blickshift: Eye-Tracking Technology

Gespräch mit Michael Raschke, Gründungsmitglied vom Startup blickshift

Wie kam es zu Eurer Idee? Und dann zu Eurer Gründung?
Unsere Idee entstand durch viele einzelne Schritte. Fangen wir mal mit dem Team an: Wir alle drei waren Doktoranden am Institut für Visualisierung und Interaktive Systeme der Universität Stuttgart. Michael und Bernhard kennen sich schon aus ihrem Software-Studium in Stuttgart, ich bin dann durch meine Promotion nach Stuttgart gekommen. Im Frühjahr 2014 haben wir uns das erste Mal unterhalten, was wir nach der Promotion machen wollen. Michael war schon selbstständig gewesen und ich hatte im Nebenerwerb während meiner Promotion ebenfalls eine eigene Firma. Für uns beide war klar, dass wir selbstständig weiterarbeiten wollen. Und Bernhard hatte einfach Lust darauf, Unternehmer zu werden.
Und dann war natürlich die nächste Frage für was wir ein Unternehmen gründen wollten. Um diese Frage beantworten zu können, haben wir einen Business Canvas verwendet. Da haben wir eingetragen, was wir alles an Know-how mitbringen, was uns in Zukunft interessiert und vor allem, was für Märkte für uns damit interessant sind. Das Ergebnis war, dass wir die am Institut entwickelten Analysetechniken für Eye-Tracking-Daten in ein kommerzielles Produkt integrieren wollten.
Nach der Erarbeitung des Business Canvas Models haben wir die erste Version unseres Pitchs erstellt und einer Handvoll Leuten gezeigt. Dann ging’s ans Schreiben eines Antrags für ein EXIST-Gründerstipendium. Das ist der obligatorische Weg für Doktoranden oder Studenten, wenn sie an einer Universität gründen wollen. Parallel dazu haben wir im Rahmen eines Forschungsprojektes mit einem großen Automobilhersteller aus Süddeutschland einen ersten Prototyp unserer Software entwickelt und sehr erfolgreich getestet. Als dann der Antrag an den Projektträger in Jülich rausgegangen war, haben wir angefangen unsere Idee vor potentiellen Investoren zu pitchen. So konnten wir zum einen nochmals weitere Meinungen zu unserer Gründungsidee einholen und zum anderen aber auch von Anfang an möglichst viele Kontakte in die Investorenszene knüpfen.
Seit 1. Juni 2015 sind wir dann mit EXIST gestartet und begannen unser Produkt zu entwickeln und Kontakte zu Kunden zu knüpfen. Das erste Projekt unseres Startups wickelten wir über die TTI GmbH der Universität Stuttgart ab. Das TTI ist eine Spezialität der Uni Stuttgart und erlaubt es uns Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern über eine eigene, dort geführte Abteilung Geschäfte zu machen. Eine wirklich sehr komfortable und sichere Methode, um betriebswirtschaftliche Abläufe kennenzulernen.

Wie setzt sich Euer Team zusammen? Wer ist für was zuständig?
Bernhard und Michael übernehmen die Programmentwicklung. Beide haben Softwaretechnik an der Uni Stuttgart studiert. Bernhard hat zu Navigationsunterstützung von blinden und sehbehinderten Menschen promoviert und Michael über Visual-Analytics-Techniken in der industriellen Produktion. Visual Analytics ist ein Spezialgebiet der Big Data Analytics und beschäftigt sich mit der Entwicklung neuer visualisierungsbasierter Verfahren zur Analyse sehr großer Datenmengen. Ich selber hatte in Stuttgart und Heidelberg Physik studiert und hab mich in meiner Promotion mit neuen Methoden und Techniken zur Evaluation von Visualisierungen beschäftigt. So kam das Eye-Tracking in die Gründung mit rein. Im Team bin ich für die Strategieentwicklung, das Marketing und die Kundenakquise zuständig.

Könnt Ihr – einem Laien – erklären, was genau ihr bei blickshift entwickelt?
Klar gerne. Stell Dir vor, Du bist daran interessiert wie Leute eine Graphik in einer Zeitung lesen. Dazu zeigst Du vielleicht zehn Leuten eine Graphik, gibst ihnen eine Frage, die sie mit der Graphik beantworten sollen und zeichnest dann deren Augenbewegungen. Für die Analyse gibt es heutzutage eine Handvoll Standardtechniken. Mit denen kannst du das prinzipiell schon mal machen. Aber sobald du detaillierter analysieren willst, wie die einzelnen Leute die Graphik angeschaut haben und ob es Gruppen von Betrachtern gibt, die sie ähnlich angeschaut haben, erreichen diese Techniken ihre Grenzen. Oder es wird extrem zeitaufwendig schon kleine Experimente auszuwerten. Um diese Nachteile zu beseitigen und eine extrem effiziente Analyse des Blickverhaltens von einer sehr großen Anzahl von Menschen auswerten zu können, haben wir eine Lösung entwickelt. Die basiert im Kern auf der Anwendung von Big Data Analytics Techniken in Kombination mit hochinteraktiven Visualisierungstechniken.

