Startups für Alte?

Trau keinem über 30?

Hat er’s gesagt oder nicht? Mark Zuckerberg soll als Anfang 20-Jähriger vor College-Alumni festgestellt haben, dass jeder über 30 ein „slow old man“ sei. Lässt man die Tatsache mal beiseite, dass auch für ihn absehbar gewesen sein muss, dass er irgendwann dieses stolze Alter erreichen würde (im Mai wird er 33), und ignoriert man auch die Frage, ob es in seiner Welt keine „slow old women“ gibt, dann stellt man fest: Die Startup-Welt ist immer noch eine Welt von Jungen für Junge.

Um Belege dafür zu finden, muss man nicht lange suchen: US-Ex-Startups – mittlerweile Riesen – wie Facebook, Twitter, Spotify und auch heimische Gewächse wie Soundcloud, Lieferando und Monoqisind Unternehmen von jungen Gründern, die die Bedürfnisse einer jungen Zielgruppe befriedigen. Das liegt auch nahe: Am Puls der Zielgruppe zu bleiben, nötigt dem Team viel Fingerspitzengefühl ab – ein Fingerspitzengefühl, das sich eher einstellt, wenn man selbst zur eigenen Zielgruppe gehört.

Aber auch der beste Service und das innovativste Geschäftsmodell ändern nichts daran, dass auch junge Kunden jeden Euro nur einmal ausgeben können – und die Konkurrenz um diesen Euro ist groß. Anders sieht es in der Zielgruppe der über 50-Jährigen aus: Diese haben unter allen Altersgruppen in Deutschland die größte Kaufkraft, doch die digitalen Angebote für sie sind überschaubar.

Lösungen für Ältere: Bananenware, nein danke

Klar, das liegt auch daran, dass die digitale Kompetenz der jetzigen Seniorengeneration nicht so hoch ist wie die der Jungen – oder, wie Susann Keohane von IBM es kürzlich ausdrückte: „If you slap an Apple Watch on an 88-year-old, that’s not feasible for most 88-year-olds. That’s just not in their world.“ Doch niemand wacht eines Morgens alt auf und kann mit seiner Smartwatch plötzlich nichts mehr anfangen. Vielmehr stammten die bisherigen Alten aus Generationen, die eben nicht mit digitaler Technologie aufgewachsen sind – anders als die zukünftigen Alten, die wie in ihrem bisherigen Leben erwarten werden, dass die digitale Wirtschaft sich darum bemüht, ihnen den Alltag angenehmer und unkomplizierter zu machen.

An dieser Stelle tun sich große Chancen für Startups auf, die nicht nur das Naheliegende tun und einen Markt bedienen wollen, zu dem ihre Gründer selbst gehören. Im Bereich der digitalen Dienste für Senioren ist die Konkurrenz geringer und die Kaufkraft größer. Auch hier gibt es zwar nichts geschenkt – im Gegenteil, ein reiferer und weniger experimentierfreudiger Markt fordert mehr Benutzerfreundlichkeit und klar umrissenen Nutzen und toleriert weniger Bananenware („reift beim Kunden“). Aber als Belohnung winkt ein treuer Kundenstamm mit – dem demographischem Wandel sei Dank – großem Wachstumspotenzial. Und ein gutes Gewissen, denn wenn ein Service einem alten Menschen ermöglicht, den Alltag ein kleines bisschen selbständiger zu gestalten oder weniger Lebensqualität durch Krankheit einzubüßen, dann ist die Dankbarkeit beim Nutzer und bei Angehörigen wesentlich größer als gegenüber dem dreizehnten Instant-Messaging-Dienst, der auf dem Markt drängt.

Ambient-Assisted Living: Länger selbständig zu Hause

Ein Stichwort: Ambient-Assisted Living. Dieser Begriff beinhaltet Smart-Home-Lösungen, also die Vernetzung intelligenter Geräte und Apps im Haushalt, die speziell darauf ausgerichtet sind, dass ältere und kranke Menschen länger selbständig in den eigenen vier Wänden bleiben können. Konkreten Nutzen haben beispielsweise Fallsensoren, die selbständig Angehörige oder Pflegedienst alarmieren, wenn ein Bewohner gestürzt ist – sozusagen die intelligente Form des altbekannten Hausnotrufs. Problem: Fallsensoren wurden bisher oft aufwändig im Fußboden verbaut. Eine elegantere Lösung marktreif zu machen, haben sich nevisQ aus Aachen zum Ziel gesetzt.

Auch Angehörige brauchen Hilfe

Ein Startup, das Dienstleistungen für Senioren anbieten will, kann diese auch auf dem Umweg über Angehörige an den Mann oder an die Frau bringen. Diesen Weg gehen Seniorly in den USA und Careship in Deutschland, die ähnliche Geschäftsmodelle haben. Seniorly, das selbsternannte „Airbnb for assisted living“, vermittelt kurzzeitige Wohnplätze in Seniorenheimen. Careship vermittelt Betreuer und Gesellschafter, die ins Haus kommen oder mit dem Nutzer kulturelle Angebote wahrnehmen. Beide Plattformen beraten auch zum Thema Kosten (in Deutschland beispielsweise zur Übernahme durch die Pflegeversicherung und steuerliche Absetzbarkeit).

Fazit: Ob Ihr die Gründung plant oder bereits im Geschäft seid – der Markt an digitalen Dienstleistungen für Senioren wächst und ist in jedem Fall eine sorgfältige Analyse wert!

Einen guten Überblick darüber, welche Dienstleistungen ältere Menschen gern in Anspruch nehmen – online und offline – und welche Lösungen bereits auf dem Markt sind, gibt es auf der Community-Seite Seniorentreff.

Bild: unsplash.com

Christina Czeschik

Dr. Christina Czeschik ist Ärztin für Medizinische Informatik. Sie schreibt Bücher und Artikel über E-Health, Medizin-IT und Datenschutz und analysiert als unabhängige Beraterin das Marktumfeld für Startups und KMU, die in die Gebiete E-Health und digitale Medizin einsteigen möchten. Nach Feierabend schreibt sie als Jo Koren Science-Fiction-Romane und bloggt auf blinkenmed über Neues aus der Medizintechnik. Webseite  Xing

KOSTENLOSER NEWSLETTER

Erhalten Sie regelmäßig die neuesten Updates der internationalen Startup-Szene!