Kaltes Wasser oder Warmschwimmen?

Welche Rolle Berufs- und Führungserfahrung bei erfolgreichen Gründungen spielt.

Heute Student, Morgen Chef? Die Vorstellung, durch mühsame Arbeit vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen, weicht heute dem Traum von der idealen Idee zum idealen Zeitpunkt. Die Generation E (wie Entrepreneur/in) wünscht sich vor allem eins: möglichst ohne Umwege als erfolgreiche/r Jungunternehmer/in einsteigen – millionenschwere Investments inklusive. Die großen Vorbilder aus dem Silicon Valley, die mit Mitte 20 ein Milliarden-Unternehmen führen, sind zwar hierzulande bei weitem nicht der Regelfall – nach wie vor enden fünf von sechs Venture-Capital Investitionen in Deutschland in einem (Total-)Verlust (Röhl, 2014) – dennoch ist die Start-up Szene eine vorwiegend von der jüngeren Generation gestaltete Branche. So ist der/die durchschnittliche Gründer/in 35 Jahre alt und damit gut 8 Jahre jünger als der Durchschnitt aller Erwerbstätigen in Deutschland (Kollmann et al., 2019). Mit 47,5 Prozent sind fast die Hälfte aller Gründerinnen und Gründer im Alter zwischen 25 und 34 Jahren (ebd.).

Während die jungen Gründer/innen auf Ideen, Risikobereitschaft und Unvoreingenommenheit setzen, verweisen die wenigen älteren Gründer/innen vor allem auf ihren größeren Erfahrungsschatz und ihre Gelassenheit im Umgang mit Hindernissen (z.B. Stölzel, 2018). Was davon erfolgsversprechender ist, konnte bisher nicht eindeutig benannt werden.

Ist es sinnvoll, nach (oder während) des Studiums ein Start-up zu gründen oder ist es ratsam andere Berufs- und/oder Führungserfahrung zu sammeln, bevor man mit der eigenen Idee durchstartet?

Zu diesen und anderen Fragestellungen forschen wir im APPLIED-Projekt („Analysis and Prediction of Performance of Leaders, Innovators & Entrepreneurs in the digital age“) an der BSP Business School Berlin. Ziel einer aktuellen Studienreihe in Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt ist es, mithilfe umfangreicher Datenanalysen unterschiedliche Faktoren zu identifizieren, mit denen sich Gründungserfolg vorhersagen bzw. steigern lässt. Die im Sommer 2019 befragten 585 Gründer/innen sind überwiegend männlich (76,4 %) und im Schnitt 37,9 Jahre alt, was in etwa der realen Alters- und Geschlechtsverteilung von Gründern/innen in Deutschland entspricht. Die meisten (88%) haben vor der Gründung Berufserfahrung (ohne Praktika) gesammelt, im Mittel über 8,5 Jahre. Über Führungserfahrung (disziplinarische Führung von mindestens drei Mitarbeitern) verfügt die Hälfte aller befragten Gründer/innen (51%).

Als Maß für den Gründungserfolg wurde bei jedem/r Gründer/in die gemittelte prozentuale Zielerreichung (Erfolgsindex) über bis zu fünf angegebene Teilziele erfasst. Anschließend wurde geprüft, ob ein statistischer Zusammenhang zwischen Berufs- und Führungserfahrung mit dem Erfolgsindex besteht. 

Die durchschnittliche Zielerreichung aller Gründer/innen liegt (Ausreißer-bereinigt) bei 63,9 Prozent und verdeutlicht, dass eine Erfüllung oder gar Übererfüllung gesetzter Ziele in der Gründerszene nicht die Regel ist. Die Zusammenhangsanalysen zeigen zunächst einmal, dass das Alter der Gründer/innen als solches keine Rolle bei der Zielerreichung spielt (r = .08, p = .15). Weder ältere noch jüngere Gründer sind also per se erfolgreicher. Dazu passt, dass auch die Dauer der vor der Gründung gesammelten Berufserfahrung nicht in Zusammenhang mit dem späteren Gründungserfolg steht (r = .10, p = .09). Dass bzw. wie lange vor der Unternehmensgründung allgemeine Berufserfahrung gesammelt wurde, sagt somit nichts darüber aus, ob und wie stark ein Gründer oder eine Gründerin gesetzte Ziele erreicht. Das entspricht Erkenntnissen aus der Personalforschung, die ebenfalls aufzeigen, dass bloße Erfahrung als solche nicht automatisch zu höherem Erfolg führt (Kanning & Fricke, 2013).