Für wen ist Eure Lösung?
Zum Beispiel für den Automobilbereich. Stell Dir folgende Situation vor: Du bist im Straßenverkehr unterwegs und erreichst eine dicht befahrene Kreuzung. Da sind andere Verkehrsteilnehmer wie Autos, Motorradfahrer, Fußgänger. Dann hat es noch Verkehrszeichen und Ampeln. Die Automobilfirmen sind jetzt daran interessiert, Dein Blickverhalten in dieser Situation auszuwerten, um ihre Fahrassistenzsysteme besser an deine Wahrnehmung in dieser Situation anzupassen. Also, quasi Dich vor Gefahren zu warnen, die du nicht richtig eingeschätzt oder nicht wahrgenommen hast. Also beispielsweise vor dem Fußgänger, der gleich die Straße queren wird und den du fast übersehen hättest. Dazu führen die Automobilfirmen, ihre Zulieferer und Forschungseinrichtungen umfangreiche Eye-Tracking-Experimente durch. Dazu zeichnen sie das Blickverhalten von etwa 50 bis 100 Probanden in mehreren Situationen auf, analysieren es und überführen die Erkenntnisse in Fahrermodelle, die dann später auf den Fahrzeugen dazu verwendet werden, um zu berechnen, was du wahrgenommen hast und was nicht. Diese Analyse ist extrem zeitaufwändig. Und wenn wir an das halbautomatisierte oder vollautomatisierte Fahren denken, das ja laut den Automobilfirmen kommen soll, müssen nicht nur 50 oder 100 Probanden ausgewertet werden, sondern tausende, wenn nicht sogar zehntausende. Nur damit können sehr zuverlässig Fahrassistenzsysteme ermöglicht werden. Wir kommen ins Spiel, wenn es darum geht, möglichst viele Probandendaten effizient mit wenigen Mausklicks auszuwerten. Heute muss hier noch sehr viel manuell erledigt werden. Daten müssen aus der einen Anwendung exportiert und in einer anderen importiert werden. Es müssen sehr viele Programme für die einzelnen Fragestellungen entwickelt werden. Das ist alles sehr zeitaufwendig und damit kostenintensiv. Außerdem können sich Fehler bei der Analyse einschleichen. Mit unserem Startup bieten wir hier eine Lösung an.
Eine andere Zielgruppe ist das Marketing. Dort werden sehr große Summe in die visuelle Darstellung von Produkten und Anzeigen gesteckt. Schon einfache visuelle Fehler können zu einem geringeren Absatz eines beworbenen Produktes führen. Um dies zu vermeiden, untersuchen Marktforscher die Wahrnehmung von Produkten und Werbung. Da stellen sich dann ganz ähnliche Fragestellungen wie im Automobilbereich. Hier können wir wieder mit unseren Algorithmen punkten. Mit unserer Software können wir eine quantitative Methode bieten, mit der standardisiert ohne subjektive Interpretation herausgefunden werden kann, welche Art von Gruppen es unter den Betrachtern einer Werbung gibt und wie diese die Werbung wahrnehmen. Daraus kann dann abgeleitet werden wie effizient die Werbung gestaltet worden ist und was verbessert werden muss. Und das wird mit unserer Software ebenfalls deutlich besser funktionieren, als es aktuell möglich ist.

Wie seid Ihr auf die CODE_n SPACES aufmerksam geworden?
Ich habe Andrej vom CODE_n Team Anfang Juni letzten Jahres auf einer Veranstaltung kennengelernt, dort hat er mir vom neuen CODE_n Innovationscampus erzählt und mich direkt eingeladen. Das habe ich dann auch gemacht – ich war sehr beeindruckt. Beim nächsten Termin war dann auch gleich das ganze Team dabei und wir haben vor allen – inklusive Moritz als Chef – nochmal unsere Gründungsidee gepitcht. Tja, und am 1. Februar sind wir eingezogen. Voll cool! Wir freuen uns echt, hier dabei sein zu dürfen.

