliche virtuelle Kaffeepause nichts.

Wie haben Sie sich darauf eingestellt und welche Änderungen haben Sie vorgenommen?

Wir nutzen die gezwungenermassen etwas ruhigere Zeit im Vertrieb, um die Softwareentwicklung stark voranzutreiben. Zudem haben wir nun genügend Zeit, das Onboarding unserer P2P Alpha Software bei allen unseren 52 vertraglich zugesagten Kunden durchzuführen. Nebenbei arbeiten wir ausserdem zurzeit intensiv mit weiteren Softwarepartner an Integrationen zusammen. 

Wo sehen Sie in der Krise die Chance?

Aufgrund der Krise und der damit verbundenen hohen Unsicherheit sowie schwierigen Exportlage, ist der wirtschaftliche Druck auf unsere Zielgruppe hoch. Investitionen in neue IT-Projekte werden oftmals verschoben oder gar gestrichen. Trotzdem sehen wir Corona als grosse Chance für uns. Denn mit unserer Technologie können Unternehmen einfach ein hohes Kosteneinsparpotenzial erschliessen. Wie das Beratungsunternehmen Deloitte herausgefunden hat, wollen rund 80% der Unternehmen in den nächsten 3 Jahren ihren P2P Prozess automatisieren. Die Coronakrise birgt also ein grosses Potenzial, jetzt administrative Prozesse zu digitalisieren und die richtigen Kosteneinsparpotenziale zu erschliessen. Damit wappnen sich insbesondere KMUs rechtzeitig für das einsetzende Wirtschaftswachstum nach der Krise. Für uns gilt es sich somit geschickt als zuverlässigen Technologiepartner zu positionieren, welcher Unternehmen dabei hilft, ihre Geschäftsprozesse auf Effizienz zu trimmen.

BLP Digital, wo geht der Weg hin? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

In fünf Jahren soll BLP Digital ein global agierendes Unternehmen sein, dass Büroangestellte von repetitiven und mühsamen Administrationsarbeiten komplett entlastet. Mit unserer Lösung sollen sich Menschen auf sinnstiftende und wertschöpfende Tätigkeiten fokussieren können. 

Zum Schluss: Welche 3 Tipps würden Sie angehenden Gründern mit auf den Weg geben?

  1. Starkes Kernteam: Ein schlagkräftiges und intrinsisch motiviertes Kernteam zu haben, ist einer der wichtigsten Faktoren für ein erfolgreiches Startup. Insbesondere zu Beginn, wenn das Team klein ist, kann sich jede falsche Anstellung als fatal erweisen. Darum wähle dein Kernteam weise aus. Sei dabei bereit Kompromisse einzugehen und lasse deine wichtigsten Mitarbeiter Teil am Erfolg haben.
  2. Kundenorientierung: Oftmals verschwendet man zu viel Zeit damit, sich Sorgen um die Konkurrenz und das Markttreiben zu machen. Es ist jedoch viel wichtiger, sich konstant Gedanken um die Kunden zu machen. Was brauchen sie von einem Anbieter? Wie werden sie erfolgreich sein? Was sind ihre Schmerzpunkte? Sich mit den Antworten auf diese Fragen zu beschäftigen ist der Schlüssel zu Ihrem Erfolg.
  3. Unterstützung gibt es überall: Sei es ein staatliches Förderprogramm, der Zugang zu Ressourcen im Zuge eines Wettbewerbes/Accelerator Programms oder die Erfahrung anderer Gründer. Es gibt eine Vielzahl von Organisationen und Menschen, die dir beim Aufbau deines Unternehmens tatkräftig und beratend zur Seite stehen. Ganz ohne Gegenleistung. Darum verpasse die Chancen nicht, aktiv nach Unterstützung zu suchen.

Fotograf/ Bildquelle : Stefan Weiss/ETHZ

Weitere Informationen finden Sie hier

Wir bedanken uns bei Tim Beck für das Interview

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

Sabine Elsässer

Sabine Elsässer is founder and chief editor of the StartupValleyNews Magazine. She started her career at several international direct sale companys. Since 2007 she works main time as a journalist. While that time she learned more about the Startup Scene, what made her start her own Startup Magazine the StartupValleyNews.

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