Betrachten wir statt der allgemeinen Berufserfahrung dagegen die konkrete Führungserfahrung, d.h. die Jahre, in denen Gründer/innen vor der Gründung eine Führungsposition bekleidet haben, zeigt sich ein signifikanter, positiver Zusammenhang mit dem Gründungserfolg (r = .21, p < .01). Übersetzt: Je länger Gründer/innen vor der Gründung ein Team oder eine Abteilung geleitet haben, desto besser werden tendenziell auch die Unternehmensziele erreicht. Plausibel, wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Geschäftsmodelle auf schnelles (personelles) Wachstum ausgerichtet ist und Gründer/innen von Tag eins in der Führungsrolle agieren müssen. Wie in der Grafik deutlich, übertreffen die alten Hasen (langjährige Führungserfahrung) die „First time leaders“ um ganze 22,2 Prozentpunkte.


Abbildung 1. Zielerreichung der Gründer/innen und vorherige Führungserfahrung (FE).
Die durchschnittliche Zielerreichung der Gründer (roter Linie) liegt bei 63,9 Prozent.

Der hier abgebildete Gruppenvergleich liefert zwei weitere Erkenntnisse: 

1. Offenbar ist schon ein geringes Maß an Führungserfahrung das Zünglein an der Waage, um überdurchschnittlich zu performen. Zwischen Gründer/innen mit 1-2 Jahren Führungserfahrung und Führungsunerfahrenen liegen ganze 14,6%. Bei einem selbst- oder investorenseitig gesetzten Umsatzziel von 5 Millionen Euro entspräche dies einem Mehrwert von 730.000 Euro.

2. Die mittlere Zielerreichung von Gründer/innen mit mehrjähriger Führungserfahrung (drei bis fünf Jahre) fällt unterdurchschnittlich aus. Denkbar wäre, dass in dieser Gruppe eine andere Gründungsmotivation, möglicherweise auch eine andere Art der Leistungsbereitschaft vorherrscht. Ob dieser Befund jedoch tatsächlich praktischer oder nicht eher methodischer Natur ist, werden wir durch weitere Analysen klären. 

Was unsere Daten jetzt schon nahelegen:

Weniger als die reine Dauer an Berufserfahrung spielt die (dabei) erworbene Selbsterfahrung im Führungskontext eine Rolle. Gründer scheinen gut beraten, sich frühzeitig mit den Herausforderungen der Mitarbeiterführung zu beschäftigen und gezielt grundlegende (oder langjährige) Führungserfahrungen zu sammeln. Alternativ könnten Gründer/innen (oder Investoren) auf führungserfahrene Unterstützung setzen, sei es durch persönliches Coaching oder eine/n (langjährige/n) führungserfahrene/n Parter/in.

Literatur

Kanning, U. P. & Fricke, P. (2013). Führungserfahrung: Wie nützlich ist sie wirklich? Personalführung 1/2013, 48-53.

Kollmann, T., Hensellek, S., Jung, B. & Kleine-Stegemann, L. (2019). Deutscher Startup Monitor 2019. Bundesverband deutsche Startups e.V.

Röhl, K.-H. (2014). Venture Capital: Ein neuer Anlauf zur Erleichterung von Wagniskapitalfinanzierungen. Institut der deutschen Wirtschaft Köln. IW policy paper, 6, 2014.

Stölzel, T. (2018). Alt oder jung, wann ist die beste Zeit, ein Start-up zu gründen? Interview. WirtschaftsWoche, Gründer, 26. August 2018.

Über die Autoren

Lucas Fichter ist Wirtschaftspsychologe und Doktorand im Fachbereich psychologische Diagnostik an der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Untersuchung von Persönlichkeitsmerkmalen bei GründerInnen und deren Zusammenhänge mit Erfolgs- und Leistungskriterien.

Prof. Dr. Gräfin Charlotte von Bernstorff ist Professorin für Personalpsychologie an der BSP Business School Berlin. Sie forscht, lehrt und berät zu methodisch fundierten Vorgehensweisen und Datenanalysen im Personalbereich.

Aussagen des Autors und des Interviewpartners geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion und des Verlags wieder

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