Und was hat Euch zum Einzug bewogen?
Wir sind aus mehreren Gründen eingezogen. Zum einen gefällt uns einfach das Konzept. Oben im zweiten Stock die Corporates und Executives; unten im ersten die Startups. Das bietet extrem viel Potential und wir konnten so schon viele Kontakte zu hochrangigen Managern großer Firmen knüpfen. Zum anderen ist da das CODE_n Team selbst. Wir haben von Anfang an so viel Unterstützung bei so vielen verschiedenen Fragen bekommen. Wir können einfach den Gang runtergehen und fragen:Hey wie findet ihr dies und jenes. Dann sind da die verschiedenen Veranstaltungen, die von CODE_n organisiert werden. Die sind für uns aus Marketingsicht sehr interessant. Wir haben dort jedes Mal die Chance, unser Startup und unsere Produkte vorzustellen. So zum Beispiel letzte Woche bei der Veranstaltung „Ländle der Tüftler, Denker und Startups?!“ als Christian Lindner von der FDP zu Besuch war – zusammen mit vielen verschiedenen Vertretern großer Firmen aus der Umgebung. Dann sind da die Büroräume. Die gefallen uns einfach super. Das ganze offene und modulare Konzept lässt uns viele Möglichkeiten offen, unser Startup weiterzuentwickeln. Du merkst, ich könnte noch eine ganze Weile weitere Argumente anbringen, warum es sich lohnt in die SPACES einzuziehen.

Was sind für euch die größten Herausforderungen, denen man sich als Gründer stellen muss?
Da gibt es sehr viele. Und da darf man sich als Gründer auch nichts vormachen. Gründer zu sein, das heißt, ganz am Anfang anzufangen. Dort wo es noch nichts gibt. Wie sagte Jochen Schweitzer in der Sendung „In der Höhle der Löwen“: Mit der Hand am Arm. Und so ist es tatsächlich. Das fängt bei kleinen aber doch weittragenden Entscheidungen wie der Logofarbe des Firmennamens an und geht über technische Fragen wie beispielsweise der Plattform, auf der unser Produkt später laufen soll, über projektorganisatorische Fragen bis hin zur strategischen Ausrichtung des Startups. Was mich besonders beeindruckt, ist das Faktum, dass man als Gründer jeden Tag Entscheidungen treffen muss. Am Anfang ist das ganz schön anstrengend, weil man oft nicht gleich zu Beginn die ganze Tragweite einer Entscheidung sieht. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran und entwickelt Techniken, um möglichst gute Entscheidungen zu treffen. Wir selber gehen zum Beispiel immer so vor, dass wir zunächst möglichst alle Informationen zusammentragen und transparent für jeden vom Team durchgehen. Dann werden alle Pros und Contras diskutiert und es wirdentschieden.

Was sind aus Eurer Sicht die Vorteile der CODE_n SPACES Community?
Es ist auch ein berauschendes Gefühl, Gründer zu sein. Jeden Tag hast du die Möglichkeit, die Welt zu verändern. Wir dreibringen unsere Idee so voran wie wir sie uns vorstellen. Das schönste Gefühl ist es immer wieder, wenn wir von bestehenden oder potentiellen Kunden hören, dass unsere Lösung genau das ist,was sie schon seit Jahren gesucht haben. Dann merke ich, dass es die ganze Energie wert ist und wir wirklich einen Fußabdruck mit unserem Produkt und unserer Firma in der Welt hinterlassen können.

Wo seht ihr Euch in 10 Jahren?
Sehr schwierige Frage, die wir aber oft gestellt bekommen.(schmunzelt) Das hängt stark davon ab wie sich die Technik des Eye-Trackings verbreiten wird. Wir betonen immer gerne, dass wir unser Geschäftsmodell in zwei Stufen aufgebaut haben. Da ist zum einen das „schwäbische Startup“ wie wir es nennen.Das heißt, wir wollen in fünf Jahren immer noch hochinnovative Software schreiben und selber die Richtung der Firma bestimmen können. Das setzt ein eher konservatives Geschäftsmodell voraus. Allerdings können wir dieses Modell auch erweitern. Das ist dann unser „Berliner Startup“: Denn wenn wir mit unseren Algorithmen zeigen können wie innovativ die Eye-Tracking-Technik in Zukunft eingesetzt werden kann, ergeben sich sehr viele weitere Geschäftsmodelle. In diesem Szenario sehen wir uns dann mehr als Plattformanbieter. Die Entscheidung wo wir uns letztlich hinentwickeln werden, ist noch nicht getroffen. Unser erstes Ziel ist es jetzt erst einmal, eine Software anzubieten, mit der unsere Kunden zuverlässig und sehr effizient ihre Daten auswerten können.

Quelle CODE_n

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